ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn es doch zu abweichendem Verhalten kommt?

Näser-Lather: Neben Gleichheit ist Stärke eine wichtige Norm, und manche setzen Stärke mit heterosexueller Männlichkeit gleich. Wenn Soldaten nun eine andere Art und Weise haben, sich zu bewegen und zu sprechen, dann stoßen sie auf Verachtung. Am stärksten zeigt sich das Spannungsfeld bei Homosexuellen. Ich hatte einen Interviewpartner bei den Fallschirmjägern, der wurde nach seinem Coming-out von seinem Vorgesetzten als "Schande für die Truppe" bezeichnet und gemobbt. Bei Frauen ist das ähnlich, denn auch Weiblichkeit wird mit Schwäche gleichgesetzt. Somit sind Homosexuelle und Frauen in einer ähnlichen Position.

ZEIT ONLINE: Nun sind Homosexuelle und Frauen ja nicht per se schwach.

Näser-Lather: Im Zweifel nützt ihnen das wenig. Es gibt eine Theorie, die besagt: Wenn eine Minderheit weniger als 15 Prozent der Mehrheit ausmacht, dann wird diese Minderheit vor allem über äußere Merkmale wahrgenommen und nicht über individuelle Charakteristika. Bei Frauen ist es derzeit ihr Geschlecht. Sie sind in den meisten Einheiten mit etwa sieben Prozent vertreten. Das bringt sie in eine schwierige Situation: Einerseits müssen sie Geschlechtergrenzen überwinden, um als gleichwertig anerkannt zu werden. Andererseits kann der Anpassungsdruck dazu führen, dass sie dann gar nicht mehr als Frauen wahrgenommen werden. Dagegen bleiben männliche Soldaten selbstverständlich männlich. Die Wahrnehmung von und die Toleranz gegenüber Frauen und Homosexuellen ist natürlich von Einheit zu Einheit unterschiedlich.

ZEIT ONLINE: Gibt es Ereignisse, die die Geschlossenheit innerhalb der Bundeswehr verstärkt haben? Die Aussetzung des allgemein verpflichtenden Grundwehrdienstes zum Beispiel?

Näser-Lather: Ich sehe eher die Auslandseinsätze als einschneidende Veränderung. Bei einigen Soldaten hat sich seitdem das Gefühl eingestellt, von anderen nicht verstanden zu werden. Sie haben etwas erlebt, worüber sie nicht reden können. Sie vermissen Anerkennung für ihre Leistungen. Damit besteht die Gefahr, dass sich in der Armee eine Art Parallelgesellschaft mit Tugenden bildet, die zum Teil nicht mit denen der Zivilgesellschaft übereinstimmen. Die Zivilgesellschaft wird zum Beispiel als pazifistisch und viel zu konsumorientiert verachtet. Dem setzen Soldaten militärische Tugenden wie Mut, Pflichtbewusstsein, Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit und Gehorsam entgegen. Manche Soldaten sehen sich als eine Art asketische Elite.

ZEIT ONLINE: Würde die Bundeswehr noch funktionieren, wenn man ihre Geschlossenheit aufbricht, zum Beispiel mit mehr Frauen und weniger Anpassungsdruck?

Näser-Lather: In Kampfsituationen wäre es schwierig, mehr Individualität zuzulassen. Da haben Strukturen wie Befehl und Gehorsam eine klare Funktion. Meines Erachtens könnte die Bundeswehr aber intern durchaus mehr Vielfalt erlauben. Es würde sicher nicht die Organisationsstruktur zerstören, wenn manche Leute längere Haare hätten, weniger fit wären oder keine Uniform trügen. Die meisten Personalsachbearbeiter werden wahrscheinlich nie ABC-Schutzmasken aufsetzen und kämpfen müssen. Andererseits kann mehr Freiheit für den Einzelnen natürlich auch bedeuten, dass sich manche ungerecht behandelt fühlen – und das wiederum könnte sich auf den Zusammenhalt auswirken.