Mit einem dicken Filzstift schreibt eine junge Frau auf dem Albert Square im Zentrum von Manchester auf ein Schild: "Fear divides, love unites" – Angst entzweit, Liebe verbindet. Ein Mann hält ein Schild in die Höhe, auf dem steht: "Love for all, hatred for none" – Liebe für alle, Hass für niemanden. Tausende Bewohner der englischen Arbeiterstadt haben sich vor dem neugotischen Rathaus versammelt, um am frühen Abend in einer Mahnwache der Opfer des Anschlages vom Montagabend zu gedenken. Ein Selbstmordattentäter hatte sich nach einem Popkonzert in die Luft gesprengt und 22 Menschen getötet.

Viele Leute sind gekommen, um zu demonstrieren, dass sie die Gewalt ablehnen. Eine Gruppe junger Männer ist in einen erhöhten Brunnen geklettert, in dem gerade kein Wasser ist. Ein Mann mit Glatze, der ganz vorne in dem Brunnen steht, hält eine englische Flagge vor sich, auf der Manchester steht. Über dem Platz hängt kaum eine Wolke im strahlend blauen Himmel. Viele tragen ihre Sonnenbrillen aber nicht nur wegen der Sonne. Die Gesichter der Menschen zeigen, wie schockiert sie über die furchtbare Tat sind, die sich am Abend zuvor ganz in der Nähe abgespielt hat.

Ärzte, Polizisten und Rettungshelfer mit "unglaubliche Geschichten"

Um Punkt 18 Uhr wird Musik gespielt. Behördenvertreter und einige geladene Gäste treten aus dem Rathaus. Unter ihnen sind Innenministerin Amber Rudd, Labour-Chef Jeremy Corbyn und der Sprecher des Unterhauses, John Bercow. "Wir werden allen Terroristen trotzen", sagt Manchesters Bürgermeister Eddy Newman in einer kurzen Ansprache. Die Lautsprecher sind zu schwach, um die Stimmen der Redner bis ganz nach hinten auf dem Platz zu tragen. Trotzdem halten auch da die Menschen inne und schließen sich dem Applaus der Zuhörerinnen und Zuhörer weiter vorne an.

Er könne sich nicht vorstellen, wie irgendjemand eine dermaßen undenkbare Tat verüben und 22 Menschen töten und 59 verletzen könne, sagt der Polizeichef vom Großraum Manchester, Ian Hopkins. "Meine Gedanken und die meiner Kollegen sind in dieser unglaublich schwierigen Zeit bei den Familien." Doch die Einwohner Manchesters hätten "der Welt unter entsetzlichen Umständen gezeigt, wie sehr sie sich um Andere kümmern." Er habe "unglaubliche Geschichten" von Ärzten, Polizisten und Rettungshelfern gehört, die aufgetaucht seien, um zu helfen, obwohl sie frei gehabt hätten. Die Tausenden Menschen auf dem Platz quittieren seine Äußerung mit tosendem Applaus.

Nach dem Polizeichef tritt der Dichter Tony Walsh ans Mikrofon. Er trägt sein Gedicht This is the place vor, eine Ode an die Stadt Manchester und an ihre Menschen. Es erinnert an die stolze Vergangenheit der Industriestadt. Das Gedicht endet mit den Worten: "Erinnere Dich immer, vergiss nie, auf ewig Manchester."

Nach einer Schweigeminute gehen die Behördenvertreter und ihre Gäste wieder ins Rathaus zurück. Irgendwo vorne beginnt jemand, "Manchester" zu skandieren, im Rhythmus eines Fußballreims. Der ganze Platz stimmt darin ein. Für ein, zwei Minuten hallt der Name der Stadt durch ihre engen Gassen. Danach brechen die Menschen wieder in tosenden Applaus aus.

Mehr Blutspender als potentielle -empfänger

"Wir geben nicht auf", ist aus den Reihen der Zuhörer zu hören, als die Menschen vom Platz gehen. Eine blonde Frau um die 30 mit dunklem Kleid und Sonnenbrille deutet auf ein Pflaster an ihrem linken Arm. Sie habe gerade Blut gespendet, erzählt sie. Dabei habe sie Ärzte und Rettungshelfer getroffen, von denen viele seit gestern Nacht durchgemacht hätten. 

Tatsächlich sind so viele Bewohner Manchesters zu den Krankenhäusern der Stadt gefahren, dass die Behörden bereits am Nachmittag darum baten, kein Blut mehr zu spenden. Nur noch Menschen, die Blutspendetermine hätten, sollten erscheinen, dazu Menschen mit der Blutgruppe 0 Negativ.

Sie finde es erstaunlich, sagt die blonde Frau, wie viel Hilfsbereitschaft die Bewohner der Stadt gezeigt hätten. Privatpersonen und Hotels haben Gestrandeten über Twitter kurz nach dem Anschlag kostenlose Unterkünfte angeboten. Taxifahrer haben nach dem Anschlag Menschen gratis aus der Innenstadt gebracht. Die Krankenhäuser, in denen die Verletzten des Anschlages betreut werden, haben Berge an Lebensmitteln gespendet bekommen. 

Eine junge Polizistin, die auf einem kleineren Platz in der Innenstadt steht, deutet auf einen Kaffeebecher, den sie in der Hand hält. "Den hat mir jemand geschenkt", sagt sie. Dabei trinke sie eigentlich gar keinen Kaffee. Einem Spendenaufruf der Tageszeitung Manchester Evening News sind außerdem derartig viele Menschen gefolgt, dass bereits am frühen Abend mehr als 600.000 Pfund zusammen gekommen sind. Das Geld soll an die Familien der Getöteten und Verletzten des Anschlages gehen.