Beschreibende Erzählung statt prüfbarer Analyse – Seite 1

Eine Forschungsgruppe aus Göttingen sollte im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums neue Antworten finden auf die Frage, warum in Ostdeutschland rechtsextrem motivierte Gewalttaten und generell rechtsextreme Einstellungen weiter verbreitet sind als in Westdeutschland. Am 18. Mai stellte die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder die Studie Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland schließlich vor – und entfachte kontroverse Debatten.

Schon mit der Überschrift ihres Berichts erwecken die Autoren den Eindruck, als wären ihre Befunde repräsentativ für Ostdeutschland. Im Fazit der Studie heißt es unter anderem, die Transformation Ostdeutschlands von einer autoritären antipluralistischen zu einer demokratischen politischen Kultur werde erschwert durch "Entpolitisierungsphänomene": Viele ostdeutsche Bürgerinnen und Bürger erwarteten vom Staat fürsorgliche Problemlösungen und hätten an kontroverser politischer Meinungsbildung nur wenig Interesse. Dies könne Ausdruck mangelnder politischer Bildung sein.

Es wird unterstützt, wenn Stadtverwaltungen "aus Sorge um Ruhe und Ordnung politische Auseinandersetzungen um die Integration von Ausländern und den Umgang mit Fremdenfeindlichkeit unterdrücken und auf diese Weise dafür sorgen können, dass sich diese Konflikte auf der Straße umso gewaltsamer entladen", heißt es in der Studie. Zwar betonen die Autoren vielfach, dass sie regional unterschiedliche Ausprägungen dieser Problematik gefunden hätten, diese Differenzierungen gehen jedoch in der öffentlichen Debatte verloren.

Kritik aus politischem Kalkül?

Die Medien sehen in der Studie eine Bestätigung landläufiger Erwartungen und Befürchtungen, dass Ostdeutsche immer noch nicht in der gesamtdeutschen Realität angekommen seien. Dass mit ihnen bei der Entwicklung zu einer weltoffenen, demokratischen und gerechten Gesellschaft bis auf weiteres nicht zu rechnen ist.

Woran liegt das? Warum gehen regionale Differenzierungen verloren, obwohl die Studie behauptet, sie zu berücksichtigen? Die harsche Kritik macht stutzig, insbesondere aus der sächsischen CDU. Sie bemängelt das methodische Vorgehen in der Studie: Man könne nicht auf Basis von 40 Interviews in drei Orten Sachsens und Thüringens Aussagen über die politischen Haltungen der Ostdeutschen insgesamt treffen. Ist diese Kritik ein bloßes Relativieren unbequemer Wahrheiten aus politischem Kalkül? Vertreter der sächsischen Landesregierung hatten schon abgelehnt, überhaupt an der Studie teilzunehmen. Dass sie nun gegen ihre Ergebnisse protestieren, wäre nur konsequent.

Was ist dran an der methodischen Kritik der sächsischen CDU? Sie zielt auf zwei Aspekte: erstens die regionale Begrenzung und zweitens die Anzahl der Interviewpartner. Die regionale Begrenzung ist sinnvoll für die Fragestellung der Studie nach der "Bedeutung des regionalen und kommunalen Kontexts" für die Verbreitung von Rechtsextremismus. Geplant waren "vergleichende Sozialraumanalysen": Für die drei untersuchten Orte, die durch rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten (Freital, Heidenau) beziehungsweise eine starke rechtsextreme Szene (Erfurt-Herrenberg) aufgefallen sind, sollten Zusammenhänge zwischen ökonomischen und sozialstrukturellen Bedingungen, sozialmoralischen Milieus, individuellen politischen Orientierungen einerseits und beobachtbaren Strukturen rechtsextremistischer "Angebote" andererseits identifiziert werden, um Aussagen über Ursachen der Erfolge des Rechtsextremismus machen zu können. Leider setzen die Autoren dieses Untersuchungskonzept nicht konsequent um.

Sie verzichten darauf, systematisch nach Zusammenhängen zwischen diesen Faktoren zu suchen und beschränken sich darauf, die lokalen Bedingungen allgemein zu beschreiben und plausible Annahmen über die gesuchten Zusammenhänge zu formulieren. Es entstehen beschreibende Erzählungen statt nachprüfbarer Analysen. Damit ebnen sie unzulässigen Verallgemeinerungen über die untersuchten Orte hinaus selbst den Weg.

Steilvorlage für eine Pauschalkritik

Auch der zweite Kritikpunkt, die scheinbar geringe Anzahl von Interviews, ließe sich leicht widerlegen, wenn die Studie den Regeln der Methoden qualitativer empirischer Sozialforschung folgen würde. Dies tut sie jedoch nicht. Vierzig nach den Regeln der Kunst ausgewählte, durchgeführte und interpretierte Interviews können zu weitreichenden abgesicherten Ergebnissen führen. Die Voraussetzung wäre jedoch, dass nachvollziehbar dargelegt wird, dass die befragten Expertinnen und Experten zu den relevanten Faktoren der Sozialraumanalyse aus eigenem Erleben Auskunft geben können. Die zusätzlich befragten "durchschnittlichen Bürger" scheinen zufällig ausgewählt.

Dabei sollen am Ende jeweils sechs bis acht Personen "sowohl den Alters- als auch den Geschlechterdurchschnitt sowie die Verteilung nach Berufstätigkeit/Ausbildung/Arbeitslosigkeit/Rente der jeweiligen Untersuchungsorte einigermaßen repräsentativ abbilden". Das kann nicht funktionieren. Hier zeigt sich ein weiterer innerer Widerspruch der Studie: Es geht in der qualitativen Sozialforschung nicht um repräsentative Abbildung, sondern um die Suche nach ursächlichen Zusammenhängen, wie sie sich in den Argumentationsstrukturen der Befragten zeigen. Dafür muss nachvollziehbar dokumentiert werden, zu welchen Ergebnissen die unterschiedlichen Untersuchungsschritte geführt haben. 

Es scheint keine Ambivalenzen zu geben

Es wird nicht systematisch unterschieden zwischen den Aussagen der befragten Experten, die über die Ortsansässigen und deren Lebensbedingungen sprechen, und den biografisch geprägten Wahrnehmungen der übrigen Befragten. Dadurch gehen die verschiedenen Perspektiven auf denselben Forschungsgegenstand verloren. Folgerichtig scheinen in den empirischen Ergebnissen der Studie keine Widersprüche und Ambivalenzen zu existieren. Die Autoren ziehen Interviewzitate lediglich illustrativ heran, statt sie zu interpretieren und zueinander in Beziehung zu setzen. Dies führt zu erschreckenden Mängeln der Ergebnisdarstellung.

Zum Beispiel wird gefolgert: "Wenn auf dem Herrenberg ein Lokalpolitiker behauptet, zu DDR-Zeiten habe es keine faschistischen Umtriebe gegeben; wenn sich in Freital niemand an die pogromartigen Angriffe auf das lokale GastarbeiterInnenwohnheim des Jahres 1991 erinnern kann oder will […], so ist all dies mutmaßlich Ausdruck einer selektiven Auseinandersetzung mit der Historie." Wir fragen uns, ob es nicht ebenso sehr Ausdruck einer selektiven Auseinandersetzung mit dem empirischen Datenmaterial ist, wenn sich ein solch einheitliches Bild der politischen Kultur in den untersuchten Orten ergibt. Für Schlüsse auf ursächliche Beziehungen wäre es sinnvoll und wesentlich produktiver gewesen, z. B. typisch verschiedene individuelle und kollektive Formen der Auseinandersetzung mit der Erfahrung rechtsextremer Gewalttaten herauszuarbeiten.

Irritierend ist zudem, dass viele Interviewpartner namentlich genannt werden. Das soll offenbar den Wahrheitsgehalt der Erzählungen bekunden. Darin wird der eher journalistische denn wissenschaftliche Zugang dieser Studie deutlich. Qualitative Sozialforschung dient der Aufdeckung von unmittelbaren Zusammenhängen. Sie können sich in den Argumentationen der Befragten widerspiegeln, sofern die Befragten offen über ihre Erfahrungen und Einschätzungen sprechen und nicht etwa sozial erwünscht oder sogar politisch-strategisch antworten. Anonymität ist dafür eine notwendige Bedingung. Dieses Potenzial wurde in der Studie verschenkt. Solche geschlossenen Erzählungen führen eher zu weiterem Misstrauen und zu Abwehr, wie sie sich jetzt unter Rückgriff auf die Methodenkritik bei Vertretern der sächsischen CDU zeigt.

Ohne Zweifel gibt es in Ostdeutschland mehr rechtsextreme Einstellungen. Und ohne Zweifel hat dies mit Traditionen der DDR und mit Erfahrungen der Transformation zu tun. Vermutlich hat es auch mit Politikstilen von Parteien zu tun, die selbst unsicher scheinen darüber, wo die Grenzen des Grundgesetzes liegen und was man zu ihrer Durchsetzung tun kann. Schade ist nur, dass mit einer solchen Studie auf unsicherer methodischer Basis ein bestimmter Mainstream von Schuldzuweisungen unterstützt wird. Die Studie trägt dadurch ungewollt zur Verfestigung von Fronten bei. Sie liefert eine Steilvorlage für die Stigmatisierung von Ostdeutschen und für eine pauschale Abwehr gegen qualitative Sozialforschung.