Der leise Protest der Konservativen – Seite 1

Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17 , in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen. 

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Eigentlich hatte sie nur ein bisschen Kitsch auf Facebook gepostet. Ein rotes Herz, dahinter ein verliebtes Pärchen und eine Liebesbotschaft an die 66.000 Fans des Unternehmens Trigema. Valentinstag eben. Die Reaktionen, die Bonita Grupp auf ihr Posting bekam, waren nicht romantisch, sondern rassistisch. "Sogar hier ist ein Nigger eingeschmuggelt – das neue Volk", schrieb einer. "Hauptsache ein Neger", ein anderer. Der Mann auf dem Bild, ein Mitarbeiter von Trigema, war schwarz.

Bonita Grupp, 27 Jahre, betrachtet aus dem gläsernen Trigema-Besucherzimmer ihren Heimatort: eine Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb, 12.000 Einwohner, eigentlich eher ein Straßendorf. Burladingen klänge unbekannt, gäbe es hier nicht Bonitas Vater Wolfgang Grupp, einen der berühmtesten Mittelständler Deutschlands.

Er ist bekannt durch den bebrillten Affen kurz vor der Tagesschau, ist ein Mann klarer Worte und oft in den Talkshows. Der Unternehmer ist Garant von 1.200 Arbeitsplätzen und großzügiger Spender für die neue Stadthalle. Er ist der König von Burladingen. Und seine Tochter ist im Unternehmen für E-Commerce und die Facebookseite zuständig. "Man darf sich nicht verstecken in diesen Zeiten", sagt sie.

In Burladingen waren die Zeiten lange vor allem rabenschwarz. Im ganzen Land bekannt wurde der Wahlkreis, der wegen seiner außergewöhnlichen Geographie auch Bananenwahlkreis genannt wird, als die CDU 1987 einen plötzlichen Mitgliederzuwachs verzeichnete. Wolfgang Grupp hatte unter seinen Beschäftigten Beitrittserklärungen verteilt, um den Sohn der Trigema-Prokuristen zu unterstützen, der erfolgreich erst Landtagskandidat für die CDU wurde und dann tatsächlich ins Parlament einzog. Neben der CDU sitzt im Gemeinderat von Burladingen nur die Partei der freien Wähler, die noch konservativer als die CDU auftritt. Die SPD gilt als revolutionär und bekommt seit 15 Jahren keine Ortsgruppe zusammen.

1.200 Arbeitsplätze hängen in Burladingen an Trigema. © Joachim E. Röttgers für ZEIT ONLINE

Doch nun sehen die Konservativen in Burladingen zu, wie sich rechte Gedanken im Ort verbreiten. An vielen Orten in Deutschland sind Kräfte am rechtsextremen Rand erstarkt, doch im schwarzen Burladingen, vollzog sich der Rechtsruck bis in die erste Reihe der Politik. Es sind eben nicht nur Sprüche auf Facebook oder Hakenkreuze, die von Unbekannten ans örtliche Kino gesprüht werden. 

Die Sympathien des Bürgermeisters mit der AfD

Der Bürgermeister von Burladingen, der parteilose Harry Ebert, sympathisiert seit einem Jahr offen mit der AfD. Er postet Petry-Links und hat den AfD-Abgeordneten Hans Peter Stauch nach der Landtagswahl eilig bei sich empfangen und das Gespräch nachhaltig im Amtsblatt notiert. Den Besuch seiner Stadträte in einer Flüchtlingsunterkunft nannte der Bürgermeister "Asylantenschau", das kirchliche Heim für geflüchtete Jugendliche diffamierte er als "Armleuchterpojekt", seine Stadträte beleidigte er als "Landeier".

Ebert befindet sich mit seinen Botschaften mittlerweile im offenen Streit mit dem Gemeinderat. Seit Wochen redet er mit den Räten nur das Nötigste, mit der Presse spricht Ebert gar nicht mehr. Über den respektlosen Umgang haben sich die Stadträte bei der kommunalen Aufsicht beschwert, das Landratsamt hat ein Disziplinarverfahren gegen Ebert eingeleitet. Für viele Menschen in Burladingen ist der Gedanke unerträglich, dass Ebert bis 2023 an der Spitze der Stadt bleiben soll. Erst vor zwei Jahren wurde er für weitere acht Jahre im Amt bestätigt.

Wie wehrt man sich als Konservativer

Konservativ zu sein in Burladingen, das hieß bisher vor allem die Betten früh am Morgen aus dem Fenster zu hängen, damit die Nachbarn sehen, dass man nicht faul ist. Nun bedeutet konservativ zu sein auch, sich abgrenzen zu müssen gegen rassistische Gedanken. Aber wie wehrt man sich als Konservativer? Wenn man eher bewahren will, statt zu protestieren, wenn man nicht laut und Aktivist sein will, sondern eher ein Beobachter? Die Konservativen in Burladingen wollen es versuchen, weil es längst um den Ruf ihrer Stadt geht.

Burladingen ist eigentlich ein Straßendorf. © Joachim E. Röttgers für ZEIT ONLINE

Bisher jedoch ist der Protest in Burladingen leise und wenig erfolgreich. So pappt hinterm Rathaus am Schild "Kundenparkplatz" ein nur briefmarkengroßer Aufkleber: "Wer dem Rechtspopulismus nach dem Mund redet, hat sein Verantwortungsgefühl verloren und sollte als Bürgermeister abtreten." Der katholische Pfarrer, eine Instanz, die sich auf der schwäbischen Alb gewöhnlich um Probleme kümmert, ist 65 Jahre alt , hat viel zu tun ("110 Beerdigungen im Jahr") und will sich nicht in die Politik einmischen. Er sei kein Don Camillo, sagt er.

Und die Vereinsvorsitzenden halten sich zurück, weil sie ahnen, dass sie mit diesem Bürgermeister noch Jahre auskommen müssen. Schließlich muss auch künftig hier ein Vereinsheim renoviert oder dort ein Vordach genehmigt werden. Selbst der Unternehmerkönig der Stadt, Wolfgang Grupp, scheiterte bei dem Versuch, die Sprachlosigkeit zwischen Bürgermeister Ebert und seinen Stadträten zu beenden.

In Burladingen sind es die Frauen, die sich nicht einschüchtern lassen. Sie sprechen sich öffentlich gegen Fremdenfeindlichkeit aus. Wie Bonita Grupp, die nach den rassistischen Kommentaren unter dem Facebook-Posting Stellung bezog: "Wir dulden weder auf Facebook noch in unserer Betriebsfamilie Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder Religion". 

Dörte Conradi war einmal Fraktionsvorsitzende. © Joachim E. Röttgers für ZEIT ONLINE

Es sind die Frauen, die sich nicht wegducken und die Merkelsche Flüchtlingspolitik verteidigen, wie zum Beispiel die CDU-Fraktionsvorsitzende Dörte Conradi. Sie sitzt seit 20 Jahren im Gemeinderat, drei Mal war sie Stimmenkönigin, lange hat sie stillgehalten. Nun ist Schluss: "Ich halte es für inakzeptabel, wenn ein gewähltes Oberhaupt mit gängigen Phrasen und Vorurteilen Ängste der Bürger schürt", sagt sie. Mittlerweile ist Conradi aus Protest gegen Ebert zurückgetreten.

Die Schönmacherin

Rosi Steinberg hat es ihr Anfang diesen Jahres gleichgetan. Sie war einst stellvertretende Bürgermeisterin und gehört zu den Freien Wählern. Seit 45 Jahren ist sie die Schönmacherin der Gemeinde. In ihrem Kosmetiksalon erzählen die Bewohner von Burladingen unter der Entspannungsmaske so manches. Dass man den Bürgermeister Ebert doch endlich in Ruhe lassen solle. Aber auch, dass man ihn "het missa liega lau", als er mit seinem BMX-Rad gestürzt war. Was übersetzt so viel heißt wie: Man hätte nicht den Rettungshubschrauber holen sollen. Es herrscht ein rauer Ton auf der Schwäbischen Alb.

Rosi Steinberg ist noch Gemeinderätin, aber nicht mehr stellvertretende Bürgermeisterin. © Joachim E. Röttgers für ZEIT ONLINE

Steinberg will, dass wieder Frieden einkehrt. "Die Burladinger sind konservativ, aber keine Ausländerhasser", sagt sie. Ihre Taktik lautet Optimismus. Ihre Freunde nennen sie "Brause", weil ihr Temperament manchmal überschäumt. Sie  verehrt den König Wolfgang Grupp, "seine Eleganz, seine Aura". Einmal hat sie sich dabei ertappt, wie sie auf die Bremse stieg, als sie ihn am Straßenrad auf eine Lücke im Autostrom warten sah. So einer muss doch immer Vorfahrt haben. Sie hat dann doch wieder Gas gegeben, schließlich gibt es ja offiziell keine Könige mehr. Mit ihrer Fraktionskollegin Dörte Konradi und Bonita Grupp wird sie bald auf einem öffentlichen Podium gegen rechts sprechen.

Nicht abwählbar

Das mag harmlos klingen. Aber in einem Ort, in dem Protest keine Tradition hat, ist ein solches Statement zweier konervativer Politiker beinahe revolutionär. Direkt in Burladingen ist das Podium dann übrigens auch wieder nicht, sondern in einem Teilort, in dem traditionell die wenigen SPD-Stimmen herkommen. Dort gibt es die erste Frau als Ortsvorsteherin. Und dort hängt an der Bushaltestelle neuerdings das Grundgesetz.

Der Abgrenzungskampf der Konservativen in Burladingen hat dabei gerade erst begonnen. Denn selbst wenn nun ein Verfahren gegen Ebert läuft: ein Bürgermeister ist im Ländle letztlich nicht abwählbar. Oder wie man in Burladingen sagt: "Es ist einfacher, eine eingeölte Sau mit bloßen Händen zu fangen, als in Baden-Württemberg einen Bürgermeister los zu werden."

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