Angela Merkel wirkt so sympathisch. Ich finde sie so herrlich hölzern witzig, wenn sie sagt, dass sie schon während ihrer Schulzeit nicht in der Lage gewesen sei, ein Pokerface zu machen. Etwa wenn sie über "Situationskomik lachen" musste. Nachts in Hotels suche sie schon mal etwas länger nach dem Lichtschalter. Denn bei diesen Schaltern gebe es ja so moderne technische Entwicklungen, die sie mit zunehmendem Alter nicht mehr so gut nachvollziehen könne.

Doch das Lachen vergeht mir beim Mensch-Merkel-Interview mit der Brigitte am Montagabend im Maxim Gorki Theater von Berlin auch schnell wieder. Dass Merkel etwas länger braucht, um den Lichtschalter zu finden, ist beim Thema Ehe für alle zwar hinlänglich bekannt. Sie tue sich persönlich schwer damit, sagte sie noch vor vier Jahren im Bundestagswahlkampf. Jetzt aber hat sie ihren Schalter umgelegt. Oder sagen wir es so, sie dreht den Dimmer langsam auf. Etwas habe sich bei ihr verändert, ließ uns die Bundeskanzlerin wissen:

"Und deshalb möchte ich gerne die Diskussion mehr in die Situation führen, dass wir … dass es … dass es eher in Richtung einer Gewissensentscheidung ist, als dass ich jetzt hier per Mehrheitsbeschluss irgendwas durchpauke."

Mit diesem ungelenken Satz könnte Frau Merkel jetzt Geschichte schreiben. Die SPD kündigte in der Folge nun an, noch in der letzten Sitzungswoche über die Ehe für alle ohne Fraktionszwang abstimmen zu lassen.

Dafür bin ich der Kanzlerin unfassbar dankbar. Aber wie sie ihre angebliche Gewissensfrage begründet, lässt mich fassungslos zurück. Sie berichtete nämlich von einem "einschneidenden Erlebnis", das ihr an der Ostsee in ihrem Wahlkreis widerfahren war. Ich musste an den Tsunami in Fukushima denken, dessen Folgen die Atomkraft-Freundin Merkel angeblich in eine überzeugte Atomkraft-Gegnerin wandelte. Doch Merkels Ostsee-Tsunami entpuppte sich dann schlicht als eine lesbische Frau.

Merkels lesbischer Ostsee-Tsunami

Von dieser Frau sei sie, so die Bundeskanzlerin, eingeladen worden. Und zwar gerade weil sich Merkel nach eigenem Bekunden noch schwer mit der Volladoption von Kindern tue: "Passen Sie auf, kommen Sie mal zu mir nach Hause. Ich lebe da mit meiner lesbischen Partnerin und wir haben acht Pflegekinder", soll die Frau zur Bundeskanzlerin gesagt haben. "Die Pflegekinder leben schon viele Jahre bei uns. Und ich glaube, denen geht's gut. Kommen Sie uns mal besuchen", fuhr Merkel in ihrer Erzählung fort. Noch sei sie leider nicht da gewesen, sagte Merkel, "aber ich wäre gerne schon mal hingegangen". Fast mochte man Merkel hier loben. Doch dann kam Merkels Erkenntnis-Hammer:

Wenn das Jugendamt entscheide, man könne "bei einem solchen Paar" Kinder zur Pflege geben, dann könne man "nicht mehr ganz so einfach mit der Frage Kindeswohl argumentieren". Selbst hier wäre Merkels Geschichte noch zu retten gewesen, auch wenn es wahrlich kein Jugendamt braucht, um zu wissen, dass homosexuelle Paare nicht weniger gut oder schlecht für Kinder sein können als heterosexuelle. Doch die Kanzlerin legte leider nach, auch wenn sie es vielleicht nur gut meinte. So gerne wollte sie verständlich machen, dass ihr vorgebliches bisheriges Unbehagen doch nicht so gut begründbar ist, und machte damit alles schlimmer:

"Allein die Tatsache, dass deutsche Jugendämter so entscheiden, dass es besser ist, ein Kind in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung aufwachsen zu lassen, als bei Vater oder Mutter, wo vielleicht einer von zwei Elternteilen dem Kind jeden Tag Gewalt antun … Das ist ja doch eine Entscheidung, die muss ich in meine Urteil …"

Weiter kam Merkel hier nicht. Ein Mann im Publikum empörte sich. Er fand es unhaltbar, dass die Bundeskanzlerin allen Ernstes homosexuelle Paare mit gewalttätigen Hetero-Paaren vergleiche.

Die Brigitte-Chefredakteurin Brigitte Huber eilte Merkel zu Hilfe, weil Merkel das so doch gar nicht gemeint habe. Merkel merkte, dass ihr da was entgleiten könnte. Sie wirkte unsicher und hoch konzentriert und sagte: "Da haben Sie etwas falsch verstanden." Aber der Mann hatte eben nicht falsch verstanden. Stattdessen hatte Merkel den Mann falsch verstanden.

Merkels Homophobie für Fortgeschrittene

Denn natürlich meinte der Mann nicht, Angela Merkel habe gesagt, homosexuelle Paare seien vergleichbar mit gewalttätigen heterosexuellen Paaren. Aber die Bundeskanzlerin präsentierte schamlos ihre persönliche Erkenntnis, dass Jugendämter es tatsächlich für okay erachten, ein Kind seinen etwaigen Misshandlern zu entziehen, um es in die Obhut eines gleichgeschlechtlichen Paares geben. "Das sind eben Dinge", um es mit den Worten der Kanzlerin zu sagen, die sie "schon auch immer wieder sehr beschäftigen".

Warum Merkel mit dieser Erzählung nun Erfolg haben könnte? Weil viele Menschen noch immer genau so denken und noch schlimmer. Vielleicht wird man bald tatsächlich ein paar von den 33 Prozent, die noch gegen die Ehe für alle und gegen die Adoption sind, denken hören: "Ach, wenn das Jugendamt das sagt oder wenn die Merkel davon auch überrascht war, dann können die homosexuellen Paare ja gar nicht so schlimm sein." Natürlich ist das Unfug, und man will ihn gar nicht hören. Viel lieber will man weiter diesen Mann dafür loben, dass er sich vor lauter Empörung wild in den Raum echauffierte, ohne auf ein Mikrofon zu warten.