Der Auftrag, einen Dokumentarfilm über den Antisemitismus in Deutschland zu produzieren, endete mit einer Entgleisung, ja mit einem Etikettenschwindel. Im Mittelpunkt der umstrittenen Dokumentation Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa steht nicht der deutsche oder europäische Antisemitismus, sondern der Streit um Zionismus, Israel, Palästina, den muslimischen Terror. Damit positionierten sich die Filmemacher als Vertreter einer dubiösen Botschaft: Der Antisemitismus ist den Autoren zufolge eher bei Arabern, Muslimen und Linken (in Europa wie auch in Israel) zu finden, Israelkritik resultiert allein aus Antisemitismus.

Mehr noch: Weil das Endprodukt nicht dem Auftrag entsprach und der Auftraggeber den Film deshalb nicht zeigen wollte, entgleiste die öffentliche Aufregung. Die Diskussion kreiste nun um den Begriff Zensur und um den Verdacht, die Medien wollten mal wieder die Wahrheit unterdrücken. Die zentrale Frage wurde marginalisiert: Was hat der Film eigentlich mit dem deutschen Antisemitismus zu tun?

Die Dokumentation beginnt gleich mit einem Totschlagargument: Der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas wird mit Julius Streicher gleichgesetzt. Gesucht wurden also von Beginn an nicht die Deutschen, die die alte Stürmer-Tradition des Antisemitismus fortsetzen, sondern Nichtdeutsche, die von den Deutschen die Rolle der Verkünder antisemitischer Botschaften übernommen haben.

Ohne Zweifel benutzte Abbas ein eindeutig antisemitisches Klischee, das er später aufgrund der immensen und berechtigten Kritik zurücknehmen musste. Hätte er auf die abscheuliche Schrift israelischer Rabbiner hingewiesen, die das israelische oberste Gericht als rassistische Hetze gegen Nicht-Juden bezeichnete, anstatt sich dem Vorurteil über Juden als Brunnenvergifter zu bedienen, wäre gegen seine Rede nichts einzuwenden gewesen. So oder so hat dieser Vorfall mit dem Antisemitismus im heutigen Deutschland nur indirekt zu tun.

Die Tatsache, dass Antisemitismus unter Arabern und Muslimen in Europa durchaus verbreitet ist, bestätigen auch repräsentative Meinungsumfragen. Doch die Frage müsste ja lauten: Wie konnte es dazu kommen? In der Vergangenheit waren muslimische Gesellschaften gegenüber Juden in der Regel ja toleranter als die christlichen Gemeinschaften. Was führte also zur Wende?

Die Antwort ist klar: Seit Ende des 19. Jahrhunderts verließen die Juden das zunehmend antisemitische Europa. Als Zionisten haben sie in Palästina für sich das Recht auf nationale Selbstbestimmung in Anspruch genommen. Das hat den arabischen Nationalismus herausgefordert, der sich wiederum der aus Europa importierten antisemitischen "Argumente" bediente. Diese Instrumentalisierung von antisemitischen Klischees verschärfte sich seit dem Sechs-Tage-Krieg. Antisemitische Vorurteile als vermeintliche Antwort auf kollektive Frustration – das ist keineswegs neu.

Für das Thema Antisemitismus in Deutschland oder in Europa ist der arabische oder muslimische Antisemitismus jedoch nur insoweit relevant, als dass der europäische Antisemitismus eine Quelle dieser neuen Mutation des Antisemitismus war. Zudem leistet im postkolonialen Europa die massive Präsenz von Muslimen einen zusätzlichen Beitrag zum europäischen Antisemitismus.

Sich aber auf dieses Phänomen in einer Dokumentation über Antisemitismus in Deutschland zu konzentrieren, ist der falsche Ansatz. Wohin diese Sichtweise führen kann, zeigte die absurde Aussage von Benjamin Netanjahu, wonach der Initiator des Holocausts nicht Hitler, sondern der Mufti von Jerusalem war. Dass der Mufti mit Hitler kollaborierte und ein rabiater Judenfeind war, weiß jeder. Doch den Versuch eines Rollentausches zwischen ihm und Hitler müsste man auch als Leugnung der Schoah verurteilen.

Um den muslimischen Antisemitismus in Europa oder Deutschland zu bekämpfen, ist ein ganz anderer Zugang zum Thema erforderlich: Wenn man über Dinge wie Integration und die sogenannte Leitkultur diskutiert, sollte man auch überlegen, wie sich in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen antisemitische Vorurteile künftig noch stärker bekämpfen ließen.

Befangene Zeitzeugen

Der Film wirft noch eine Frage auf: Was haben eigentlich die Lage der palästinensischen Flüchtlinge, Israels Krieg in Gaza, die Aktivitäten der israelischen NGOs B'tselem oder Breaking the Silence, also Themen, die im Film ausführlich behandelt werden, mit dem deutschen Antisemitismus zu tun? Die Annäherung an diese Themen spiegelt eine gewisse Agenda wieder, jene nämlich, jegliche Kritik an der israelischen Politik für antisemitisch zu halten oder die progressive Haltung gegenüber außereuropäischen Flüchtlingen zu verneinen. 

Wer die politische Diskussion in Israel verfolgt, der weiß: Der im Film auftauchende Offizier, der Israels humane Kriegsführung in Gaza beteuert, ist der Vertreter einer NGO, die sich dem Kampf gegen Breaking the Silence widmet. Der alte sympathische 48er, der die Schuld für die Vertreibung oder Flucht der Palästinenser in die Schuhe der arabischen Führung schiebt, ist ein suspekter Geheimdienstler, der zum Politiker geworden ist. Ein dritter Interviewpartner ist ein Professor, der als rechtsorientierter Agitator alle kritischen NGOs als israelfeindlich einstuft, um nur einige Beispiele aus der Palette der angeblich unbefangenen Zeugen zu nennen, die im Film auftauchen. Und der wenig kundige Zuschauer ist auch nicht in der Lage, die List hinter der Delegitimierung einer Menschenrechtsorganisation wie B'tselem zu durchschauen. 

Israelkritik ist nicht per se Antisemitismus

Das Augenmerk der Filmemacher ist eben nicht allein auf Muslime oder Araber gerichtet, sondern auch auf Linke, vor allem deutsche Linke. Ein absurder Umgang mit der Realität. Dass der Sozialdemokrat Martin Schulz damals als Präsident des Europäischen Parlaments nicht auf den Brunnenvergiftungssatz von Mahmud Abbas reagierte und ein Mitglied der Partei Die Linke sich antisemitische Parolen erlaubte, reicht nicht aus, um die historische Warnung zu ignorieren: "Dieser Feind steht rechts". Darauf machte auch der beim Bundestag eingereichte Expertenbericht aufmerksam: Die Gefahr eines modernen Antisemitismus lauert eher im rechten Flügel, dessen Ideen auch in die Mitte der Gesellschaft hineindringen.

Der Film lenkt vom eigentlichen Problem ab, auf das auch die Expertenkommission zum Thema Antisemitismus hingewiesen hat: Noch immer, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, gibt es in Deutschland klassischen Antisemitismus. Etwa sechs Prozent der deutschen Bevölkerung kann man als Antisemiten bezeichnen, jeder Fünfte ist antisemitischen Behauptungen gegenüber nicht abgeneigt. 

Die Bezeichnung "antisemitische Israelkritik", die im Verständnis der Filmemacher Antisemitismus ausmacht, ist aber höchst problematisch. Klar: Die Kritik an Israel bietet Antisemiten eine nützliche Projektionsfläche, um ihren klassischen Antisemitismus zu tarnen. Andererseits ist aber nicht jede Kritik an der israelischen Politik und dem Umgang mit den Palästinensern zwangsläufig Antisemitismus. Man muss mit der Definition von Antisemitismus sehr genau  umgehen. Historiker und Antisemitismusexperten, die sich bislang nicht zu Wort gemeldet haben, könnten dabei zur Aufklärung der Öffentlichkeit beitragen.

Der Vergleich zwischen dem Bericht der Expertenkommission und dem Film beweist: Letzterer leistet keinen konstruktiven Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland.