Mitten auf der London Bridge stehen noch am Sonntagmorgen sechs rote Doppeldeckerbusse. Ein Polizeiboot fährt unter der Brücke durch, die ansonsten verwaist ist. Polizisten haben auf beiden Seiten der Themse die angrenzenden Viertel weiträumig abgeriegelt. Das Geräusch von Sirenen hallt über den Fluss.

Hier hat sich am Samstagabend der jüngste Terrorakt abgespielt, der bislang sieben Menschenleben gekostet hat. Kurz nach 22 Uhr fuhr ein weißer Lieferwagen auf der Brücke in die Menschenmenge. Um diese Zeit sind hier immer viele Menschen unterwegs. Die Gegend im Zentrum von London ist ein Anziehungspunkt für Touristen.

Am südlichen Ende der Brücke kam der Lieferwagen auf dem Gehweg zum Stehen. Augenzeugen berichteten, dass daraufhin drei Männer ausstiegen und sofort begannen, auf Menschen einzustechen. Über eine Treppe gingen die Angreifer in den darunter liegenden Borough Market, wo sich viele Restaurants, Bars und Pubs befinden. Auch hier griffen die Attentäter zahlreiche Menschen an.

Auf einer Aufnahme ist zu sehen, wie Polizisten kurz nach dem Beginn des Vorfalls in einen großen Pub stürmten und die Besucher aufforderten, sich auf den Boden zu legen. In einem anderen Pub stellten sich Gäste den Angreifern in den Weg und bewarfen sie mit Flaschen, Gläsern und Stühlen, um sie aufzuhalten. Viele Restaurants verriegelten die Türen. Etliche Besucher waren auf dem Markt über Stunden eingeschlossen. 

Angriffe in London am 3. Juni 2017

Weniger als zehn Minuten nach Beginn des Angriffs trafen bewaffnete Polizisten auf dem Borough Market ein. Vor einem Pub erschossen sie die drei Angreifer. In den sozialen Medien tauchte kurz darauf ein Foto auf: Es zeigt zwei der mutmaßlichen Angreifer, wie sie auf dem Boden liegen, Polizisten beugen sich über sie. Einer der Angreifer hat sich mehrere Behälter um den Bauch gebunden, die etwa die Größe von Cola-Dosen haben. Damit wollte er wohl den Eindruck erwecken, er trage einen Sprengstoffgürtel. Die Polizei sprach später von einer Attrappe. Der Angriff war damit vorbei.

Wahrscheinlich keine weiteren Angreifer

Die Behörden stellten sich jedoch darauf ein, dass sich der Vorfall fortsetzen könnte. Kurz vor Mitternacht veröffentliche die Metropolitan Police auf ihrer Website einen Appell, der Schlimmes befürchten ließ. In einer Grafik forderte sie Betroffene dazu auf, zu "rennen", sich zu "verstecken" und sich dann bei der Polizei zu "melden". Vor der Attacke zu fliehen sei besser, "als sich zu ergeben oder zu verhandeln", heißt es in der Beschreibung. Ganz offensichtlich hat sich die Polizei auf einen Angriff eingestellt, bei dem Attentäter versuchen würden, wie bei einem Amoklauf eine große Zahl an Menschen zu verletzen und zu töten.

Gegen 0.30 Uhr veröffentlichte Premierministerin Theresa May eine Erklärung, der zufolge es sich bei dem Vorfall "potenziell um einen Terrorakt" handeln könne. Nach ein Uhr morgens erschütterten vier laute Explosionen das Viertel: Die Polizei führte vier kontrollierte Explosionen durch.

Die Chefin der Metropolitan Police Force, Cressida Dick, erklärte am Sonntagvormittag, sieben Menschen seien bei dem Angriff getötet und 48 Personen seien verletzt worden. Dick erklärte, viele Passanten hätten ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um Verletzten zu helfen und die Angreifer zu stoppen. Sie lobte Freiwillige, Polizisten und Rettungskräfte. Sie bestätigte, dass Polizisten die Angreifer acht Minuten nach dem ersten Notruf getötet haben. Sie gehe nicht davon aus, dass es weitere Angreifer gebe, sagte sie dann. Die Polizei suche das betroffene Viertel dennoch weiter ab, um sicherzustellen, dass alle Angreifer getötet worden seien.

Die großen Parteien stoppten noch in der Nacht ihren Wahlkampf. Brexit-Minister David Davis sprach sich dagegen aus, die Parlamentswahlen, die auf den kommenden Donnerstag angesetzt sind, zu verschieben. Premierministerin Theresa May hielt am Vormittag ein eilig einberufenes Kabinettstreffen, an dem auch Sadiq Khan teilnahm, der Bürgermeister Londons.

Der dritte Terrorakt innerhalb weniger Wochen

Nach dem Treffen trat May vor ihrem Amtssitz in der Downing Street vor die Kameras. Sie trug Schwarz. May fasste den Stand der Ermittlungen zusammen und bedankte sich bei Polizisten, Helfern und Freiwilligen. Dann wies sie darauf hin, dass der Angriff vom Samstagabend bereits der dritte Terrorakt seit März war. Es gebe einen neuen "Trend", sagte May: "Terrorismus inspiriert Terrorismus." Die Angreifer kopierten die Taten anderer Täter und benutzten dabei bisweilen "die krudesten Mittel" für ihre Angriffe.

"Die Dinge müssen sich ändern", sagte May dann. "Genug ist genug." Sie bezeichnete den radikalen Islamismus als eine "Perversion des Islams", die bekämpft werden müsse. Man müsse verdeutlichen, dass die "britischen Werte" den Wertevorstellungen der Islamisten "überlegen" seien. May wiederholte einen umstrittenen Punkt aus dem Wahlprogramm der Tories: Sie rief dazu auf, dass Regierungen kontrollieren sollten, was im Internet gepostet werde. In dieser Frage werde sie sich in den kommenden Wochen mit anderen westlichen Regierungen absprechen.