Bürgermut kam zuerst, wie bei früheren Terroranschlägen. "Wir lassen uns nicht einschüchtern", sagte der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan. Am Morgen twitterte der Brite Karl Grainger das Foto einer Männergruppe, die auf der Flucht ihre vollen Biergläser festhalten: "Darum werden die Terroristen nicht siegen", schrieb er dazu, "sie können Britannien angreifen, aber sie bringen uns nicht dazu, unser Bier zu verschütten."

In der Nacht standen Hilfsbereitschaft und Mut gegen den Terror: Restaurantgäste bewarfen die Mörder mit Stühlen und Flaschen. Anwohner des Viertels boten Flüchtenden Unterschlupf an. Am Morgen danach sagte jeder Politiker, jeder Polizist, jeder Bürger, der im Radio oder Fernsehen zu Wort kam: Wir bleiben bei unserer Art zu leben.

Einerseits. Andererseits ist Großbritannien ein Land, das sich zur Zeit selbst infrage stellt. Das Vereinigte Königreich steht am Ende eines Wahlkampfes, in dem die Premierministerin monoton eine "starke und stabile Regierung" versprach und stattdessen zunehmend schwach und wankelmütig wirkte. In dem ihr Gegenkandidat, dem die Wahlkreiskandidaten seiner eigenen Partei mit bitteren Worten Unfähigkeit vorwerfen, in den Umfragen spektakulär zulegt. Ein Land zudem, das sich gerade von seinen natürlichen und historischen Partnern abwendet, den europäischen Nachbarstaaten, und stattdessen auf die unsichere Allianz mit einem unberechenbar gewordenen Amerika hofft. Dessen Präsident attackierte nach dem Terroranschlag der gestrigen Nacht den Londoner Bürgermeister mit einem entstellten Zitat.

Mord und Terror – das war bisher Konsens im höflichen, bedachten Großbritannien – taugen nicht für politische Kampagnen oder den Wahlkampf. Jetzt jedoch ist die Zerrissenheit zu tief, um sich im respektvollen Schweigen zu vereinen. Am Morgen danach verkündeten die Parteien zwar, sie wollten für diesen Tag den Wahlkampf aussetzen. Aber die Frage, wohin das Land will und soll, lässt sich nicht aufschieben. Wie London auf den Terror reagiert, das berührt die Grundsatzfrage, die das Land seit einem Jahr umtreibt: liberal oder autoritär? Offen für eine europäische Zukunft oder isoliert für einen britischen Sonderweg?

Theresa Mays kurze Rede, die ihrem Treffen mit dem Krisenstab folgte, liefert Antworten auf diese Fragen. Die Premierministerin nennt den Kampf gegen die Terroristen einen ideologischen Kampf. Die Terroristen der drei jüngsten Anschläge, sagt sie, seien nicht verbunden durch ein organisatorisches Netzwerk, sondern durch den Islamismus, den sie eine pervertierte Form des Islams nennt. Sie ruft zur Verteidigung britischer Werte gegen die Ideologie der Terroristen auf. Britischer Werte, die sie als pluralistisch bezeichnet und jeder Hasspredigt überlegen.

Sie will aber gleichzeitig das Internet vom Staat kontrollieren lassen, um zu verhindern, dass Terroristen ihre Ideologie online verbreiten. Sie greift die großen Internetfirmen an, die für genau diese Verbreitung terroristischer Ideologien eine Plattform bereitstellen würden. Sie sagt, die britische Regierung müsse mit verbündeten demokratischen Staaten zusammenarbeiten, um den virtuellen Raum zu regulieren. Und sie spricht sich dafür aus, militärische Angriffe gegen die Terrormiliz "Islamischen Staat" in Irak und Syrien fortzusetzen. Ihre Innenministerin Amber Rudd wird später klarstellen, dass May damit nicht neue oder mehr militärische Angriffe gemeint habe.              

Und schließlich spricht sie von einem wahrhaft vereinten Königreich, in dem es keine sich absondernden Gruppierungen geben dürfe. Das Land müsse zusammenkommen.

Das aber dürfte mit dieser Rede nicht zu machen sein. Denn Mays Ansprache ging weit über die Krisenreaktion einer Regierungschefin hinaus. Sie beschränkte sich nicht auf einen Katalog von unmittelbar wirksamen Maßnahmen, die der Sicherheit der Bürger in den kommenden Tagen und Wochen gegolten hätten. Sie entwarf stattdessen ein Regierungsprogramm. Es beruhte auf einem Gesellschaftsbild, das ihren konservativen Parteiüberzeugungen entspringt. 

Damit war die vereinbarte Wahlkampfpause aufgekündigt. Aber wahrscheinlich ist solch ein Innehalten auch nicht zu machen in einem Land, das eine neue Richtung finden muss.               

Die erste heftige Reaktion kam vonseiten der Polizei. Peter Kirkham, ein früherer hoher Untersuchungsbeamter der Londoner Metropolitan Police, nannte auf Sky News die Premierministerin eine Lügnerin. Das erste und drängendste Problem seien fehlende Polizeibeamte, sagte Kirkham. Wenn die Regierung behaupte, es gebe genügend Polizisten auf Londons Straßen, so sei das gelogen. 20.000 Polizisten habe Theresa May entlassen, als sie noch Innenministerin war. Die Beamten, die am Samstagabend zur London Bridge kamen, sagt Kirkham, seien anderswo abgezogen worden, hätten Urlaub aufgegeben oder ihre Zwölf-Stunden-Schicht auf 16 Stunden gedehnt. Die scharfe Sparpolitik der Konservativen habe Großbritannien unsicherer gemacht.              

Dann wütete Alastair Campbell, einst legendärer Pressekampfhund Tony Blairs, in einem Tweet und verglich Mays Regierung mit den Dschihadisten. Campbell löschte den Tweet gleich wieder und entschuldigte sich: Er sei zu aufgebracht gewesen über Mays parteipolitische Rede. Kurz darauf beschwerte sich Labours Schatten-Außenministerin Emily Thornberry, May habe die vereinbarte Wahlkampfpause gebrochen.                

Theresa May hat einen Regierungsstil entwickelt, der dem Volk nur Formeln bietet. Der mit den Slogans von "Brexit heißt Brexit" und "stark und stabil" den Einfluss des Parlaments beschränkt und zugleich für Großbritannien die internationale Isolation riskiert. Vor wenigen Wochen reiste die Premierministerin nach Saudi-Arabien, um Handelsmöglichkeiten mit einem reichen Land außerhalb der EU zu erkunden. Eine Untersuchung angeblicher Geldhilfen für dschihadistische Gruppierungen via Saudi-Arabien ließ Theresa Mays Innenministerium dagegen im Sande verlaufen. Die Partner, die London sich außerhalb der EU sucht, gelten manchen als fragwürdig.

Es ist wahrscheinlich, das Theresa May nach den Wahlen am kommenden Donnerstag weiterhin Premierministerin bleibt. Wie auch immer diese Wahl ausgehen wird: Das Ergebnis ist vergiftet. Es wird mit dem Londoner Terroranschlag in Verbindung gebracht werden. Und das Land wird sich nicht einig sein, wie es damit umgehen soll.