Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Von der Ankunft der Heiligen Maria hat Otto Masszi noch Aufnahmen auf seinem Handy. Man sieht Hunderte Menschen links der weiß-getünchten Kapelle unter den Ulmen stehen und warten. Dann erscheint der Seher, und die Menge betet auf Latein. Pünktlich um halb fünf schließt der Seher die Augen und fällt auf die Knie. Manche Besucher werden nachher sagen, er habe dabei wie in Trance gewirkt. Die Luft habe nach Rosenduft gerochen.

Die Laurentius-Kapelle, vor der das alles geschah, steht in Unterflossing, einem Ort mit 112 Einwohnern in Oberbayern. Masszi, 57 Jahre alt, hat sie vor sechs Jahren gekauft. Kein Gasthaus gibt es im Dorf, keine Schule, nur die Kapelle. Bevor die Sache mit Maria begann, hat Masszi Maschinenbau studiert, später Astronomie. Er arbeitet als Umweltschützer im Landratsamt München an Bebauungsplänen und spielt in diversen Pfarreien die Orgel, bezahlt von der Kirche. Einen Großteil der Zeit aber verbringt er in seiner Kapelle.

Masszi war auch dabei, als die Heilige Maria im vergangenen Jahr schon einmal nach Bayern kam. Es geschah in einer kleinen Privatkapelle einer Bauersfamilie in Walpertskirchen in der Nähe von Erding. Dort erschien ein Mann namens Salvatore Caputo, ein selbst ernannter Seher aus Italien. Caputo behauptete, er könne die Heilige Maria in der Kapelle erscheinen lassen. Hunderte Pilger reisten an, um das zu sehen. Drei dieser Zeremonien gab es in Walpertskirchen, dann machte der Sohn des Kapellenbesitzers dem scheinbaren Wunder ein Ende.

Masszi aber erblickte in Caputo einen wahren Katholiken. Er beschloss, ihn in seine Kapelle nach Unterflossing einzuladen. "Warum soll ich ihn nicht einladen? Wenn er dort verstoßen wird und die Leute traurig sind", sagt Masszi. Also schrieb er Caputo einen Brief, versehen mit einer Einladung an die Mutter Gottes. Es dauerte, bis Antwort kam. Dann reiste Caputo tatsächlich nach Unterflossing, sah sich die Kapelle an, und am Ende sagte auch die Heilige Jungfrau zu.

Show und Betrug? Masszi glaubt das nicht

Lange bevor sie nach Unterflossing kam, hatte Otto Masszi begonnen, sich auf ihren Besuch vorzubereiten. Er ließ die Innenwände der Kapelle streichen, die grün von der Feuchtigkeit waren. Er renovierte den Keller und stützte den einsturzgefährdeten Turm ab. Er verbrachte Stunden mit der Arbeit an der Kapelle. Bis heute, sagt Masszi, habe er 100.000 Euro an Geld und Arbeitszeit in die Instandhaltung gesteckt.

Ein Termin im März wurde festgelegt, auch die Uhrzeit stand bald fest: 16.30 Uhr. Dann vollzog sich das, was Masszi auf dem Handy gespeichert hat: die Zeremonie, die ehrfürchtige Menge, das Niederknien von Caputo, dem Seher. War damals alles nur Show und Betrug? Masszi glaubt das nicht. "Salvatore ist für mich kein Hochstapler", sagt er. Das sage ihm seine Menschenkenntnis. Er sei ein wachsamer Mensch, das gelte auch für Freimaurer, von denen er glaubt, dass sie die Weltherrschaft übernehmen wollen. Caputo, sagt Masszi, sei während der Zeremonie in den Matsch gefallen, seine Hosen aber seien sauber geblieben. Wie ließe sich das sonst erklären als mit höheren Kräften?

Otto Masszi lud die Heilige Maria nach Unterflossing ein. © Stefan Rossmann für ZEIT ONLINE

Masszi weiß, dass die meisten Menschen mit ihrer Vernunft nicht an die Marienerscheinung glauben wollen. Es stört ihn nicht. Seinen Glauben hat Masszi seit seiner Kindheit. Der Grundschullehrer habe ihn geschlagen, erzählt er, sein Vater auch. Auf einem Internat für Maristen, einer Ordensgemeinschaft der katholischen Kirche, fand er ein Zuhause und den Glauben an die Mutter Gottes. Jetzt, sagt er, kann er ihr endlich auch etwas bieten.

Unlängst habe sie sich von ihm einen Brunnen gewünscht. Also ließ er einen bauen, doch der Brunnen blieb zuerst trocken. Als er das nächste Mal wiedergekommen sei, sei das Wasser plötzlich geflossen. Für Masszi ist das ein Beweis für das Wirken Marias. Er weiß, dass viele der Pilger das Gleiche glauben.

Berta Bauer ist eine von ihnen. Sie trägt kurze blondierte Haare, ihr Lachen klingt frech, um den Hals hat sie sich eine üppige Silberkette gelegt. 66 Jahre ist sie alt. In ihrem Schlafzimmer hängt ein Bildnis der Heiligen und neben dem Bett steht ein Foto von ihr und ihrem Mann Josef. Vor vier Jahren starb er an Krebs. Gebetet, sagt Berta Bauer, habe ihr Mann eigentlich nie. Auch als am Samstag vor seinem Tod der Pfarrer noch einmal kam, sei Bauer betäubt vom Morphium gewesen und habe kaum mitgebetet. Am Sonntag aber, kurz vor seinem Tod, habe Bauer noch einen Satz gesagt: "Oh Maria, erlöse mich!"

Für Berta Bauer war das ein Zeichen. Wenn sie heute das Haus verlässt, sagt sie noch immer zu ihrem Mann: "Komm, pack ma’s!" Für sie ist er nicht wirklich gestorben. Und die Heilige Maria scheint ihr noch viel näher als früher. Auch ihre Mutter betete viel zur Mutter Gottes und dann starb sie ausgerechnet an Mariä Empfängnis. Noch eine Verbindung zur Maria, die für Berta Bauer wichtig ist.

An jenem Märztag, als Caputo nach Unterflossing kam, war Bauer mit ihrer Schwester und dem Enkel dort. Aber die Messe auf Latein gefiel ihr nicht, und die Leute, erzählt sie, seien alle so professionell gewesen. In Bussen seien sie angefahren gekommen und hätten stets genau gewusst, wann sie niederzuknien hatten. Berta Bauer stand dabei und wusste nicht so recht, wie sie sich verhalten sollte.