Normalerweise ist es die britische Boulevardpresse, die populistische Schlagzeilen gegen Muslime produziert; diesmal war es die BBC, die sich Fragen stellen lassen musste. Im Mai hatte sie das umstrittene Fernsehspiel Three Girls ausgestrahlt: In drei Folgen dramatisierte die Serie die sexuelle Misshandlung dreier englischer Mädchen durch eine Gang englischer Pakistaner in Rochdale, einer Kleinstadt im Norden von Manchester.

Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit: Im Jahr 2012 wurden 12 pakistanische Männer verurteilt, die 47 englische, meist minderjährige Mädchen drogenabhängig gemacht und dann systematisch vergewaltigt hatten. Das war kein Einzelfall, in Großbritannien gibt es etliche Verfahren gegen muslimische Männergangs. Der wohl schlimmste Fall war der von 24 mittlerweile verurteilten, englischen Pakistanern in Rotherham, die über Jahre mehr als 1.400 minderjährige Mädchen sexuell missbrauchten und als Prostituierte einsetzten.

Bereits vor der Ausstrahlung der Sendung wehrten sich die Produzenten der BBC gegen den Vorwurf, sie trügen mit der Serie zur Anti-Islam-Stimmung im Land bei. Es  werde auch gezeigt, argumentierte die BBC, dass die Gang überführt werden konnte, unter anderem weil ein Muslim die Aufdeckung des Falls vorantrieb. Bedenken, dass die rechtsextreme English Defence League (EDL) die Serie für ihre Propaganda nutzen könnte, seien kein Grund, sie nicht auszustrahlen, sagte Nicole Taylor, eine der Autorinnen.

London - Lieferwagen fährt in Menschenmenge In London ist ein Lieferwagen nahe einer Moschee in eine Menschenmenge gefahren. Ein Mann wurde getötet. Die Polizei behandelt den Vorfall wie einen möglichen Terroranschlag. © Foto: AFP-TV

Vier Wochen später raste Darren Osborne, ein 47 Jahre alter arbeitsloser Engländer aus Cardiff, mit einem Lieferwagen in eine Gruppe muslimischer Gläubiger, die im Londoner Stadtviertel Finsbury Park eine benachbarte Moschee verlassen hatten. Ein Mensch starb, zehn wurden verletzt. Die Ermittler sagen nun, Osborne sei nicht nur durch die jüngsten Terrorattacken der Islamisten in Manchester und London zu seiner Tat angestachelt worden, sondern auch durch das BBC-Fernsehdrama und die Vorfälle in Rochdale und Rotherham.

Was auch immer die Hintergründe waren, der Angriff in Finsbury Park ist die Eskalation vieler Angriffe und Beleidigungen, die Muslime in England jedes Jahr erleben. Nach Angaben des Innenministeriums hat sich die Zahl der religiösen Hassattacken in England und Wales seit 2011/12 von 1.618 Vorfällen auf 4.400 im Jahr 2015/16 mehr als verdoppelt. Im selben Zeitraum stieg die Gesamtzahl der Straftaten mit rassistischem oder religiösem Hintergrund von 37.000 auf 53.000. Seit Jahren beobachtet die Polizei, dass die Angriffe immer dann zunehmen, wenn islamistische Terroristen irgendwo zugeschlagen haben, egal ob in Frankreich, Großbritannien oder Tunesien. Genauso spürbar ist der Effekt, wenn die Boulevardpresse groß in das Thema einsteigt – etwa nach einem Artikel der britischen The Sun, der behauptete, jeder fünfte Muslim unterstütze den Dschihad.

Islamophobie wird anders behandelt als Rassismus

Die Strafverfolgung ist schwierig, insbesondere weil das britische Recht für Rasse und Religion unterschiedliche Regelungen kennt. Juden und Sikhs beispielsweise werden als Rasse angesehen, fallen also unter die scharfe Gesetzgebung des Public Order Act von 1986 – ein Gesetz gegen Rassismus. Muslime dagegen sind keine Rasse. Laut der Organisation Tell MAMA (Measuring Anti-Muslim Attacks), die ein Melderegister für islamophobe Angriffe betreibt und Opfern hilft, ist es daher nicht illegal, Muslime zu beleidigen, solange man damit nicht zu religiösem Hass aufrufe. Nach dem Racial and Religious Hatred Act von 2006 wiederum sind beleidigende Äußerungen über den Islam, selbst wenn sie Hass hervorrufen, nicht unbedingt illegal, da dieses Gesetz solche Taten gegen die Freiheit der Meinungsäußerung abwägt. Wenn aber die Hasstiraden von antiislamischen Fanatikern so formuliert sind, als wären Muslime eine Rasse, dann wird es kompliziert.

Nach den Zahlen von Tell MAMA richten sich 75 Prozent der Übergriffe im Jahr gegen muslimische Frauen, meist in erkennbar muslimischer Kleidung. Die Aggressoren seien zu 76 Prozent Männer, davon 89 Prozent weiße Männer. Muslime berichten regelmäßig von gehässigen Kommentaren, Beleidigungen, muslimische Frauen werden mitunter bespuckt, in ernsten Fällen werden Muslime zusammengeschlagen.

Die Diskriminierung verletzt und geht tief. "Ich habe mich selbst gehasst", sagt Amir Saeed, Dozent für Medienwissenschaften an der Universität von Huddersfield: "Von klein auf bin ich als pakistanischer Brite diskriminiert worden, auf dem Fußballplatz, in der Schule. Im Bus haben die Leute nicht neben meiner Mutter sitzen wollen, die im Salwar Kamiz gekleidet war; auf Empfängen drehen mir die Leute unauffällig den Rücken zu. Man merkt es bei der Arbeitssuche, man merkt es das ganze Leben."