ZEIT ONLINE: Herr Mansour, vergangene Woche wurden bei einer Militäroperation im Irak 20 mutmaßliche IS-Anhängerinnen festgenommen, darunter auch die 16-jährige Linda W. aus Sachsen. Haben Sie in Ihrer Präventions- und Deradikalisierungsarbeit oft mit jungen Frauen zu tun?

Ahmad Mansour: Grundsätzlich interessieren sich fast genauso viele Männer wie Frauen für die Ideologie. Es reisen aber mehr Männer in Richtung IS aus. Man geht von einem Verhältnis von 70 zu 30 aus. Allerdings ist die Szene weiblicher geworden. In den letzten Monaten gab es gezielte Anwerbekampagnen für Frauen, weil die IS-Mitglieder vor Ort Schwierigkeiten hatten, Frauen zum Heiraten zu finden. Die Szene ist leider auch jünger geworden. Vor drei Jahren waren die Betroffenen noch zwischen 16 und 23 Jahren alt. Heute haben wir es schon mit 13- oder 14-Jährigen zu tun, die sich radikalisieren, und mit 15-Jährigen, die bereits ausgereist sind.

ZEIT ONLINE: Was versprechen sich gerade junge Frauen von einer Ausreise?

Mansour: Männer und Frauen radikalisieren sich, weil sie dadurch Orientierung und Halt bekommen, weil sie sich Anerkennung und einen Ausweg aus einer psychischen Krise erhoffen. Sie kriegen eine Ersatzvaterfigur, die ihnen die Leitung gibt, die sie vermissen. Außerdem erhalten sie eine Identität und das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Elite. Diese Faktoren, gemischt mit einer Ideologie, die einfache Antworten auf komplexe Sachverhalte anbietet, führen auch bei Frauen zur Radikalisierung. Viele Mädchen reisen mit ihren Männern aus. Andere erhoffen sich einen Ort, an dem sie islamisch leben können. Viele Mädchen fühlen sich diskriminiert und nicht zugehörig. In Deutschland haben sie das Gefühl, mit ihren Kopftüchern oder Burkas schief angesehen zu werden. Der sogenannte "Islamische Staat" verspricht das Gegenteil. Vor zwei, drei Jahren kamen Propagandabilder aus Rakka, die aussahen wie im Paradies: Kindergärten, Apotheken, Straßenmärkte. Wieder andere werden gezielt von vermeintlich coolen Jungs kontaktiert, sie verlieben sich und folgen den Männern.

ZEIT ONLINE: Haben die Mädchen, die in Deutschland aufgewachsen sind, ein so archaisches Frauenbild?

Mansour: Paradoxerweise empfinden manche Frauen die Ausreise als einen Akt der Befreiung. Das ist vor allem der Fall, wenn sie aus sehr patriarchalen Strukturen kommen, aus Familien, in denen sie kontrolliert werden. Die Islamisten sagen ihnen: "Du brauchst dich nicht dem Vater oder dem Bruder unterzuordnen, denn Gleichberechtigung bedeutet, dass wir alle nur das tun, was Gott von uns will, egal ob Mann oder Frau. Du kannst dich von deiner Familie lösen. Vater und Bruder werden sowieso gegen diese Entscheidung sein." Andere Frauen sehnen sich tatsächlich nach archaischen Frauenbildern, denn Emanzipation ist anstrengend, sie wollen einfach nur Prinzessin sein, die Verantwortung abgeben und sich unterordnen. Diese überforderten Frauen und Mädchen fühlen sich in der Ideologie wohl und wollen nur noch für ihren Mann und die Kinder sorgen.

ZEIT ONLINE: Und dann werden sie enttäuscht?

Mansour: Es gibt auch Frauen, die derart von der Ideologie überzeugt sind, dass sie dort bleiben, obwohl alles auseinanderbricht. Das ist aber nicht immer der Fall. Einmal angekommen, merken viele, dass die Ausreise alles andere als eine Befreiung war. Unverheiratete Frauen stehen unter ständiger Beobachtung, sie dürfen ihre Häuser nicht allein verlassen, sie dürfen keine Entscheidungen allein treffen. Die Verheirateten dürfen den Mann nicht verlassen. Diese Frauen wollen meist nach mehreren Monaten zurück. Aber oft ist es für die Eltern unmöglich, sie zurückzuholen oder zu befreien. Die Frauen dürfen ja nicht allein auf die Straße, und werden sie erwischt, gilt das im Extremfall als Verrat und sie werden ermordet.

ZEIT ONLINE: Wie gehen ihre Familien in Deutschland damit um?

Mansour: Manche Eltern wenden sich ab und wollen nichts mehr mit ihrem Kind zu tun haben, manche verdrängen die Tatsache, dass ihr Kind gerade beim IS ist. Aber andere suchen Hilfe und halten den Gesprächsfaden aufrecht. Sie schreiben ihren Kindern jede zweite oder dritte Woche und versuchen, durch diesen Kontakt den Moment des Zweifelns abzupassen und ihrem Kind dann eine Alternative anzubieten. Das funktioniert auch. Wir merken gerade, dass viele Jungen und Mädchen ihre Eltern kontaktieren und sagen, dass sie zurückwollen. Das wird in Zukunft noch viel mehr werden, weil davon auszugehen ist, dass der IS in den nächsten Monaten als Struktur und Land komplett zusammenbricht.

ZEIT ONLINE: Wie stellen Sie das fest?

Mansour: Sie müssen in diesen Tagen nur zur Grenze zwischen der Türkei und Syrien gehen. Da finden Sie auf offener Straße ganz viele Menschen, die den IS verlassen haben. In naher Zukunft werden wir verstärkt mit Rückkehrern zu tun haben. Entweder werden die Männer und Frauen verhaftet und überstellt, oder sie werden sich aktiv auf den Weg machen in Richtung Türkei und danach in Richtung Europa. Für sie ist es viel erträglicher, in einem europäischen Gefängnis zu sitzen, als in Syrien oder im Irak auf der Flucht zu sein und womöglich getötet zu werden.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für Deutschland?

Mansour: Es werden sehr unterschiedliche Menschen kommen, teilweise deradikalisiert, teilweise hochtraumatisiert. Die brauchen eine intensive Betreuung. Aber es wird auch andere geben: Die, die nur behaupten, dass sie alles bereuen, dass sie einer Gehirnwäsche unterzogen worden sind und mit dem IS eigentlich nicht einverstanden sind. Sie werden lügen, um hier in Europa eine Strafminderung zu bekommen und sich eine Zukunft aufzubauen. Das muss die Justiz prüfen. Ich plädiere für extrem hohe Strafen, um eine Botschaft an alle Menschen zu senden, die mit der Idee spielen, auszureisen oder sich in Zukunft solchen Gruppierungen anzuschließen.

ZEIT ONLINE: Prävention durch Abschreckung wäre die eine Seite. Was macht man aber mit den Leuten, von denen weiterhin eine Gefahr ausgeht?

Mansour: Wir brauchen viel mehr und bessere Deradikalisierungsprojekte, auch in Gefängnissen. Der Staat investiert gerade viel Geld in solche Projekte. Aber sind sie evaluiert, funktionieren sie? Ich bezweifle das.

ZEIT ONLINE: Warum?

Mansour: In Frankreich wurden in den letzten Monaten viele Projekte gestoppt, da man merkte, dass dort jeder auf seine eigene Art arbeitete und manche Projekte nichts anderes als Gelddruckmaschinen oder Selbstbeschäftigungsmaßnahmen waren. In England rückte man nach mehr als zehn Jahren von der Zusammenarbeit mit nicht gewaltbereiten Islamisten in diesem Bereich ab, da man merkte, dass so eine Zusammenarbeit kontraproduktiv war. Wir müssen eine nationale Strategie entwickeln und uns überlegen, was wir erreichen wollen, wer dabei mitarbeiten darf und welche Ansätze wir verfolgen werden. Denn auch in Deutschland haben wir immer noch einen Wildwuchs an Projekten.