Die kleine Aktivistengruppe ist laut. So laut, dass der Redner oben auf der Bühne verstummt. Bis hierhin ist die "Protestwelle", die Auftakt-Demonstration einer ganzen G20-Protestwoche, ohne Zwischenfälle verlaufen, nun herrscht Verwirrung. "Yes, we camp!" schreien die Aktivisten auf dem Hamburger Rathausmarkt unaufhörlich. Sie tauchen wie aus dem Nichts auf und beginnen in der Mitte des Platzes Wurfzelte aufzuspannen.

Die umstehenden Demonstranten reagieren irritiert. "Muss das sein?", fragt eine ältere Frau. "Klar, essen, schlafen, duschen, das sind Menschenrechte!", ruft ein Aktivist, der noch mit dem Wind kämpft und sein Zelt nur mit Mühe am Boden halten kann.

Die Aktion soll auf ein Geschehen wenige Kilometer weiter östlich aufmerksam machen: Während Demonstranten an der Alster friedlich bunte Luftballons schwenken, ist die Lage am Elbpark Entenwerder alles andere als entspannt. Dort hat die Polizei den Aufbau eines Übernachtungscamps von G20-Gegnern jäh gestoppt – obwohl ein Verwaltungsgericht das Zeltlager am Abend zuvor zumindest vorläufig erlaubt hatte. Polizisten bewachen den Park, draußen laufen Aktivisten ratlos umher, telefonieren hektisch. Wenige Tage vor dem G20-Gipfel zeigt sich, wie nah Anspannung und Verunsicherung, Wut und Resignation beieinander liegen. 

Wie viele Gewaltbereite kommen wirklich?

Am nächsten Morgen ist klar: Schlafzelte dürfen die Aktivisten noch immer nicht aufstellen, einen Eilantrag gegen die Auflagen der Polizei hat das Hamburger Verwaltungsgericht abgelehnt. Werner Rätz ist deswegen frustriert. "Was sich die Polizei hier leistet, ist provinziell", sagt der Attac-Aktivist mit müder Stimme, "einer Stadt wie Hamburg nicht würdig". Der 65-Jährige, weiße Haare, weißer langer Bart, bereitet die wahrscheinlich größte Demonstration gegen den G20-Gipfel am 8. Juli vor. Viele der bis zu 100.000 Teilnehmer, die dort erwartet werden, hätten im Camp schlafen sollen. Ausweichplätze gibt es nicht, Rätz und seine Mitstreiter wollen nun private Schlafplätze organisieren. Kommuniziert wird darüber vor allem über Messenger-Dienste. Dort werden zunehmend mehr WG-Schlafplätze für zugereiste Demonstranten angeboten, dazu Sicherheitstipps gegeben und es wird versucht, zu spontanen Lagebesprechungen zu mobilisieren.

Die letzten Tage vorm Gipfel sind geprägt von einem juristischen Hin und Her. Im Streit zwischen Aktivisten, Polizei und Gerichten geht es vordergründig um den Verlauf von Demonstrationsrouten, um Campingplätze mit oder ohne Toiletten. Doch vor allem wird darum gestritten, wie viel Sicherheit und wie viel Freiheit eine Stadt vertragen kann, wenn die G20 zu Gast sind.  

G20-Protestrouten

Routenführung und voraussichtlicher Abschlussort der wichtigsten Protestmärsche in Hamburg

Für Kontroversen sorgt etwa die 38 Quadratkilometer große Blaue Zone, in der Demonstrationen per Allgemeinverfügung untersagt sind. Dafür gebe es gute Gründe, sagt die Polizei. Man rechne mit bis zu 8.000 gewaltbereiten Protestlern bei den Anti-G20-Demonstrationen, erklärt Polizeisprecher Matthias Hoppe. Wie diese Schätzung zustande komme, will er nicht sagen, nur, dass man "entspannt" auf den kommenden Gipfel blicke und "gut gerüstet" sei.

Ein Szenario, das die Einsatzkräfte um jeden Preis verhindern wollen: Wenn ein Konvoi wegen einer Blockade feststeckt, könnten Demonstranten mit dem Sicherheitspersonal der Regierungschefs zusammenstoßen. "Völlig absurd", findet Nico Berg, Sprecher der vom Verfassungsschutz beobachteten "Interventionistischen Linken" diese Vorstellung. Die Zahl der 8.000 gewaltbereiten Demonstranten sei "bewusst lanciert worden, um das massive Sicherheitsaufgebot zur rechtfertigen", behauptet er. Trotzig spricht der junge Mann über die Pläne des "BlockG20-Bündnisses" spricht. In der verbotenen Zone sollen Zufahrtswege blockiert werden, man wolle überall "dort gehen, tanzen, sitzen, wo die Polizei uns nicht haben will."