George Kardinal Pell, der sich als bislang höchster Würdenträger der katholischen Kirche wegen Vorwürfen sexuellen Missbrauchs verantworten muss, hat bei einer ersten Anhörung in seinem Heimatland Australien alle Anschuldigungen bestritten. Pell selbst sagte bei der Anhörung in Melbourne jedoch nichts. Er werde bei einem weiteren Gerichtstermin auf unschuldig plädieren, teilte Pells Anwalt Robert Richter mit. Der 76-Jährige hatte bisher noch keine Einlassung beim Gericht eingereicht.

Pell blieb während der wenigen Minuten im Gericht stumm; auch als er das Gebäude umringt von Polizisten und Medienvertretern betrat, sagte er nichts. Er bahnte sich mit leerem Blick seinen Weg in den kleinen Gerichtssaal und setzte sich hinter sein Anwaltsteam. Pell ist der oberste Finanzberater von Papst Franziskus und damit die Nummer drei im Vatikan – zudem gilt er als enger Vertrauter des Pontifex. Wegen der Vorwürfe lässt er seine Ämter derzeit jedoch bis auf Weiteres ruhen.

Die Anklage ist noch nicht veröffentlicht worden, die Polizei sprach jedoch von "historischen" sexuellen Übergriffen im australischen Staat Victoria. Das bedeutet im Allgemeinen, dass die Fälle schon viele Jahre zurückliegen. Der Kardinal hat die Vorwürfe stets bestritten.

In der Vergangenheit hatte es bereits Beschwerden über angebliche Fälle von Kindesmissbrauch während Pells Zeit als Priester in Ballarat (1976–1980) und als Erzbischof in Melbourne (1996–2001) gegeben.

Pell wurde zur Last gelegt, damals mehrere Jungen sexuell belästigt zu haben. Im Juli vergangenen Jahres erhoben zwei Männer direkte Missbrauchsvorwürfe gegen den Geistlichen, der sie in den 1970er Jahren in einem Schwimmbad angefasst haben soll. Ein weiterer Mann berichtete, Pell habe sich in den 1980er Jahren vor Jungen in einem Umkleideraum am Strand entblößt. Auch diese Vorwürfe hatte Pell zurückgewiesen.

Für Papst Franziskus stellt das aktuelle Verfahren gegen Pell im Zuge seiner Null-Toleranz-Politik gegenüber sexuellem Missbrauch einen Rückschlag dar. 2014 rief er eine Kommission von unabhängigen Experten ins Leben, die die katholische Kirche beraten sollte, um sexuellen Missbrauch von Kindern in der Institution zu bekämpfen und den Schutz von Kindern zu fördern. Die Kommission verlor jedoch an Glaubwürdigkeit, als zwei Missbrauchsopfer das Gremium im Streit verließen. 2015 wurde Franziskus kritisiert, als er einen Bischof in Chile berief, den Missbrauchsopfer beschuldigten, Vergehen des berüchtigtsten Pädophilen des Landes gedeckt zu haben.