Barmbek bleibt Barmbek

"Wenn es eine Schlägerei gäbe, würde mich das nicht überraschen. Aber so was? Das hat es hier noch nie gegeben", sagt Simon Holz. Der Schüler aus Barmbek steht an einer Kreuzung an der Fuhlsbüttler Straße – von den Anwohnern Fuhle genannt. Hier in einer Edeka-Filiale begann Ahmad A. seinen Amoklauf, er tötete einen Mann und verletzte sechs weitere Personen.

Der Stadtteil im Norden Hamburgs grenzt an Steilshoop, eine Plattenbausiedlung. Deshalb habe auch Barmbek nicht den besten Ruf. Doch könne man sich hier eigentlich sehr wohl fühlen, sagt Simon Holz. Das werde sich auch in Zukunft nicht ändern. 

Aus der gegenüberliegenden Bäckerei beobachtete Ralph Woyna das Geschehen. Er saß an einem Tisch auf dem Bürgersteig, als eine Menschenmenge die Fuhlsbüttler Straße entlang rannte. "Ich weiß nicht genau, wie viele Menschen das waren, vielleicht nur 15, vielleicht auch 40. Der Täter lief der Menschenmenge hinterher. Ich konnte ihn gar nicht direkt erkennen. Dann sah ich sein blutverschmiertes Küchenmesser."

Wyona wirkt nicht wie ein Mensch, der sich leicht aus der Ruhe bringen lässt. Dennoch habe er große Angst gehabt, sagt er. "Es war ja völlig unklar, ob er seine Richtung noch mal ändert." Er hätte auch auf die Bäckerei zulaufen können. "Wir überlegten, ob wir uns in der Bäckerei verbarrikadieren können." Woyna und sein Begleiter hätten gehört, dass der Täter mehrmals "Allahu Akbar" geschrien habe. 

Alles Mögliche als Waffen zweckentfremdet

Unter den Besuchern der Bäckerei sprangen einige auf und nahmen sich Stühle, erzählt er. "Um den Amokläufer in Schach zu halten." Sie hätten alle möglichen Gegenstände als Waffen benutzt. "Einer hatte ein Rohr", sagt Woyna. Ein Video im Internet zeigt, wie vier bis fünf Personen den mutmaßlichen Täter einkreisten. Mitten auf der Straße warfen sie Stühle auf ihn. Trotzdem konnte der Amokläufer weiterlaufen. 

Einige Meter weiter ist der Gemüseladen Nur Bazar. Zur Tatzeit saß Abolfazl, der zehnjähriger Sohn des Betreibers, vor dem Eingang und spielte auf seinem Handy. Plötzlich hörte Abolfazl Schreie, sah ein Gerangel von mehreren Menschen. "Die hatten Stühle und schlugen damit auf den Täter ein", sagt er. Der Junge wollte nicht weiter hinschauen. "Die Polizei hat meinem Vater eine Nummer gegeben, falls ich Albträume bekommen sollte", sagt er.

Weitere Zeugen berichten, dass der Täter im Zickzack weiter die Straße heruntergelaufen sei. Vermutlich versuchte er unterwegs, eine Fahrradfahrerin zu attackieren. Etwa 400 Meter entfernt vom Supermarkt, in dem er seine Tat begann, wurde der Täter von einem Zivilfahnder gestoppt. Er gab drei Warnschüsse ab.

Schnell kommen Gerüchte auf

Dann begannen die Gerüchte. "Sehr schnell wurde hier alles Mögliche erzählt", erinnert sich Ralph Woyna. Wie viele Täter es gab, war im Viertel lange unklar. Die Leute reagierten panisch, weil sie nicht wussten, wer geschossen hatte. "Das Rohr, mit dem einer versuchte, den Täter zu stoppen, wurde vermutlich für eine Machete gehalten", sagt Woyna. Auch sonst kursieren in der Fuhle allerlei Gerüchte über Mittäter.

"Ich bin in der Fuhlsbüttler Straße aus dem Bus ausgestiegen und wollte in Richtung meiner Wohnung gehen", erzählt Luisa, eine Anwohnerin. "Eine Gruppe von Menschen kam mir entgegen gerannt. Da habe ich erst mal auch die Richtung gedreht und bin mit ihnen gelaufen." Später sprach Luisa mit mehreren Leuten auf der Straße. Einer will gesehen haben, wie jemand dem Täter aus einer Seitenstraße ein weißes T-Shirt zugeworfen hat, erzählt sie. Die Hamburger Polizei twitterte im Laufe des Abends, dass es sich definitiv um einen Einzeltäter handle. 

Die Menschen leben gern in Barmbek

Wenige Stunden später ist Ruhe in Barmbek eingekehrt. Eine ganze Kolonne von Polizeifahrzeugen parkt rund um die Einkaufsmeile in der Fuhlsbüttlerstraße. Die Mordkommission sichert Spuren. Vor den vielen Dönerbuden und Kiosken sitzen Menschen, trinken Bier und unterhalten sich entspannt.

Helmut Schmidt und Angela Merkel wurden in Barmbek geboren. Doch von historischer Bedeutsamkeit merkt man hier wenig. Vielmehr strahlt der Stadtteil eine kühle, hanseatische Familiarität aus, wenn auch mit multikulturellem Flair. In den Straßen hört man Französisch, Polnisch, Türkisch, Arabisch, alle Sprachen. Die Menschen kennen sich, leben teils schon sehr lange hier.

"Vor 50 Jahren haben mich meine Eltern schon mit dem Kinderwagen durch die Fuhle geschoben," sagt beispielsweise Nicole Nicol. Er schätzt Barmbek als Einkaufsparadies. Nirgends seien die Preise so niedrig wie hier. Die Verkäufer in den Läden kennt er alle beim Vornamen. Auch jene, die um 15.10 Uhr im Edeka an der Kasse saßen und die Gewalttat von Ahmad A. miterleben mussten. "Eigentlich bin ich um die Uhrzeit ja immer im Edeka einkaufen", sagt Nicol, "nur heute nicht, weil ich mal die andere Buslinie genommen habe und später dran war." 

Eigentlich ein ruhiges Viertel

Von den Ausschreitungen während des G20-Gipfels ist Barmbek verschont geblieben. Es gab hier keine Demonstrationen und keine brennenden Autos. An Laternenmasten und Mülleimern leisten sich Linke und Neonazis einen Wettbewerb darin, die Aufkleber der jeweils anderen zu überkleben oder abzureißen.

200 Meter entfernt von dem Supermarkt, in dem Ahmad A. seinen Anschlag begann, steht ein Geschäft namens Nordic Company, das Kleider der Marke Thor Steinar verkauft. Einer Marke, die gern von Neonazis getragen wird. Die Fassade des Geschäfts ist voller Flecken, Gegner des Ladens haben ihn mit Farbbeuteln beworfen. "Wegen des Geschäfts gab es hier zuletzt mehrmals Demonstrationen von Antifa-Gruppen", sagt Nicole Reinhard. "Das nervte manchmal und es war zuletzt eigentlich auch der einzige Anlass für ein wenig Unruhe im Viertel." Auch sie kennt in der Fuhle jede Ecke.

Bis vor Kurzem arbeitete sie in der Bäckerei-Filiale im Edeka-Markt. "Ich habe sehr gerne in dieser Bäckerei gearbeitet, da hat man viele tolle Menschen getroffen." Sie sei auch mit der Verkäuferin befreundet, die zur Tatzeit in der Filiale gearbeitet hat. "Als ich sie eben im Fernsehen gesehen habe, war ich total schockiert." Später wolle sie sie besuchen. "Ich weiß noch nicht, wer der Tote ist und wer die Verletzten." Aber vielleicht seien es Leute, die sie kenne.