Für die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ist die Fremdenfeindlichkeit in Ländern Osteuropas aus dem Sozialismus ererbt. Die in Rumänien aufgewachsene Schriftstellerin sagte in der Wochenzeitung DIE ZEIT in einem Streitgespräch mit dem polnischen Zeithistoriker Włodzimierz Borodziej über den ehemaligen Ostblock: "Die Fremdenfeindlichkeit im Osten ist doch ein Kontinuum, die wurde aus dem Sozialismus mitgeschleppt." Ihr Heimatland Rumänien sei "völlig abgeschottet" gewesen, man sei nirgends hingekommen, es sei niemand hingekommen, "bis auf ein paar arabische Studenten mit reichen Eltern."

Das "herausstechendste Merkmal jeder Diktatur" aber sei Angst, sagte Müller. "Die wird einem für immer mitgegeben. Man begreift schon als Kind, dass etwas nicht stimmt. Diese Kindheit der Angst vergisst man nicht."

Borodziej hingegen hat nach eigenen Angaben im wirtschaftlich stabileren Polen "keine Spur von Unterdrückung erlebt". Er schreibt Polen zwar ein tradiertes Gefühl der Rückständigkeit zu, doch weist er Spätfolgen des Sozialismus zurück: "Der Ostblock ist doch bereits vor 28 Jahren zusammengebrochen." Ausländerfeindlichkeit lasse sich vielmehr durch tiefe Enttäuschung erklären: So habe man in Polen "zunächst an einen westdeutschen Ablauf der Geschichte" samt Wirtschaftswunder, Wohlstand und stabiler Demokratie geglaubt: "Das hat sich seit 2010 als Illusion herausgestellt. Das Wirtschaftswachstum korrespondiert nicht unbedingt mit wünschenswerten mentalen Einstellungen."

Besinnung auf das 'Eigene' ist nach Borodziej keine allein Osteuropa betreffende Entwicklung, da überall die "alten Demokratien" durch die globalisierte Wirtschaft unter Druck geraten: "Überall haben wir es mit Nativismus zu tun. Es wird angenommen: Das unsrige ist in Gefahr! Sei es durch den Strukturwandel der Wirtschaft oder eben in Gestalt von Flüchtlingen. Man setzt wieder auf das Schweineschnitzel, nicht auf Kebab."

In der Flüchtlingskrise hatte sich gezeigt, dass viele Staaten Osteuropas nicht bereit sind, innerhalb der EU verteilte Flüchtlinge aufzunehmen. Einige klagten sogar gegen entsprechende Beschlüsse der EU.