Im Sommer 1965 betritt der 39-jährige Wilhelm G., ein stadtbekannter Kleinkrimineller, das Bratwurststüble am Ulmer Bahnhof. Darin wartet wie abgemacht Walter S., 69 Jahre alt, etwas gebrechlich. Die beiden Männer haben sich die Nacht zuvor beim Roten Kreuz kennengelernt. Dort verbrachten sie die Nacht, beide sind seit Jahren obdachlos. Der Alte überzeugt den Jungen, "ihm zur Verfügung zu stehen". So steht es in den Gerichtsakten. Sie betreten die Toilette der Kneipe, entkleiden sich und vollziehen "Schenkelverkehr". Der Alte zahlt dem Jungen zehn Mark. Als sie die Toilette verlassen, werden sie festgenommen. Ein Spitzel hat sie beobachtet.

Wenige Wochen später stehen sie vor dem Ulmer Amtsgericht. Die beiden Männer werden zu zwei Monaten und zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Der Richter, der darüber entscheidet, heißt Klaus Beer und ist 30 Jahre alt. Seine Urteilsbegründung ist eine halbe Schreibmaschinenseite lang, Tagesgeschäft.

Der Fall ist einer von rund 100.000, in denen Männer zwischen 1949 und 1969 aufgrund des Paragrafen 175, des Antischwulenparagrafen, verurteilt worden sind. Darin stand: "Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen lässt, wird mit Gefängnis bestraft."

Dieser Paragraf gilt heute als Unrecht. Diese Einsicht liegt aber keineswegs so weit zurück, wie man meinen könnte. Zwar wurde er schon 1969 abgeschafft, 1994 gestrichen, doch erst vergangenen Freitag unterzeichnete der Bundespräsident ein Gesetz zur Entschädigung der Opfer.

Doch was ist mit den Tätern? Wer ist überhaupt Täter, wenn die Tat rechtens ist? Das ist bislang kaum aufgearbeitet worden.

Gegen die Menschenwürde

Die Geschichte von Klaus Beer ist eine der institutionalisierten Schwulenverfolgung in der Bundesrepublik. Aber auch eine von Schuld, Einsicht und dem Mut, sich dem Urteil der Öffentlichkeit zu stellen. Eine Geschichte von Gerechtigkeit und was es heißt, Unrecht zu begehen, während man es eigentlich besser weiß.

Beer ist heute Richter im Ruhestand, 85 Jahre alt. Er sitzt in seinem Wohnzimmer im schwäbischen Leonberg, am Rande einer Neubausiedlung. Beer ist ein großer, breiter Mann. Er spricht langsam und nachdrücklich. Um ihn herum stehen massive Bücherwände, durch die Tür ins Arbeitszimmer blickt man auf noch mehr Bücher, über die AfD etwa, dazwischen Gerichtsunterlagen und Familienfotos. Auf dem Wohnzimmertisch hat Beer Akten ausgebreitet: Aufsätze, vergilbte Zeitungsausschnitte und seine alten Urteile.

"Der Bundestag hat meine Arbeit als Verletzung der Menschenwürde klassifiziert", sagt er. "Und das ist richtig so." In vier Fällen hat Beer insgesamt sechs Menschen nach dem Paragrafen 175 verurteilt.

Klaus Beer, Richter a. D., war von 1963 bis 1965 am Ulmer Amtsgericht. © Fabian Federl

Seit 1994 ist Beer in Pension. Seitdem arbeitet er das auf. Er schreibt Aufsätze, steht für Dokumentationen zur Verfügung, erzählt seine Geschichte. Als einziger. Niemand sonst, kein Polizist, Richter, Staatsanwalt, keiner, der von Amtsseite an der Schwulenverfolgung in der Bundesrepublik beteiligt war, hat sich bislang dazu geäußert.*

Beer ist in Hamburg geboren, 1945 wurde die Familie ausgebombt, über Umwege landeten sie in Ulm. Er studierte erst Mathematik und Physik, später Jura. Seit seiner Jugend war er in der SPD aktiv. "Sozi und Jurist", sagt er, "ich dachte, damit könnte man etwas in die richtige Richtung bewegen."

Beer las als Student den soziologischen Sammelband Sexualität und Verbrechen. Theodor Adorno schrieb darin: "Gegen den Homosexuellen-Paragrafen ist eigentlich nicht zu argumentieren, sondern nur an die Schmach zu erinnern." Beer war überzeugt, der Paragraf sei überholt. Er kannte die Geschichte des Gesetzes, seine Einführung 1871, als seine Notwendigkeit mit "Volksmoral" begründet wurde, die Homosexuellen untergrüben sie, hieß es damals. Er kannte auch die Begründung der Verschärfung des Paragrafen 1935 unter Hitler, weil Homosexuelle nach Ansicht der NSDAP den "Volkskörper" schädigten. Beer nannte den Paragrafen "ideologischen Müll", hielt Vorträge in juristischen Nachwuchsgruppen und bezeichnete die Abschaffung des Paragrafen 175 als eine der notwendigen anstehenden Reformen.

Die Nachkriegsjustiz war da ganz dezidiert anderer Meinung. Nach 1945 wurden unter Mitwirkung des Alliierten Kontrollrates große Teile des Reichsstrafgesetzbuches novelliert, um daraus das Bundesstrafgesetzbuch zu machen. Die Todesstrafe und die Zuchthausstrafe wurden abgeschafft. Paragraf 175 aber blieb in der Nazifassung erhalten.

1951 wurde das neue Strafgesetzbuch bestätigt. 1955 entschied die Europäische Kommission für Menschenrechte, der Paragraf verstoße "offensichtlich" nicht gegen die Menschenrechtscharta. Dort werden Geschlecht, Ethnie oder Religion als schützenswert genannt, nicht aber die sexuelle Orientierung. 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht den Paragrafen 175 als grundgesetzkonform. Die deutsche Rechtsprechung war sich einig, also folgte die deutsche Beamtenschaft. Und mit ihr auch Klaus Beer.

Die Schuld bleibt

In seinem Referendariat begleitete Beer Ulmer Kriminalpolizisten auf der Fahrt in ärmere Stadtviertel. Die Polizisten schlichen sich an Häuser heran und schauten durch Fester von Wohnungen, in denen ledige Männer wohnten. Um vorsorglich nachzusehen, was die da trieben. "Behördlich organisiertes Spitzeltum" nennt Beer das. Er fand das auch damals schon falsch, glaubte aber, die Strukturen verändern zu können, von innen. 

Das stellte sich als nahezu unmöglich heraus. Eine Richterkarriere begann damals als Assessor, Richter auf Probe. Das bedeutet, der Richter darf zwar richten, die älteren Kollegen aber, also jene, die später die Personalentscheidung treffen, schauen sich diese Urteile genau an. Sie tauschten sich untereinander aus und verglichen sie mit ihren eigenen Urteilen. "Auf zwei, drei junge Richter", sagt Beer, "kamen zwölf bis 15 alte." Als alt bezeichnet er diejenigen, die schon in der NS-Justiz gerichtet hatten. Das galt für das gesamte Justizsystem. In einem Fall saß ihm als Anwalt Gerhard Klopfer gegenüber, ehemaliger SS-Gruppenführer, Teilnehmer der Wannseekonferenz als Spezialist für "Rasse- und Volkstumsfragen".

 "Wenn ich heute zurückblicke", sagt Beer, "hätte ich in dem Moment sagen sollen: Nein, mit Ihnen spreche ich nicht!" Diese Kraft habe er nicht gehabt. Dasselbe galt für die Urteile nach Paragraf 175. Hätte er sie nicht gefällt, hätte das die Ablehnung eines ganzen Systems bedeutet – und seiner beruflichen Zukunft. Er sah damals nur zwei Möglichkeiten: Entweder er hielt sich an die Urteile des Oberlandesgerichts, der Bundesgerichte, des Bundesverfassungsgerichts, des Europäischen Rats für Menschenrechte und blieb Richter. Oder er lehnte sich gegen all diese Instanzen auf suchte sich einen neuen Beruf.

Wäre er damals erfahrener gewesen, sagt Beer, hätte er auch von der dritten Möglichkeit gewusst. Jene, die viele Richter zu dieser Zeit nutzen. Er hätte die Vagheit des Paragrafen zur Milderung nutzen können. "Gesetze sind absichtlich so geschrieben, dass sie Spielraum lassen." Vor allem, wenn sie auf so unpräzisen Worten wie "Unzucht" basieren. Doch Beer war unerfahren, er wollte Richter bleiben, also hielt er sich an das, was er kannte: die Regeln.

Urteile nach Paragraf 175 © Fabian Federl

Beer verurteilte in drei Verfahren vier Männer zu Gefängnis, in einem zwei Männer zu Geldstrafen. Diese letzte, sanftere Strafe konnte er deshalb verhängen, sagt Beer, weil er zu dem Zeitpunkt die Probezeit bestanden hatte und sich freier fühlte. Die Zweifel, ob das, was er tat, richtig war – ob rechtens oder nicht –, hörten aber nicht auf. Im Gegenteil. 

Beer vertrat nun ein Strafrecht, das er selbst als "ideologischen Müll" betrachtete, und richtete nach ihm. Er sah das besondere Unrecht gegenüber Homosexuellen, aber auch das Allgemeine, die "Klassenjustiz" vor Gericht, wie er heute sagt. Der Antischwulenparagraf 175, der Antiabtreibungsparagraf 218 und viele andere moralbegründete Gesetze seien alle im Kern gegen die unteren Schichten gerichtet gewesen. In den Bahnhofskneipen wurde kontrolliert, bei Arbeitern und deren Familien. "Hinter den Villenmauern konnte man machen, was man wollte", sagt er. Unerträglich für Beer, der als "Sozi und Jurist" antrat, um, wie er sagt, "etwas Vernünftiges" zu machen.

Kurz nach dem vierten Fall stellte Beer einen Antrag auf Versetzung. Er ging ans Zivilgericht Stuttgart, später in die Abteilung zur Wiedergutmachung von NS-Opfern. Als 1969 der Paragraf 175 mit den Justizreformen unter Gustav Heinemann abgemildert wurde, hatte Beer nichts mehr mit dem Strafrecht zu tun. Er machte sich, so erinnert er sich, auch keine "größeren philosophischen Gedanken" mehr darüber. Bis die Opfer des Unrechts, an dem auch Beer beteiligt war, entschädigt wurden, dauerte es mehr als 50 Jahre. Und in der Zwischenzeit ging das Unrecht an anderer behördlicher Stelle weiter.

Die Polizei führte bis in die achtziger Jahre sogenannte Rosa Listen, in München waren etwa 3.000, in West-Berlin 4.500 Männer in einer Kartei erfasst, eine polizeiliche Registrierung und Überwachung Homosexueller. Im Handbuch der Kriminalistik von Hans Groß und Friedrich Geerds aus dem Jahr 1978 wird die Homosexuellenkartei als "notwendige Maßnahme" für die Sicherheit der Bevölkerung bezeichnet. Der Spiegel zitierte 1979 Staatsanwalt Wolf Wimmer: "Es geht nichts über ein mit griffelspitzischer Sorgfalt geführtes Homosexuellenregister. Denn aus diesen Kreisen, das ist nun einmal nicht zu leugnen, kommen die gefährlichen pädophilen Triebtäter." In Thüringen, Bayern und Nordrhein-Westfalen war "homosexuell" bis 2005 eine ausgewiesene Tätergruppe, ihre Treffpunkte potenzielle Tatorte. Europol sammelt, für die Datenbank für Kindesmissbrauch, heute noch Daten zum Sexualleben von Menschen, darunter auch: Homosexualität.

Nachsinnen, bereuen

Als 1994 der Paragraf 175 gestrichen wurde, begann Beer, nun in Pension, mit seiner Aufarbeitung. Immer wieder hat er die Urteile aus seinen Unterlagen geholt, sie ausgebreitet, wieder und wieder gelesen, sich vorgestellt, was aus den von ihm verurteilten Menschen geworden sein könnte. Er schrieb diese Gedanken auf, veröffentlichte sie in Betrifft Justiz, einer Fachzeitschrift für Richter. Ein Aufsatz handelte explizit davon, dass er es bereut, den Paragrafen 175 angewendet zu haben.

Am 11. Mai 2012, in seinem 18. Pensionsjahr, las Klaus Beer eine Randspalte im Politikteil der Süddeutschen Zeitung, der Artikel handelte von Opfern des Paragraf 175. Beer schrieb einen Leserbrief, der am 19. Mai erschien. Ein Geständnis, eine Selbstbezichtigung, ein Einblick in die Gedanken eines Mannes, der Unrecht getan hat und es weiß. "Nicht selten habe ich die Urteile hervorgezogen und gelesen und über das weitere Leben der Männer nach meinem Dienst am 'Recht' nachgesonnen." Der Brief endete mit einer Forderung: "Ich erwarte, dass der Gesetzgeber endlich meine Urteile aufhebt!" Beer ist bis heute der einzige, der den Mut hatte, sich im Namen der Aufarbeitung dem Urteil der Öffentlichkeit auszusetzen.

Mit der Unterschrift des Bundespräsidenten unter dem Entschädigungsgesetz wurden nun, im Juli 2017, auch die damaligen Urteile ungültig. Jene von mehr als zehntausend Amtsrichtern, die laut Beers Schätzung mit Fällen nach Paragraf 175 zu tun hatten. Ein Amtsrichter hatte bis zu einem Dutzend solcher Fälle im Jahr. Einige der damals jungen Richter müssten heute noch leben und könnten darüber berichten. Zwei von ihnen fragte Beer vor einigen Jahren. Sie sprachen mit ihm, öffentlich wollten sie das aber nicht tun, es sei ihre Sache, was sie darüber denken. "Ich kann mir vorstellen, dass viele ihre Urteile heute noch für richtig halten", sagt Beer. Den allermeisten, schätzt Beer, sei es einfach gleichgültig.

Beer blättert durch die vergilbten Urteile, die gesammelten Zeitungsausschnitte, seinen Leserbrief. "Auch wenn die Urteile nun ungültig sind", sagt er, "die Schuld bleibt." Was er in seinem Leserbrief schrieb, dass er den Leben der verurteilten Männer "nachsinnt", ist wörtlich zu verstehen. Beer zieht die Akte der beiden Obdachlosen aus dem Bratwurststüble vor. Auch über deren Zukunft hat er nachgesonnen und es aufgeschrieben: "Beide trieben sie ohne Arbeit und Wohnsitz durchs Leben, und sie werden wohl, der Junge länger, der Alte kürzer, mit häufigem Ausgleiten die Schattenseiten des Daseins durchschritten haben."

*ZEIT ONLINE hat beim Schwulen- und Lesbenverband, bei der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, beim Schwulen Museum, beim Grünen-Politiker Volker Beck und mehreren Historikern nachgefragt. Falls Sie, liebe Leser, selbst mit dem Paragrafen 175 in Berührung gekommen sind oder einen Betroffenen kennen, der sich dazu äußern möchte, würden wir uns über Hinweise in den Kommentaren freuen.

Paragraph 175 - "Wann endlich wird ein Schlussstrich gemacht mit den Nazi-Gesetzen?" Wolfgang Lauinger ist 98 Jahre alt und kämpft für homosexuelle Männer, die nach Paragraph 175 verurteilt wurden. Ein Gesetz zu deren Rehabilitierung hat Justizminister Maas in Aussicht gestellt. © Foto: Zeit Online