Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Wer Albrecht von Hagen in seinem Dorf besuchen will, muss sich wappnen. Nicht vor dem Gastgeber, aber vor der Fahrt dorthin. Offiziell gibt es zwei Straßen nach Japenzin, befahrbar ist davon allerdings nur noch eine. Die andere, ein ungepflasterter, überwachsener Feldweg, kennt das Navi zwar, doch es weiß nicht um den Zustand dieser Piste. Matschige Krater, die so tief sind, dass die Passage mit einem normalen Auto kaum möglich ist – am Ende hilft nur, umzudrehen, 15 Kilometer Umweg in Kauf zu nehmen und die andere Straße auszuprobieren. Die ist zwar ebenso durchlöchert wie der Feldweg, aber immerhin geteert. Das Ziel, der 150-Seelen-Ort Japenzin, ist erreicht, mit halbstündiger Verspätung.

Albrecht von Hagen, der Gastgeber, lacht, als er von dem Missgeschick erfährt. Als wolle er sagen: Es ist eben nicht jeder hart genug für das Leben auf Vorpommerns Dörfern. Von Hagen, Jahrgang 1933, ist hart genug. Er lebt seit neun Jahren hier, in einem alten, zuvor leerstehenden Bauernhaus, das er eigenhändig saniert hat. Und ihm ist etwas gelungen, was im Dorfleben eher selten ist: Er ist in dieser Zeit zur Stimme seines Ortes geworden, obwohl er nicht von hier stammt, sondern aus dem Westen, und nur einen Bruchteil seines Lebens hier verbracht hat. "Ich habe mich niemandem aufgedrängt", sagt er. Aber dass vieles nicht gut läuft, das hat er schon gesagt, und er tat es lauter als die Dorfbewohner, die schon länger hier lebten: "Vielleicht hatten die sich einfach schon zu sehr an die Zustände gewöhnt."

Die Zustände, das sind die Lebensbedingungen der Japenziner, über die von Hagen sich ärgerte, kaum dass er in Japenzin gelandet war. Nicht, weil die Japenziner etwas falsch machen, sondern weil der Staat etwas falsch macht. Der habe sich seit der Wende Stück für Stück auf den Rückzug gemacht. Zu DDR-Zeiten gab es hier einen Dorfkonsum, einen Kindergarten und eine Gaststätte – heute ist davon nichts mehr übrig. Und auch, wer die heutigen Zustände lieber nicht mit denen in der DDR vergleicht, weil so ein Vergleich von vornherein hinkt, muss feststellen: Von dem, was viele Menschen in Deutschlands Städten für selbstverständlich halten, ist Japenzin weit entfernt. 

Mit den Straßen fängt es an, beim langsam Internet hört es nicht auf. "Wir sind hier abgeschnitten von der Entwicklung", sagt von Hagen. "Und es scheint, als würde das niemanden stören." Sechs Kilometer entfernt von Japenzin liegen der nächste Kindergarten und die nächste Schule, 22 Kilometer sind es bis zum nächsten Supermarkt und 25 bis zum nächsten Krankenhaus. Die Kreisstadt, Greifswald, liegt 60 Kilometer entfernt. Bis zur Kreisreform im Jahr 2011 waren es nur 20 Kilometer bis in die Kreisstadt Anklam.

Ostvorpommern gehört zu den ärmsten Regionen Deutschlands, und zu den am dünnsten besiedelten. Die nächsten Großstädte sind Rostock, 150 Kilometer, oder Berlin, 200 Kilometer. Industrie gibt es weit und breit nicht, in der Landwirtschaft fielen seit der Wende mehr als zwei Drittel der Jobs weg. Vor allem die junge Generation wanderte in Scharen ab. In Dörfern wie Japenzin stehen oftmals etliche Häuser leer, in den meisten anderen wohnen viel weniger Menschen, als sie eigentlich fassen könnten. Wer hier leben will, muss weite Wege in Kauf nehmen, Lebenskünstler sein oder Rentner.

Ein Problem, auf das auch Professor Helmut Klüter hinweist. Klüter war, bis er vor wenigen Monaten in Pension ging, Professor für Regionalgeographie an der Universität im nahen Greifswald. Er kritisiert die Strukturpolitik in seinem Bundesland seit langem. "Es gibt Hunderte Dörfer wie Japenzin – und nur wenige von ihnen haben, meist durch Eigeninitiative, den Trend aufhalten können. Ansonsten hat man das Hinterland einfach mehr oder weniger abgeschrieben." Dabei gebe es dafür überhaupt keinen Anlass: "Es gibt für diese Orte sehr wohl eine Zukunftsperspektive."  

Viele Menschen, die unter dem überteuerten und eingeengten Leben in der Großstadt litten, suchten nach einer Alternative: "Es ist nicht utopisch, zu sagen, dass sich diese Alternative hier auf dem Land finden ließe – wenn nur gewisse Mindeststandards eingehalten würden." Tatsächlich sei es aber so, dass weiter Schulen und Arztpraxen dichtgemacht würden und Straßen unsaniert blieben. Die Politik lasse den Mut vermissen, etwas über den Bedarf zu planen: "Aber wenn man immer weiter dichtmacht, anstatt vielleicht auch mal eine nicht ganz ausgelastete Schule vorzuhalten, rächt sich das eben."