Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Weitere Informationen über #D17

Der Husten. Der Arzt sagt, dass es nichts Schlimmes sei. Am Wochenende wird der Husten doller. Eine Notärztin sagt, es sei nicht so schlimm. Yunas Fieber steigt, der Husten bleibt. Am Montag wieder zum Arzt. Jetzt ist es doch schlimm. Sie sollen ins Krankenhaus fahren. Unterwegs spuckt das Kind Blut. Im Krankenhaus hängen die Ärzte sie an Kabel und Maschinen. Es piept im Herzrhythmus. Die Eltern warten auf dem Flur. "Ihr Kind ist schwer krank", sagt eine Ärztin im Vorbeigehen. Als sie ins Zimmer gerufen werden, drücken Ärzte auf dem kleinen Körper herum, pressen ihn hinein in die Matratze. Knochen knacken, Yuna stiert. Nach einer Stunde geben die Ärzte auf. Man schiebt das Kind in ein Zimmer, in dem die Eltern warten. Da liegt die Dreijährige, die eben noch lebte. Da liegt sie auf einem Bett, mit blauen Lippen und geschlossenen Augen, so ruhig. Das Gesichtchen geschwollen, die Haut blass. Das fröhliche Kind lacht nicht mehr. Eine Kerze brennt. Die Eltern können kaum weinen.

Einen Tag nach Yunas Tod ändert Mutter Jassy Behrendt ihr Profilbild auf Facebook in einen schwarzen Kasten. Sie schreibt: "Meine lieben Freunde. Mir fehlen die Worte. Bevor es euch wie auch immer erreicht: Unsere geliebte Tochter Yuna Emily ist gestern, am 25.01.16, viel zu früh von uns gegangen. Der Schmerz ist nicht zu beschreiben. Bitte keine Fragen wieso, weshalb. Yuna war krank und hat es leider nicht geschafft. Betet für sie. Yuna, wir alle lieben und vermissen dich so schrecklich doll."

Wie soll es je weitergehen?

In vielen Nächten wacht Jassy Behrendt auf und hört diesen herzzerreißenden Schrei: "Mami!" Die 30-Jährige sieht Yunas Augen, halb lebendig noch, halb weggetreten, sieht die blauen Lippen, das geschwollene Gesicht, die kinderkörperquetschenden Arzthände, die Sauerstoffmaske auf ihrem Gesicht. Abends und nachts ist es am schlimmsten. Die Bilder sind da, der Schmerz bleibt. Das Leben der anderen geht weiter. Das muss es ja. Das eigene Leben geht weiter. Aber wie? Die Uhr tickt, als wäre nichts gewesen. Aber es gibt keine Zeit mehr. Da ist nichts als Leere und Schmerz.

Dass die Eltern in einer Kleinstadt leben und die Großeltern auf dem Dorf, macht die Sache leichter und schwieriger zugleich. Auf dem Land zu trauern oder in der Stadt, das ist etwas anderes. Es gibt keine Anonymität in der Kleinstadt, schon gar nicht auf dem Dorf. Jeder weiß, dass ein Kind gestorben ist. Die Nachricht spricht sich herum. Das ist gut, weil viele helfen möchten und schlecht, weil der Tratsch den Trauernden das Leben noch schwerer macht.

Ein halbes Jahr nach dem Tod des Kindes heiraten Jassy Behrendt und ihr Freund, Yunas Vater. Das wollten sie sowieso, jetzt wollen sie es noch mehr. Nicht wegen des Todes, sondern trotzdem. Manche verstehen das nicht. Wie kann man nur? So kurz nach dem Tod des Kindes. Jassy Behrendt ist das Gerede nicht egal, aber sie weiß auch, dass die anderen keine Ahnung haben.

Luftballons für Yuna

Das Paar heiratet auf einem Schiff auf der Elbe. Auf dem Fluss, den Yuna so gemocht, in den sie Steinchen geworfen, an dessen Ufer sie gesessen und im Sand gebuddelt hatte. Die Hochzeitsgesellschaft lässt Luftballons steigen. Die Eltern wollen leben, irgendwie, weiterleben mit dem Schmerz, den sie nicht wegschieben wollen, mit den Gedanken an ihr Kind, die sie nicht verdrängen wollen. Luftballons für Yuna. Keiner weiß, ob sie zuschaut von oben und lächelt, als sie die Luftballons sieht, als sie betrachtet, wie ihre Eltern versuchen, glücklich zu sein. Jassy Behrendt glaubt, dass es so ist. Dass Yuna nicht mehr lebt, aber dass sie trotzdem nicht einfach weg ist, verschwunden, sondern da, irgendwie dabei. Mal spürt sie es mehr, mal weniger. Es gibt ihr Kraft. Nach der Hochzeitsfeier bringt sie ihren Brautstrauß zum Friedhof und legt ihn auf Yunas Grab.

Das Gerede. Woran ist das Kind denn gestorben? Hast du schon gehört? Ist ja schlimm, was da passiert ist. Und jetzt heiraten die so schnell? So redet man auf dem Dorf und in der Kleinstadt. So redet man vielleicht auch in der großen Stadt, aber dort geht es schneller unter, da spürt man nicht so sehr, wie die Menschen tuscheln und tratschen und quatschen hinter dem Rücken.

Trauerbegleiter Andreas Süskow aus dem kleinen Schnega (Niedersachsen) hilft Menschen in der ländlichen Region, mit der Trauer umzugehen, organisiert Trauerfeiern, hält Trauerreden. Wo jeder jeden kennt, da verbreiten sich Gerüchte schneller und belasten den Trauernden. Dass Menschen die Straßenseite wechseln, wenn sie einen Menschen sehen, dass sie sich im Supermarkt lieber an einer anderen Kasse anstellen als hinter einem Trauernden, passiert gar nicht so selten. "Trauernde lösen bei vielen Angst vor dem eigenen Tod aus, Angst vor dem Umgang mit einem verdrängten Thema, Angst vor der Sprachlosigkeit", sagt Süskow. Das ist in der Stadt nicht anders als auf dem Dorf, aber auf dem Dorf ist es spürbar, wenn die Menschen sich abwenden. Süskow hat schon oft beobachtet, dass Menschen durch einen Trauerfall fast ihr ganzes soziales Umfeld verloren haben.