In Istanbul ist der Marsch für Gerechtigkeit der türkischen Opposition zu Ende gegangen. Die aus Ankara kommenden Protestierenden erreichten die Stadt am Bosporus und versammelten sich zu einer Großkundgebung im Stadtteil Maltepe am Marmarameer. "Recht, Gesetz, Gerechtigkeit", skandierte die Menge und schwenkte türkische Fahnen mit der Aufschrift "adalet" (Gerechtigkeit). Viele kritisierten die massenhaften Entlassungen und Inhaftierungen seit dem gescheiterten Putschversuch am 15. Juli 2016. Die geschätzte Teilnehmerzahl lag zwischen 1,6 und zwei Millionen.

"Der 9. Juli ist nicht das Ende des Marsches, sondern der Anfang der Freiheit", rief der Vorsitzende der kemalistischen CHP-Partei Kemal Kılıçdaroğlu der Menge bei der Kundgebung zu. Er forderte die Freilassung aller inhaftierten Abgeordneten und Journalisten. "Alle Hindernisse für die Meinungsfreiheit müssen beseitigt werden." Seine Bewegung werde weitermachen, bis alle Forderungen erfüllt seien. "Wir werden die Mauern der Angst niederreißen. Der letzte Tag unseres Marschs für Gerechtigkeit ist ein neuer Anfang", sagte Kılıçdaroğlu. Der CHP-Abgeordnete Özgür Özel sagte, "Millionen schreiben heute Geschichte". Es sei die größte Demonstration der Opposition seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013.

Viele der Protestierenden hatten in den vergangenen drei Wochen auf dem Marsch für Gerechtigkeit etwa 450 Kilometer von Ankara aus zurückgelegt. Täglich waren sie etwa 25 Kilometer gelaufen. CHP-Chef Kılıçdaroğlu war als Initiator den letzten Abschnitt allein gegangen, gesichert von einigen Hundert Polizisten. Er hatte zu dem Protestzug aufgerufen, nachdem der CHP-Abgeordnete Enis Berberoğlu Mitte Juni zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war. Der Marsch endete an dem Gefängnis, in dem er inhaftiert ist. 

Der Abgeordnete Berberoğlu hatte Dokumente an die Zeitung Cumhuriyet weitergegeben, die zeigen sollen, dass die türkische Regierung Terrororganisationen in Syrien mit Waffen beliefert hatte. Auch Journalisten der Cumhuriyet wurden nach Veröffentlichung der Geschichte inhaftiert. Berberoğlu streitet die Vorwürfe ab. 

Die Befugnisse überschritten

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan beschuldigte die Teilnehmenden wiederholt der Unterstützung von terroristischen Organisationen. Er kritisierte die CHP, die Befugnisse der politischen Opposition überschritten und sich mit "terroristischen Organisationen und Kräften, die zur Gewalt gegen unser Land anstiften", verbündet zu haben.

Seit dem gescheiterten Putschversuch vor etwa einem Jahr wurden mehr als 50.000 Menschen inhaftiert und 140.000 entlassen. Kılıçdaroğlu sagte, dass die Entlassungen und der von Erdoğan ausgerufene Ausnahmezustand einem "zweiten Putsch" gleichkämen.