Fernando Reinares wusste, wie die Terrorzelle aussehen würde, die Spanien in Angst versetzt – lange bevor die Attentäter von Barcelona und Cambrils vor genau einer Woche zuschlugen. Er wusste, dass sie aus jungen Männern bestehen würde, darunter viele Marokkaner der ersten und zweiten Einwanderergeneration, untereinander eng befreundet oder miteinander verwandt, einige sogar Brüder. Reinares wusste auch, dass die jungen Männer von einer charismatischen Führerfigur radikalisiert sein und wohl aus Katalonien stammen würden.

Der Mann ist kein Hellseher, sondern Fachmann für islamistischen Terrorismus am Real Instituto Elcano in Madrid. Mit seiner Kollegin Carola García-Calvo hatte er jüngst ein Bild der islamistisch radikalisierten Gruppen in Spanien entworfen. Im Rückblick betrachtet sieht dieses Bild aus wie eine Blaupause der Ripoller Terrorzelle.

In der katalanischen Kleinstadt Ripoll jedoch, 100 Kilometer nördlich von Barcelona, kannte wohl niemand Reinares Bild. Und so verfolgen die Menschen dort die Nachrichten über die Anschläge und deren Täter mit einer Mischung aus Unglauben und Entsetzen. Sie können immer noch nicht fassen, dass die mutmaßlichen Terroristen so lange unerkannt in ihrer Mitte lebten.

Anschläge in Katalonien

Zwölf Männer waren es: Der Imam Abdelbaki Es Satty, ein 45 Jahre alter Marokkaner, der als Spiritus Rector der Gruppe gilt. Younes Abouyaakoub, 22 Jahre alt. Er soll den Lieferwagen in Barcelona in die Menschen gefahren und auf der Flucht einen weiteren Mann erstochen haben. El Houssaine Abouyaakoub (19), Mohamed Hychami (24), Omar Hychami (21), Said Aalla (20) und Moussa Oukabir (17). Sie hatten wohl eine Messerattacke in Cambrils geplant, überfuhren dann an einer Straßensperre Passanten und wurden von der Polizei erschossen. Youssef Aalla (22). Er starb wie der Imam in den Trümmern der explodierten Bombenwerkstatt in Alcanar. Schließlich Driss O. (28), Sahl el K. (34) Mohammed A. (27) und Mohamed Houli C. (21). Sie wurden festgenommen und am Dienstag dem Untersuchungsrichter vorgeführt.

Nur C. gab zu, Teil der Terrorzelle gewesen zu sein. Die drei anderen stritten ihre Beteiligung ab. Drei der Verdächtigen bleiben in Haft, entschied der Untersuchungsrichter. Nur in einem Fall reicht die Beweislage dafür nicht aus, der Mann wurde unter Auflagen freigelassen.

Die Gruppe hatte monströse Pläne. In dem Wohnhaus in Alcanar, dass sie schon im Februar gemietet hatten, horteten die Männer mehr als 100 Gasflaschen, 500 Liter Aceton und elektronisches Material. Nach dem, was aus den Vernehmungen vor dem Staatsgerichtshof in Madrid bisher nach außen drang, plante die Gruppe ursprünglich einen Anschlag auf mehrere öffentliche Gebäude, darunter die Kirche Sagrada Família, ein Wahrzeichen Barcelonas. Der geständige C. soll das ausgesagt haben und auch, dass der Imam Es Satty sie dazu angestiftet habe.

Barcelona - Polizei tötet Hauptverdächtigen Die katalanische Polizei hat am Montag den mutmaßlichen Haupttäter der Anschläge in Barcelona erschossen. Der Mann soll eine Sprengstoffgürtelattrappe getragen haben. © Foto: Lluis Gene/AFP/Getty Images

"Irgendwie unheimlich"

Mohamed kennt C. gut, er nennt ihn "El Houli". Gemeinsam mit fünf Freunden sitzt Mohamed in einem Straßencafé am Rathausplatz von Ripoll. Seinen vollen Namen nennt er lieber nicht. C. habe sich seit einem Jahr verändert, genauso wie sein Freund Houssaine Abouyaakoub, erzählt Mohamed. "Wenn ich ihn gefragt habe, ob er ausgehen wollte, hatte er immer eine Ausrede." Und  er sah Houssaine, dessen schweigsamen Bruder Younes und auch "El Houli" mehrmals mit Es Satty. Mohameds Freunde sagen das auch, haben die Männer ebenfalls zusammen gesehen.

Den Imam, der die jungen Männer radikalisiert haben soll, beschreiben Mohamed und seine Freunde als Eigenbrötler, der ihnen "irgendwie unheimlich" vorkam. Es Satty war 2015 das erste Mal nach Ripoll gekommen. Er arbeitete einige Monate lang als Imam für die El-Fath-Gemeinde, damals die einzige muslimischen Gemeinde der Kleinstadt. Doch dann forderte er mehr Gehalt. Als dieser Wunsch nicht auf Gehör stieß, verließ Es Satty Ripoll und seine 600 Mitglieder zählende muslimische Gemeinschaft nach einigen Monaten wieder.

Zwischen Januar und März 2016 hielt sich Es Satty in Belgien auf. Unter anderem reiste er nach Vilvoorde. Die Kleinstadt liegt nördlich vor den Toren der Hauptstadt Brüssel und wurde bekannt, weil von dort aus fast 30 islamistische Kämpfer nach Syrien und in den Irak ausgereist sind. Suchte Es Satty Kontakt zur islamistischen Szene der Stadt? Auch die Moschee im Nachbarort Diegem besuchte er und fragte nach Arbeit. Doch als der örtliche Imam Es Satty um ein polizeiliches Führungszeugnis bat, sei Es Satty verschwunden, berichtet der britische Guardian. Die BBC erfuhr aus offizieller Quelle, Es Satty habe schon 2015 fünf Monate lang regelmäßig in einer belgischen Moschee gepredigt. Dann hätten sich die Ältesten der Gemeinde jedoch Sorgen wegen seiner radikalen und polarisierenden Art gemacht.

Spanien - So ereignete sich der Anschlag in Barcelona Bei einem Anschlag in der Einkaufsstraße La Rambla sind am Donnerstag mehr als ein Dutzend Menschen getötet worden. Die Karte zeigt, wie der Anschlag ablief. © Foto: Google Earth