Im Raum Aachen werden ab Freitag vorsorglich für den Fall eines Atomunfalls Jodtabletten verteilt. Wegen der Nähe zum umstrittenen belgischen Kernkraftwerk Tihange hatte die Region beim Land Nordrhein-Westfalen darauf gedrungen, die Bevölkerung mit den Tabletten zu versorgen. Politik und Verwaltung bezweifeln, dass dies im Ernstfall in kürzester Zeit gelingen könnte. Erst im Juni hatten Zehntausende Menschen in der Grenzregion gegen die belgischen Atomkraftwerke demonstriert.

In der Stadt und Städteregion Aachen und drei angrenzenden Kreisen können Menschen, die 45 Jahre und jünger sind, Schwangere und Stillende Bezugsscheine über einen Link bis Ende November im Internet beantragen. Damit bekommen sie bei beteiligten Apotheken kostenlos hochkonzentrierte Jodtabletten.

Damit sie vor Schilddrüsenkrebs schützen, dürfen die Tabletten nur nach einer entsprechenden Information der Behörden (PDF) eingenommen werden. Die Behörden rechnen damit, dass mehr als jeder Dritte das Angebot wahrnehmen wird. "Wir appellieren, die Chance einfach jetzt zu nutzen und sich den Druck zu nehmen", sagte der Aachener Ausgabekoordinator Markus Kremer.

Die Strahlenschutzkommission rät über 45-Jährigen von den Jodtabletten ab. Das Risiko von Nebenwirkungen sei dann höher als das Risiko, später an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Bundesweit werden die Tabletten zentral gelagert und nur im Bedarfsfall ausgegeben. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass die Tabletten zu früh eingenommen werden und nicht wirken.

Aus für belgische Atommeiler bis 2025

Knapp 70 Kilometer liegen zwischen Aachen und dem Kernkraftwerk Tihange. Der Reaktor 2 von Tihange blieb seit 2012 fast durchgehend abgeschaltet, nachdem Haarrisse am Reaktorbehälter festgestellt worden waren. Ende 2016 wurde er trotz Protesten aus Deutschland wieder hochgefahren. Der Betrieb von Tihange wird in Deutschland selbst von Regierungspolitikern kritisch gesehen. Besonders umstritten sind die Reaktorblöcke 1 und 2. Tihange 1 ist bereits 40 Jahre alt.

Ende 2016 hatten Deutschland und Belgien ein gemeinsames Atomabkommen für einen besseren Austausch in Fragen der nuklearen Sicherheit geschlossen. Es wurde eine deutsch-belgische Atomkommission eingesetzt, die mindestens einmal im Jahr abwechselnd in einem der beiden Länder zusammenkommen soll. Außerdem waren gemeinsame Besuche in Atomkraftwerken in Belgien und Deutschland geplant.

Auch der neue NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte angekündigt, die schwarz-gelbe Landesregierung werde sich mit Nachdruck für die Abschaltung der Atomkraftwerke in Tihange und Doel einsetzen. Belgien verfügt über insgesamt sieben Reaktoren. Spätestens 2025 sollen im Zuge des Atomausstiegs sämtliche Meiler abgeschaltet sein.