Es ist alles ganz schlimm. Die Leute lesen nichts mehr, heißt es. Genauer gesagt: Sie lesen nur noch fetzenweise. Hier eine Überschrift, da eine Unterzeile, und schon kommentieren sie die Artikel im Netz. Wofür es ja durchaus Beispiele gibt. Oder sie lesen nur SMS und auf WhatsApp, kurze Postings auf Facebook oder Twitter. Wofür es ebenfalls Beispiele gibt. Ja, und das Argument der rund 90.000 Bücher, die Jahr für Jahr erscheinen, soll auch nichts wert sein, wie ich kürzlich im Gespräch belehrt wurde: Die Leute blätterten bloß. Läsen nur noch selektiv, mal hier ein Kapitel, mal dort eine Passage. Aber so richtig von Anfang bis Ende, dazu habe doch niemand mehr Lust, Ausdauer, Zeit. Dicke Romane: wisch und weg. Tageszeitungen: nur noch die Überschriften. Et cetera.

Weshalb die politische Öffentlichkeit nicht mehr das sei, was sie mal war. Es werde ja kaum noch ordentlich argumentiert. So gehe die Demokratie vor die Hunde.

Und wer ist an allem schuld?

Raten Sie.

Na?

Genau: das Internet. Es ist ja eh an allem schuld.

Nun mal im Ernst. Ich bin alt genug, mich an die Zeit ohne Internet zu erinnern (obwohl ich sie mir nicht mehr vorstellen kann). An den Kollegen, der Sachbücher stets dort aufschlug, wo der Index steht, und selektiv das las, was ihm interessant vorkam. Besonders, wenn sein eigener Name im Verzeichnis auftauchte.

Leser wissen heute besser Bescheid

Zugegeben, ein Extremfall. Aber sehr viel anders gehe auch ich nicht vor, wenn ich nur einzelne Kapitel eines Sachbuchs lese (und eventuell darin etwas anstreiche oder kommentiere). Ich habe mich schon dabei ertappt, dass mein Auge in Romanen, die zu lesen mir zu lang wurden, jene Passagen suchte, in denen kurze Absätze auf Dialog und Action hindeuteten. Gute Methode. Erlernt habe ich sie während der Lektüre der Bücher von Karl May, die ich in einer Zeit, als ich vom Internet und vom Rassismus noch nichts wusste, in hohem Tempo verschlang.

Während des Studiums arbeitete ich in den Semesterferien als Bierfahrer. Dort hatte ich oft mit dem zu tun, was heute als die verlorengegangene politische Öffentlichkeit von damals apostrophiert wird: mit der Bild-Zeitung. Die kannte ich allerdings auch schon aus der Zeit, in der sie gegen demonstrierende Studenten hetzte, bis jemand Rudi Dutschke niederschoss. Da war die Demokratie noch nicht durch das Internet gefährdet, so viel steht fest.

Heute gehört es zu meiner Arbeit, Überschriften und Unterzeilen zu verfassen. Sie dienen dazu, Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zur Lektüre des darunterstehenden Artikels zu verleiten. Deshalb, so wurde mir eines Tages eröffnet, sei Nordkorea rüstet auf eine schlechte Überschrift, denn wer sie lese, wisse dann ja schon Bescheid, dass Nordkorea aufrüstet und denke sich: Na, dann muss ich den Artikel ja nicht mehr lesen. Nein, es müsse heißen Wie Nordkorea aufrüstet. Das Wie deute darauf hin, dass da noch eine Menge mehr zu erfahren sei. Ich glaube allerdings nicht, dass die Leser immer noch auf diesen Trick hereinfallen. Aber sie freuen sich natürlich über knackige, informierende Überschriften; die nützen nicht nur der Wiederauffindbarkeit durch Google, sondern auch den Lesern, die sofort ins Bild gesetzt werden.

Nun Twitter. Ich habe noch nie Zeiten erlebt, in denen so viel geschrieben wurde. Wollten die Bildungsbürger das nicht immer? Jetzt haben sie den Salat. Alle Welt twittert. Und twittert eben so, wie alle Welt twittert. Das kommt davon. Das Getwitter wird allerdings auch gelesen. Ich behaupte: Die Leute lesen so viel wie noch nie. Was lesen sie? Ja, auch viele sehr kurze Sachen. Das ist ausgezeichnet. Muss man erst mal können, mit 140 Zeichen etwas zu sagen. Es ist, halten Sie sich fest, eine Kunstform. Früher, als sie noch elitär war, in der guten alten elitären Zeit, nannte man das Aphorismus. Nehmen wir etwa diesen über 300 Jahre alten Tweet: "Das viele Lesen hat uns eine gelehrte Barbarei zugezogen." – Lichtenberg.

Selektion als Kulturtechnik

Da fällt mein Auge, immer auf der Flucht vor Langeweile, auf die Nouvelle Revue Française, das ist eine Literaturzeitschrift. Dort lese ich einen Aufsatz über "das oberflächliche Lesen", den aber gründlich. Er führt viele Beispiele dafür auf, dass Bücher schon seit Jahrhunderten mittels Kapitelüberschriften sowie kleinen, den Kapiteln vorgeschalteten Inhaltsangaben den Lesern die Wahl lassen, Passagen zu überspringen. Und dass Cervantes in seinem Don Quijote sich über diese Praxis lustig machte, indem er unter die Kapitelnummern Bemerkungen setzte wie "... in dem viele und wichtige Dinge behandelt werden", oder auch "... in dem das behandelt wird, was sehen wird, wer es liest." Witzig auch Fieldings Tom Jones, wo das zum Exzess getrieben wird, was Zeitungsmacher heute "Leserführung" nennen: Die Kapitelüberschriften heißen zum Beispiel "Die Geschichte nähert sich dem Ende" und "Die Geschichte nähert sich noch mehr dem Ende".

Nun, diese Kolumne auch, und wenn Sie bis hierher durchgehalten haben, dann verrate ich Ihnen, warum ich sie eigentlich aufschrieb: Ich glaube, dass das oberflächliche Lesen eine Fähigkeit zur Auswahl ist. Dasjenige, was wir dann wirklich wichtig finden, lesen wir durchaus. Ja, ich habe sogar den Eindruck, dass die Öffentlichkeit noch nie so viel gelesen hat wie heute, in der Internetzeit, und auch noch nie so viel wusste. Dass die Politik es heute mit einem weitaus informierteren Publikum zu tun hat als noch vor 50 Jahren, als Peter Handkes Publikumsbeschimpfung aufgeführt wurde.

Nicht nur die Politik. Wir Journalisten schreiben für Leser, die einfach viel mehr wissen als die von früher, und es uns auch wissen lassen. Was ja nur gut ist, auch wenn es manchmal wehtut.