Aqil selbst wurde auf einen Mann mit Gesichtsnarbe aufmerksam, der 2013 Qamischli verließ und später mit IS-Kämpfern auf Fotos posierte. Sein Facebook-Profil ließ darauf schließen, dass er sich mittlerweile in Deutschland aufhielt. Mit einem Journalisten des Nachrichtenmagazins Der Spiegel stellte Aqil den Mann in einem Flüchtlingsheim. Der Mann bestätigte, aus Qamischli zu kommen, bestritt aber, IS-Mitglied gewesen zu sein. Die Beamten der zuständigen Landeskriminalpolizei fanden auf dem Laptop und Smartphone des Mannes keine Beweise für eine IS-Mitgliedschaft. Zu Aqil sagten die Behörden, dass in den vergangenen Monaten mehr als 30 ähnlicher Hinweise untersucht worden seien – und nur einer zu einer Verurteilung geführt hätte. 

Womöglich könnten Islamisten, so Aqils Hoffnung, wenn schon nicht auf die Anklagebank, dann zumindest unter Beobachtung der Sicherheitskräfte gestellt werden. Der Bedarf, mit Flüchtlingen aus Syrien und Irak zusammenzuarbeiten, um IS-Anhänger aufzuspüren, scheint groß. Eine im Auftrag der Innenministerkonferenz erstellte Analyse zählt Ende 2016 784 Männer und Frauen aus Deutschland, die sich seit 2012 Terrorgruppierungen in Syrien und im Irak angeschlossen haben. Mehr als ein Drittel, 274 Personen, sind zurückgekehrt. Nur zwölf Prozent wurden inhaftiert, lediglich neun Prozent haben sich von extremistischen Milieus losgesagt. Addiert man dazu einige Hundert in Deutschland sozialisierte Gefährder sowie eine schwer bezifferbare Zahl an IS-Anhängern, die 2015 und 2016 als Flüchtlinge getarnt nach Deutschland kamen, wird klar: Viele Anhänger des IS sind mitten unter uns.

"Nach dem IS kommt etwas Neues"

"Ich fand es anfangs erschreckend, dass Sicherheitskräfte nicht eingreifen und Leute festnehmen konnten. Aber andererseits verstehe ich, dass Deutschland ein Rechtsstaat ist", sagt Aqil. Für Sicherheitsbehörden gilt im Zweifelsfall die Unschuldsvermutung, Verdächtige dürfen nur bei ausreichender Beweislage festgenommen werden. Dennoch ist Aqil froh, sich Gehör verschafft zu haben. "Wer gesehen hat, was ich sehen musste, darf nicht schweigen", sagt er. Schweigen hieße, mit dem IS einverstanden zu sein. 

Deshalb wollte er seine Geschichte öffentlich machen. Über die Vermittlung eines Verlags lernte Aqil Ende 2016 den Autor Peter Köpf kennen. Mit ihm schrieb Aqil seine Lebensgeschichte auf, die nun als Buch erscheint. "Das Schreiben hatte eine therapeutische Wirkung", sagt Aqil. Durch die Publikation erhofft sich Aqil auch, andere Flüchtlinge zu ermutigen. "Es gibt genügend Geflüchtete, die genügend Informationen haben, um den Sicherheitsbehörden zu helfen." Viele hätten jedoch Angst um Hinterbliebene in der Heimat oder wüssten nicht, wie wertvoll ihr Wissen sei.

Aqils Kampf gegen den IS ist damit aber nicht beendet. In Deutschland fehle das Bewusstsein, dass es ein Problem mit Extremismus gebe, sagt er. Dass Islamisten ungestört Missionierungsarbeit betreiben und radikale Predigten in Moscheen abhalten könnten, hält er für einen Skandal. "Die Leute müssen verstehen, dass der radikale Islam ein riesiges Problem für Europa ist." Auch wenn der IS in Syrien und dem Irak immer weiter zurückgedrängt werde, dürften deutsche Behörden keine Nachsicht haben. "Nur weil sie Territorien verlieren, heißt das nicht, dass Menschen mit diesem Weltbild verschwinden werden", sagt er. Die Ideologie des IS werde nicht einfach aussterben. "Nach dem IS wird es eine neue Terrororganisation geben. Darauf müssen wir vorbereitet sein."

Das Buch "Mitten unter uns – wie ich der Folter des IS entkam und er mich in Deutschland einholte" von Masoud Aqil erscheint am 28. August im Europa Verlag.