Zunächst läuft Leyla Karaca* still in der Menge mit, "als Normalo verkleidet": blaue Jeans, Pulli, Regenjacke, die lockigen Haare ordentlich zum Pferdeschwanz gebunden. Sie hat sich mit Freundinnen unter Abtreibungsgegner gemischt. "Echte Männer stehen zu ihrem Kind", steht auf deren Banner, oder: "Töten ist keine ärztliche Kunst". Dann schleudert Karacas Freundin pinkes Farbpulver in die Luft. Es ist das entscheidende Signal: Karaca und die anderen schreien so laut sie können. Sie schreien gegen Leute, die über ihre Körper bestimmen wollen, sie schreien gegen Leute, die sie für verrückt halten, sie schreien, "bis die Bullen kommen", wie sie sagt.

Das war 2014. Ebenfalls damals: Störaktionen, Sitzblockaden, mit Sprühdosen um die Häuser ziehen, bei Flüchtlingsprotesten ausharren. Heute sitzt die Studentin müde vor einem Stapel Papier. Es sind Anträge auf Fördergelder für ihre nächste Aktion, ohne Konfrontation, dafür mit Behördensegen und Pressearbeit. Mit einem gemieteten Bus will Karaca durch Deutschland fahren und einfach nur mit fremden Leuten reden.

"Ich habe das Gefühl, dass die Zeiten schlimmer werden und es nicht mehr darum geht, aufzuzeigen, wie bescheuert die anderen sind", sagt Karaca. Mit "den anderen" meint sie vor allem Rechtspopulisten. AfD-Politiker würden inzwischen in 13 Landesparlamenten und unzähligen Talkshows mitmischen, es gebe umfassende Strategiepapiere. "Da können wir keinen Quatsch mehr machen. Wir brauchen elaboriertere Aktionen."

Proteste galten als gefährlich

In Karacas Biografie spiegelt sich ein wenig die Geschichte des deutschen Protestwesens. Der Protest ist abgesehen von Ausreißern wie den G20-Krawallen in Hamburg oder die Demonstrationen gegen das Bahnprojekt "Stuttgart 21" im Jahr 2010 ruhiger geworden. "In Westeuropa und Nordamerika hat ein Prozess der Normalisierung stattgefunden", sagt Protestforscher Simon Teune von der TU Berlin. Bis in die achtziger Jahre galten Proteste als gefährlich und kommunistisch unterwandert. 

Herausragende Momente der Protestgeschichte seien die Osterunruhen 1968 gewesen, die Demonstration gegen den Nato-Doppelbeschluss im Bonner Hofgarten 1982 oder die Montagsdemonstrationen von 1989, die das Ende der DDR herbeiführten. Ab den Neunzigern verlagerte sich der Fokus auf rechte Proteste, viele richteten sich etwa gegen Asylbewerber und Muslime.

Dann gewöhnten sich die Menschen an Proteste. Die Gewalt nahm in der Tendenz ab, dafür zogen Demonstrationen und Kundgebungen auch wenig politische Menschen an. Selbst auf den ersten Blick unpolitische Vereinigungen wie Ärzteverbände oder Polizeigewerkschaften organisierten Proteste. "Proteste wurden entspannter und ein akzeptables Mittel der Meinungsäußerung, sowohl für die Bevölkerung als auch für die Polizei", sagt Teune. Das nahm Protesten aber den Stachel. Um größere Aufmerksamkeit zu erzeugen, mussten sie kreativer werden und neue Ausdrucksformen finden.

Aber ist die leise, freundliche Gegenrede überhaupt noch Protest? Karaca will auf ihrer Bustour Leute kennenlernen, die anders denken als sie. Die vielleicht finden, dass Muslime Terroristen sind, oder dass Frauen sich besser um Haus und Kind kümmern sollten. Die vielleicht sogar finden, dass Karaca aufgrund ihrer türkischen Herkunft nicht in Deutschland leben sollte. Diesen Leuten will Karaca ihre Meinung nicht entgegen brüllen, sondern zuhören, mit Kaffee und Kuchen. Schließlich sind der jüngsten Allensbach-Studie zufolge derzeit 46 Prozent aller Wähler noch unentschlossen.

So viele waren es so kurz vor der Wahl laut Frankfurter Allgemeine Zeitung seit 20 Jahren nicht mehr. Es gibt also noch viel Potenzial zur Meinungsbildung. Gleichzeitig sei auch der Anteil der Wähler, die den Ausgang der Wahl schon vor dem Wahltag für entschieden halten, mit 45 Prozent so hoch wie noch nie seit der Wiedervereinigung.

*Name von der Redaktion geändert