"Solche Taten haben nichts mit dem Islam zu tun. Wir verurteilen das", sagt Ali Yassine. Der Vorstand der Annur-Moschee in der katalanischen Kleinstadt Ripoll empfängt im Gebetsraum der Gemeinde, die mit rotem Teppich ausgelegt ist: "Wir stehen unter Schock."

Die mutmaßlichen Terroristen von Barcelona, sagt der Moscheevorstand, ein mittelalter Marrokaner mit tiefblauem Sportshirt, seien fast nie zum Beten gekommen. Daher könne er auch wenig über die Jungs im Alter von 17 bis 28 Jahren sagen, die in Ripoll aufwuchsen. Sie seien "normal" gewesen, in der Gemeinde habe man gedacht, sie müssten erst ihren Weg zum Glauben finden. "Es ist leider so", sagt Yassine, "dass die meisten Moscheen heute es kaum schaffen für Jugendliche unter 24 Jahren attraktiv zu sein. Sie fühlen sich eingesperrt bei uns."

Ripoll ist ein katalanisches Städtchen in den Ausläufern der Pyrenäen. Ockerfarbene Häuschen, pitoreske Gässchen, zwei Flüsschen rauschen irgendwo in den bläulich schimmernden Hügeln. Im Norden liegt Frankreich, 100 Kilometer südlich Barcelona. Die Einwohner der katalanischen Metropole kommen wegen der Sommerfrische hierher, man kann wandern, das nahe Kloster besichtigen. Die Restaurants haben hübsch aufgedeckt.

Die ganze Welt kennt ihre Kindergesichter

11.000 Menschen lebten hier zuletzt. Unentdeckt unter ihnen offenbar auch bis zu acht islamistische Terroristen. Am Freitag wurden in Ripoll Wohnungen durchsucht, Polizeistreifen mit Maschinengewehren positionierten sich im Ort, Einwohner wurden zum Verhör mitgenommen. Die ganze Welt kennt nun die Kindergesichter der bereits identifizierten Islamisten, veröffentlicht als Fahndungsfotos auf den Titelseiten der Zeitungen. Said A.,19 Jahre, El Houssaine A., 19 Jahre , Mohamed H., 24 Jahre, Omar H., 21 Jahre, Moussa O., 17 Jahre – alle erschossen von einer Antiterroreinheit der spanischen Polizei nach dem Übergriff in der Küstenstadt Cambrils.

Zuerst hieß es, der noch minderjährige Moussa habe den Lieferwagen auf der Rambla gesteuert und dort 14 Menschen getötet und fast 100 verletzt. Tatsächlich hat Moussa das Auto mit Papieren seines Bruder gemietet. Doch weil er es so schnell nicht aus Barcelona nach Cambrils geschafft hätte, ist die Polizei nun von dieser Theorie abgerückt. Nach Medienberichten hält die Polizei nun Younes A., 22 Jahre alt, für den Attentäter von Barcelona. Er ist auf der Flucht, es wird international nach ihm gefahndet.

Die jungen Männer eint, dass sie die marokkanische Staatsbürgerschaft haben, aber im katalanischen Ripoll aufgewachsen sind, sie besuchten hier die Schule, kickten im Fußballverein. Warum haben sie sich radikalisiert? Warum ist dies den Behörden verborgen geblieben? Die marokkanische Gemeinde, beteuert Yassine, habe jedenfalls nichts "komisches bemerkt. Sonst rufe ich doch sofort die Polizei."  

Keine Auffälligkeiten, keine Vorstrafen, keine Probleme

Ripoll gilt nicht als bekannter Rückzugsort von Islamisten, eher im Gegenteil, als Städtchen, in dem man gut und ruhig leben kann. Und so steht Maria Dolors Vilalta i Fossas, eine Vertreterin des Rathauses, in weißem Kleid auf dem blumengeschmückten Platz im Zentrum und erzählt den vielen angereisten Journalisten geduldig, was sie weiß. Das Problem ist nur: Es ist nicht so viel.

"Ganz normale Jungs" seien Mousa, Younes, Said und die anderen gewesen, sagt auch Vilalta. Keine Auffälligkeiten seien bekannt, keine Vorstrafen, keine Probleme in der Schule, keine extreme Religiosität oder Drogen- und Alkoholkonsum, keine Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung, so wie es beispielsweise beim Berlin-Attentäter Anis Amri der Fall war. "Es gab keine Hinweise darauf, dass sie sich verändert haben. Wir können es nicht glauben", sagt Vilalta.

Die zierliche Frau in ihren Fünfzigern ist im Bürgermeisteramt für die "öffentliche Sicherheit, das Zusammenleben und Teilhabe" zuständig. Sie weiß auswendig, dass 686 Marokkaner in Ripoll leben. Frauen mit Kopftuch gehören zum Stadtbild, es gibt seit kurzem zwei Moscheen in der Stadt, doch der Anteil an Muslimen sei im landesweiten Vergleich völlig normal. "Bei uns gibt es keine Ghettos", sagt die zierliche Frau, die sich auch von vielen Journalisten und Kameras um sie herum nicht aus der Ruhe bringen lässt.