Nizza, London, Berlin – und jetzt auch Barcelona: die Zahl der europäischen Länder, die zum Angriffsziel fanatischer Lieferwagenfahrer geworden sind, wird immer größer. Glaubt man der Propaganda, die die ideologischen Hintermänner der Attentäter verbreiten, dann galt der Angriff Europa – und zwar nicht dem Europa der Banken- und Währungsunion, dem Europa der vielen Nationalstaaten oder dem Brexit-Europa. Sie griffen das Europa an, das demokratisch, pluralistisch, offen und tolerant sein will. Das Europa, das gerade in seinen großen Städten diese Werte offensiv lebt. Das Fundament Europas.

Was folgt daraus? Bislang reagieren die Staaten vor allem einzeln auf Terror. Auf europäischer Ebene werden zudem bessere Grenzkontrollen angestrebt, der Austausch von DNA-Daten, Fingerabdrücken und Fahrzeugregisterdaten, eine gemeinsame Fahndungsdatei und der Ausbau von Cybersicherheit. Diese und weitere Punkte bilden das Herzstück der "europäischen Sicherheitsunion", die die Juncker-Kommission 2015 ausrief. Unabhängig davon schlossen sich die Mitgliedsländer der Nato im Mai der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) an, zudem suchen einzelne Mitgliedstaaten außerhalb Europas nach militärische Lösungen gegen den Terror. Ein solcher Fokus bekämpft womöglich Symptome, geht aber weitgehend am Ziel der Terroristen vorbei.

In den dreißiger Jahren war die Philosophin Hannah Arendt trotz der Machtübernahme der Nationalsozialisten zunächst in Deutschland geblieben. Sie dokumentierte die beginnende Judenverfolgung und nahm in ihrer Wohnung Flüchtlinge auf. 30 Jahre später, 1964, sagte sie über ihr Motiv: "Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen." Sie hatte sich vorher nicht als Jüdin gefühlt, erst der Antisemitismus habe sie zu dieser Position gebracht.

Folgt man Arendts Logik, müsste das Europa, das sich gegen die Angriffe zur Wehr setzt, vor allem eines sein: demokratisch, pluralistisch und offen. Das würde auch dem entsprechen, was Radikalisierungsexperten seit Jahren fordern: Eine gemeinsame Strategie im Umgang mit Radikalisierten, die nicht nur auf Abwehr fußt. Die Gründe für eine Radikalisierung sind komplex und individuell, eines haben die meisten europäischen Radikalisierten aber gemeinsam: Sie fühlen sich entfremdet von der Gesellschaft und identifizieren sich mit einer anderen Gruppe. Viele sind auch in der EU aufgewachsen oder verbrachten einen großen Teil ihres Lebens hier. Abwehr dürfte bei ihnen kaum funktionieren.

Eine andere, europäische Antwort auf den Terror könnte also lauten: Dem Terror nicht nur mit Abwehr und Außenpolitik zu begegnen, sondern mit Inklusion. Die europäischen Länder könnten zusätzlich zu ihren regionalen oder nationalen auch eine gesamteuropäische Integrationsstrategie anstreben und den Menschen eine Heimat bieten, bevor sie sich radikalisieren und bevor Terrororganisationen diese Menschen für sich gewinnen können.

Ansätze für eine gemeinsame Integrationsstrategie gibt es

Ansätze dazu gibt es bereits, sie stehen nur viel weiter hinten in den Strategiepapieren. In vielen zusammenfassenden Berichten tauchen sie gar nicht erst auf. Im Juni 2016 stellte die EU-Kommission zum Beispiel eine Reihe von Maßnahmen zur "Bekämpfung von Radikalisierung und Gewaltbereitschaft" vor. Mit Millionenbeträgen aus verschiedenen Fördertöpfen will die EU Terrorismusforschung unterstützen, eine gemeinsame Meldeplattform einrichten, Gefängnisprävention fördern, Austauschprogramme ausbauen und eine gemeinsame Antidiskriminierungsrichtlinie verabschieden. Das Geld stellt sie vor allem lokalen Akteuren zur Verfügung. Diese kennen sich schließlich in ihrer Gegend am besten aus. Die EU gründete aber auch das Aufklärungsnetzwerk gegen Radikalisierung (RAN). Das soll verschiedene Deradikalisierungsprojekte miteinander vernetzen, sodass die Experten der unterschiedlichen Länder ihre Erfahrungen teilen und daraus lernen können.

Laut dem Psychologen Ahmad Mansour wurden in Frankreich in den letzten Monaten viele Projekte gestoppt. Jedes hätte auf seine eigene Art gearbeitet, und manche Projekte hätten sich als reine Gelddruckmaschinen oder Selbstbeschäftigungsmaßnahmen herausgestellt. In England sei man nach mehr als zehn Jahren von der Zusammenarbeit mit nicht gewaltbereiten Islamisten abgerückt, da sie sich als kontraproduktiv erwiesen habe. Aus diesen Erkenntnissen können und müssen alle anderen Länder lernen.

Dass die EU seit Kurzem bereits an gemeinsamen Maßnahmen zur Bekämpfung von Radikalisierung arbeitet, ist ein Anfang. Aus diesen ersten Ansätzen müsste nun aber das Herzstück von Junckers "europäischer Sicherheitsunion" werden. Erst dann würden wir nicht nur in einem Europa leben, zu dessen Selbstverständnis es gehört, demokratisch, pluralistisch, offen und tolerant zu sein. Sondern auch in einem, das all diese Werte wirklich ernst nimmt.