Dies ist ein Text unserer neuen Serie Fünf und der Fisch. Bis zur Bundestagswahl schreiben fünf Experten über Prognosen, Versprechen und Kampagnen. Und ein Fisch prognostiziert den nächsten Kanzler. Alle Informationen über die Serie finden Sie hier.

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Ab einem bestimmten Alter werden wir regelmäßig und unaufgefordert zum Gesundheits-Check-up eingeladen. Und viele nehmen das Angebot gern an. Gesundheit ist uns wichtig.

Fast ebenso wichtig ist den allermeisten die Erwerbstätigkeit, und das nicht nur zur Sicherung des Lebensunterhalts. Die überwiegende Mehrheit würde selbst dann arbeiten wollen, wenn sie das Geld nicht benötigen würde. Doch kümmert sich der Staat auf eine vergleichbare Art um den Joberhalt, wie er sich um die Gesundheitsvorsorge müht? Warum eigentlich nicht?

Der Arbeitsmarkt verändert sich. Die Zeit ist vorbei, in der eine Ausbildung am Anfang des Lebens ausreichend war für ein ganzes Berufsleben. Wir werden älter und arbeiten länger. Technologischer Fortschritt und globale Arbeitsteilung werden Jobs überflüssig machen und andere entstehen lassen. Die Sicherheit, einen guten Job zu haben, wird in Zukunft stärker von den Vorkehrungen des Einzelnen abhängen – und wie sehr ihn Staat und Unternehmen darin unterstützen. Deswegen wird es von Jahr zu Jahr bedeutender, dass wir unser Weiterbildungssystem umbauen.

Viele Menschen teilen die Sorge, eines Tages ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Doch sie reagieren sehr unterschiedlich auf die diffuse Angst vor der Arbeitslosigkeit. Gutgebildete mit großen Netzwerken sind aktiver, sie suchen oft von sich aus nach neuen Optionen und Möglichkeiten, sich zu verändern. Menschen mit niedriger oder mittlerer Bildung tun das dagegen weit weniger, auch weil sie weniger Unterstützung dafür erhalten.

Viele von ihnen haben noch gute, unbefristete Festanstellungen. Sie sind Fahrerinnen und Fahrer von Bussen, U-Bahnen und Lokomotiven, Reinigungskräfte in der Stadtreinigung. Auch sie lesen von fahrerlosen Autos und kleinen Roboterstaubsaugern. Und fühlen sich oft alleingelassen. Sie wissen nicht, wie sie sich auf die bevorstehenden Umbrüche vorbereiten sollen, an wen sie sich wenden können. Und in ihren Betrieben gibt es oft keine Jobs, die Raum für Qualifizierung lassen. Dabei müssten die Unternehmen sich kümmern. Sie müssen zukünftigen Qualifikationsbedarf sehen, umstrukturieren, Weiterbildungen anbieten und vor allem: dafür Geld in die Hand nehmen. Doch die Führungskräfte in solchen Betrieben fühlen sich oft nicht zuständig.

Das Resultat: Die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fallen in eine Art Angststarre. Sie verharren, wo sie nach neuen Wegen suchen sollten. Unsere Vermächtnis-Studie von ZEIT, infas und WZB zeigt das ganz deutlich: Im Gegensatz zu Menschen ohne Angst empfehlen sie ihren Kindern, am besten einfach weiterzumachen wie bisher und abzuwarten. Es ist der falsche Ratschlag. Viele Niedrig- und Mittelqualifizierte erwartet über kurz oder lang der Verlust ihres Arbeitsplatzes, wenn sie nicht eine Idee davon entwickeln, was sie in zehn oder zwanzig Jahren tun könnten.

Weiterbildung, ein Thema in fast allen Wahlkampfprogrammen

Erst wenn der Job weg ist, gibt es einen Ansprechpartner für die Betroffenen – die Bundesagentur für Arbeit, die dann in ihren Jobcentern oft für den Arbeitslosen entscheidet, welche Maßnahmen zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt ergriffen werden. Viel zu spät und obendrein noch oft genug gegen den Willen des Einzelnen.

Natürlich könnte man das ändern. Warum gibt es nicht feste Beratungsstellen, an die sich die Menschen wenden können, lange bevor die Arbeitslosigkeit droht? Warum gibt es Gesundheitsvorsorge, Altersvorsorge, aber keine Beschäftigungsvorsorge? Wäre es nicht sinnvoll, man würde den Menschen, ähnlich wie beim Gesundheits-Check-up, regelmäßig Einladungen nach Hause schicken, damit sie sich informieren können, wie die Perspektiven ihrer Branche sind und welche beruflichen Optionen es für sie sonst noch gibt? So könnte man den Menschen einen Teil ihrer Angst nehmen und ihnen neue Spielräume verschaffen. Was es braucht für die Menschen, sind Transparenz über bestehende Angebote, klare Ansprechpersonen und eine neue Kultur der Weiterbildung.

Spielräume für zusätzliche Qualifizierung entstehen auch nur dann, wenn genügend Zeit neben der Arbeit da ist. Deshalb müsste man die Arbeitgeber dazu bringen, den Menschen mehr Teilzeitbeschäftigung zu ermöglichen. Die Arbeitsagentur könnte dazu beitragen und natürlich auch der Staat.

Alle Parteien, mit Ausnahme der AfD, versprechen in ihren Wahlprogrammen, dem Thema Weiterbildung mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wie das im Detail aussehen soll, variiert dann jedoch stark. Die Union will erst mal eine Nationale Weiterbildungskonferenz mit den Tarifparteien. Die SPD verspricht, die Arbeitsagentur zu einer Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung mit größerem Zuständigkeitsbereich umzubauen. Auf Weiterbildung bestünde dann ein Rechtsanspruch. Die Grünen fordern ein persönliches Entwicklungskonto für Weiterbildungszeiten und nennen das BildungsZeitPlus, einen Mix aus Zuschuss und Darlehen. Die Linkspartei dagegen favorisiert einen Weiterbildungsfonds, der von den Unternehmen finanziert werden soll. Die FDP wiederum ist für ein Langzeitkonto, das maßgeblich von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern durch Überstunden und Boni aufgefüllt werden soll, ergänzt durch Zuschüsse von Staat und Arbeitgebern, die allerdings nicht näher beziffert werden.

Ist das alles mehr als Wahlkampfprosa von Fachpolitikern auf den hinteren Seiten der Wahlmanifeste? Wird die nächste Bundesregierung wirklich für Strukturen kämpfen, die ein flexibleres Berufsleben ermöglichen, mit Umstiegen und ausreichend Zeit zum Dazulernen? Der Bedarf dafür ist augenfällig wie dringlich. Es wäre allerdings nicht weniger als ein Kulturwandel nötig.

Der Wahlkampffisch

Fisch, ein siamesischer Kampffisch, wird in einem symmetrisch eingerichteten Becken durch sein Schwimmverhalten bis zur Bundestagswahl jeden Tag signalisieren, ob er Martin Schulz oder Angela Merkel mehr Chancen einräumt.

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