Am heutigen Dienstag beginnt vor dem Oberlandesgericht Celle der Prozess gegen den Hassprediger Abu Walaa. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass der 33 Jahre alte Iraker die zentrale Führungsfigur des IS in Deutschland ist. Ermittlungsakten zufolge reichen seine Kontakte bis in die oberste Führungsriege der Terrormiliz. In der Vergangenheit soll Abu Walaa gezielt Kämpfer im Namen des IS rekrutiert haben.

Mitangeklagt sind zudem vier weitere Männer im Alter zwischen 27 und 51 Jahren. Auch sie sollen Freiwillige für den Kampf des IS angeworben haben. Ihnen wird Unterstützung und Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung nach Paragraf 129b StGB vorgeworfen. Für das Verfahren in Celle wurden zunächst 29 Termine bis Ende Januar kommenden Jahres angesetzt. Danach soll auf unbestimmte Zeit zweimal wöchentlich weiterverhandelt werden.

Alle fünf Angeklagten wurden im vergangenen November in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen festgenommen und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Im Juli erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen die mutmaßlichen IS-Sympathisanten. Den Männern drohen bis zu zehn Jahre Haft. Abu Walaa hatte im deutschsprachigen Islamkreis Hildesheim e.V. (DIK) gepredigt. Nach mehreren Razzien wurde der Verein im April 2017 vom niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius (SPD) verboten.

Von Hildesheim aus soll Abu Walaa bundesweit Kämpfer für den IS rekrutiert haben. Mindestens 15 Männer aus Niedersachsen und neun aus Nordrhein-Westfalen waren nach Behördenerkenntnissen in dessen Netzwerk und reisten ins Kriegsgebiet. Sechs von ihnen sollen dort gestorben sein.

Kontakt zu Anis Amri und Essener Tempelbombern

Belastet wird Abu Walaa von mehreren V-Leuten der Polizei sowie einem ehemaligen IS-Sympathisanten aus Gelsenkirchen. Der 23-jährige Kronzeuge Anil O. soll von Abu Walaa radikalisiert worden sein, bevor er sich der Terrormiliz in Syrien anschloss. Nach seiner Reise nach Syrien sagte sich O. vom IS los und erhielt im Mai eine Bewährungsstrafe.

Nach Informationen des Spiegels hat die Bundesanwaltschaft auf Basis der Aussagen O.s  auch Ermittlungen gegen den Strafverteidiger Mutlu Günal aufgenommen. Günal gilt als einer der prominentesten Rechtsverteidiger der deutschen Islamistenszene. O. zufolge soll Günal dem Salafisten dazu geraten haben, über Brüssel nach Syrien auszureisen. Zuvor hatte O. ausgesagt, das Abu Walaa höchstpersönlich ihm den Reiseweg empfohlen hatte.

Auch der Berliner-Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri soll sich im Umfeld Abu Walaas aufgehalten haben. Demnach soll Amri von Hasan C., einem Reisemakler aus Duisburg, in Koranseminaren in Nordrhein-Westfalen radikalisiert worden sein. Erkenntnissen von Sicherheitsbehörden zufolge gilt C. als einer der führenden Rekrutierer von Abu Walaa und soll mit ihm in regem Kontakt gestanden haben.

Auch der 16-jährige Yusuf T., der im April 2016 mit Komplizen einen selbst gebauten Sprengsatz vor einem Sikh-Tempel in Essen gezündet hatte, stand im Kontakt zu Abu Walaa. Der Schüler soll sich mehrfach mit Abu Walaa in Hildesheim getroffen haben. Die drei Attentäter wurden mittlerweile zu Jugendstrafen zwischen sechs und sieben Jahren verurteilt.

Konflikt mit Pierre Vogel

Außer in Hildesheim war Abu Walaa, der bürgerlich Ahmad Abdulaziz Abdullah A. heißt, in Nordrhein-Westfalen aktiv. Er lebte in Tönisvorst bei Krefeld mit einer Frau und vier gemeinsamen Kindern. Zudem soll er in Bad Salzdetfurth, etwa zehn Kilometer von Hildesheim, einen Zweitwohnsitz mit Zweitfrau bezogen haben. Vor seiner Zeit als islamistischer Hassprediger war Abu Walaa als Kleiderverkäufer tätig.

Auf Facebook folgten Abu Walaa zwischenzeitlich mehrere Zehntausend Nutzer. Bekannt wurde der Iraker als "Prediger ohne Gesicht", weil er in seinen Videos meist nur von hinten in einem schwarzen Umhang mit Kapuze zu sehen ist. Mit dem Prediger Pierre Vogel stand Abu Walaa im Konflikt: Vogels Weltbild, das zwar als fundamentalistisch gilt, aber den IS offiziell ablehnt, soll Abu Walaa nicht weit genug gegangen sein. Im April 2016 rief der IS seine Anhänger zur Tötung von Pierre Vogel auf.