Bei einem Schiffsunglück vor der Küste Libyens sind mindestens acht Flüchtlinge tot aus dem Meer geborgen worden. Etwa 90 Menschen würden noch vermisst, sagte ein örtlicher Behördenvertreter in der libyschen Stadt Zuwara. 35 Flüchtlinge konnten demnach am Dienstag und Mittwoch gerettet werden. Überlebende hätten sich fünf Tage lang an das sinkende Schiff geklammert, bevor dieses auf einem Strand aufgelaufen sei.

Libyen gilt als Haupttransitland für Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa wollen. Von Sabratha aus starten besonders viele Boote. Die Küsten werden zu großen Teilen von Milizen und kriminellen Banden beherrscht; seit Sonntag gibt es in Sabratha außerdem Kämpfe zwischen verschiedenen bewaffneten Gruppen. Die Überfahrt von Libyen aus gilt als die weltweit gefährlichste. Besonders leiden Jugendliche: Sie begeben sich nicht nur in Lebensgefahr – drei Viertel aller Jugendlichen werden Opfer von Misshandlung, Ausbeutung oder Menschenhandel. Das geht aus einem Bericht des Kinderhilfswerks Unicef und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hervor. Vor allem junge Flüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara seien gefährdet. Die Autoren des Berichts sehen hier Rassismus als Hauptproblem.

Libysche Regierung in der Kritik

Seit die italienische Regierung ein Abkommen mit der libyschen Küstenwache geschlossen hat, ist die Zahl der Mittelmeerflüchtlinge stark zurückgegangen. Nach UN-Angaben sind dieses Jahr etwa 130.000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa gekommen – weniger als halb so viele wie im vergangenen Jahr. Etwa 2.500 ertranken, im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es geschätzt 3.200 gewesen. Von den Überlebenden kamen drei Viertel in Italien an, der Bürgermeister von Lampedusa beklagte einen Zusammenbruch der Ordnung und forderte die Schließung des Aufnahmezentrums.

Die libysche Regierung gerät immer wieder in Kritik. So verstößt ihre "Such- und Rettungszone" möglicherweise gegen das Völkerrecht. Das berichtete die Osnabrücker Zeitung unter Berufung auf ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags. Die Zone reicht weit in internationale Gewässer und richtet sich vor allem gegen Schiffe von Nichtregierungsorganisationen, die im Mittelmeer Geflüchtete retten. Viele Organisationen hatten daraufhin ihre Einsätze eingestellt. "Das Recht auf freie Schifffahrt gilt auch für eine Such- und Rettungszone jenseits des Küstenmeeres", heißt es in dem zitierten Gutachten. Ein Staat dürfe Schiffen nicht die Einfahrt in diese Gewässer verwehren. "Eine Beeinträchtigung dieses Rechts (…) womöglich unter Androhung oder Anwendung von Zwangsmitteln, stellt einen Verstoß gegen das Seevölkerrecht dar."

Auch Hilfsorganisationen kritisieren das Vorgehen der libyschen Küstenwache. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen beschuldigte die Regierung in Libyen, illegal gegen Seenotretter vorzugehen. Diese drohe den Mitarbeitern, legale Rettungsaktionen in internationalen Gewässern mit Gewalt zu verhindern, sagte der Deutschlandchef der Organisation, Volker Westerbarkeyder Welt. Libyen sei ein "Ort der Gesetzlosigkeit, willkürlichen Inhaftierung und extremen Gewalt".