Die Bundesanwaltschaft fordert im NSU-Prozess wegen zehnfachen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe und eine anschließende Sicherungsverwahrung für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe. Das sagte Bundesanwalt Herbert Diemer im letzten Teil seines Plädoyers. Diese Strafe sei für jeden einzelnen Mord fällig. Außerdem gebe es eine besondere Schwere der Schuld. Diese sei "unumgänglich" festzustellen, sagte Diemer vor dem Oberlandesgericht München. Damit wäre im Fall einer Verurteilung eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren Haft ausgeschlossen.

Der Schlussvortrag der Anklage hatte bereits die vergangenen sieben Prozesstage in Anspruch genommen. In den Ausführungen hatte die Bundesanwaltschaft Zschäpe die volle Mittäterschaft an den Verbrechen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" zugeschrieben: den neun Morden an türkisch- und griechischstämmigen Gewerbetreibenden, dem Mord an einer deutschen Polizistin, zwei Bombenanschlägen in Köln mit zum Teil vielen Verletzten sowie zahlreichen Raubüberfällen. Insgesamt forderte Diemer für 14 dieser Verbrechen jeweils lebenslänglich. Zschäpe soll alle Taten gewollt und maßgeblich unterstützt haben.

Die von der Anklage geforderte Sicherungsverwahrung ist – anders als die Haft – keine Strafe für ein Verbrechen. Sie soll dazu dienen, die Allgemeinheit vor Tätern zu schützen, die ihre Strafe verbüßt haben, aber weiterhin als gefährlich gelten. Folgt das Gericht dem Antrag auf Sicherheitsverwahrung, würde Zschäpe nach Verbüßen einer möglichen Haftstrafe nicht in die Freiheit entlassen werden.

"Fanatische nationalsozialistische Gesinnung"

Zschäpe habe mit ihren Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die "fanatische nationalsozialistische Gesinnung" geteilt und daran mitgewirkt, Zuwanderer durch willkürliche Morde in Angst und Schrecken zu versetzen. Dabei habe Zschäpe den Willen zur "Tatherrschaft" gezeigt und habe "ein Drittel eines verschworenen Triumvirats" gebildet. 

Nach dem Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt machte sich Zschäpe nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft zudem des versuchten Mordes schuldig, als sie die Fluchtwohnung des NSU-Trios in Zwickau in Brand setzte: Sie habe damit Beweismittel vernichten wollen und den Tod von Menschen in Kauf genommen, hatte die Bundesanwaltschaft zuletzt argumentiert.

Hohe Hafstrafen für mutmaßliche NSU-Helfer gefordert

Neben Zschäpe sind vier mutmaßliche Helfer und Unterstützer der rechtsextremen Terrorgruppe angeklagt. Für den mutmaßlichen Terrorhelfer Ralf Wohlleben fordert die Bundesanwaltschaft zwölf Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen. Wohlleben soll die Ceska-Pistole beschafft haben, mit der Mundlos und Böhnhardt später neun Menschen ausländischer Herkunft ermordeten. 

Ebenfalls zwölf Jahre Haft forderte die Anwaltschaft für André E., einen weiteren mutmaßlichen NSU-Helfer. E. habe sich fünf Unterstützungshandlungen schuldig gemacht, von denen drei Fälle sehr schwer wögen, begründete Diemer die überraschend hohe Strafforderung gegen den Neonazi. Gleichzeitig beantragte die Anklage, wegen der drohenden hohen Strafe Haftbefehl gegen E. zu erlassen, um eine Flucht zu verhindern. E. sei für das im Untergrund lebende NSU-Trio "ein verlässlicher Anker" gewesen, sagte Diemer. "Auf ihn war unbedingter Verlass." Das Gericht ordnete an, E. in Gewahrsam zu nehmen, bis entschieden ist, ob er in Untersuchungshaft muss. Von den fünf Angeklagten sind bisher Zschäpe und Ralf Wohlleben in Untersuchungshaft. 

Für den ebenfalls als Unterstützer angeklagten Holger G. forderte die Bundesanwaltschaft fünf Jahre Haft, für den mutmaßlichen Helfer Carsten S. drei Jahre Jugendhaft. Zugunsten von S. wertete Diemer dessen Aufklärungshilfe und sein Schuldeingeständnis. Ohne Carsten S. hätte die Anklage in dieser Form nicht erhoben werden können, sagte der Bundesanwalt.

Nach der Bundesanwaltschaft sind die Nebenkläger mit ihren Plädoyers an der Reihe. Dabei werden wohl nicht nur Anwälte sprechen, sondern auch Angehörige von Mordopfern sowie Opfer von NSU-Anschlägen. Als letzte Gruppe werden die Verteidiger der Angeklagten die Beweisaufnahme aus ihrer Sicht bewerten. Danach kann das Gericht das Urteil fällen – bis dahin wird es aber noch einige Monate dauern.


Spuren des NSU

  • Pösen, 13. April 1996

    Jugend in der rechtsextremen Szene

    An einer Brücke über der Autobahn 4 bei Pösen hängt Uwe Böhnhardt im April 1996 einen Puppentorso mit der Aufschrift "Jude" auf und stellt eine Bombenattrape ab. Böhnhardt wird für die Tat zunächst verurteilt, später jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Heute ist die Anklage überzeugt, dass Böhnhardt gemeinsam mit Komplizen für die Tat verantwortlich war.

  • Jena, 6. Oktober 1996

    Jugend in der rechtsextremen Szene

    Im Oktober 1996 stellen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt eine Bombenattrappe auf einer Jenaer Sportanlage ab.

  • Weimar, 1. November 1996

    Jugend in der rechtsextremen Szene

    Im November 1996 besuchen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in SA-Uniform gekleidet die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Sie erhalten einen Platzverweis.

  • Jena, 2. September 1997

    Jugend in der rechtsextremen Szene

    Auf dem Theaterplatz in Jena stellen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt im September 1997 einen Koffer mit Hakenkreuz ab. Darin befinden sich zehn Gramm TNT-Sprengstoff.

  • Jena, 26. Dezember 1997

    Jugend in der rechtsextremen Szene

    Auf dem Jenaer Nordfriedhof finden Passanten im Dezember 1997 einen leeren Koffer mit Hakenkreuzen. Die Tat wird dem späteren NSU zugeschrieben.

  • Jena, 26. Januar 1998

    Abtauchen in den Untergrund

    In Garage Nummer 5. des Garagenkomplexes an der Kläranlage unterhalten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt eine Bombenwerkstatt. Am 26. Januar finden Fahnder dort Sprengstoff, die drei flüchten.

  • Chemnitz, 18. Dezember 1998

    Überfall auf Edeka-Markt

    Mundlos und Böhnhardt überfallen einen Chemnitzer Supermarkt und erbeuten 30.000 DM. Als ein Jugendlicher die Verfolgung aufnimmt, schießen sie mehrmals auf ihn.

  • Nürnberg, 23. Juni 1999

    Anschlag in Nürnberg

    In einer Nürnberger Gaststätte findet ein Putzmann eine Taschenlampe auf einer Toilette. Als er versucht, sie anzuknipsen, explodiert sie, das Opfer erleidet Verbrennungen. Für den Anschlag sollen Mundlos und Böhnhardt veranwortlich sein. Sie berichteten dem Angeklagten Carsten S., in Nürnberg "eine Taschenlampe hingestellt" zu haben.

  • Chemnitz, 6. Oktober 1999

    Überfall auf Postbank

    Überfall auf eine Filiale der Postbank in Chemnitz. Die Täter erbeuten 5.700 DM.

  • Chemnitz, 27. Oktober 1999

    Überfall auf Postbank

    Beim Überfall auf eine Chemnitzer Postfiliale erbeuten Mundlos und Böhnhardt 62.800 DM.

  • Nürnberg, 9. September 2000

    Mord an Enver Simsek

    An einer Nürnberger Ausfallstraße erschießen Mundlos und Böhnhardt den Blumenhändler Enver Simsek, der gerade seinen Stand aufgebaut hat. Der 38-Jährige hinterlässt seine Frau und zwei Kinder.

  • Chemnitz, 30. November 2000

    Überfall auf Postbank

    In der Chemnitzer Postfiliale, die ganz in der Nähe ihrer Wohnung liegt, rauben die Täter 38.900 DM.

  • Köln, 19. Januar 2001

    Anschlag in der Kölner Probsteigasse

    Kurz vor Weihnachten 2000 hinterlässt Mundlos oder Böhnhardt eine Christstollendose im Lebensmittelgeschäft eines Iraners in Köln. Am 19. Januar 2001 öffnet die 19-jährige Tochter des Inhabers, Mashia M., das Behältnis. Es explodiert, M. erleidet schwere Verbrennungen.

  • Nürnberg, 13. Juni 2001

    Mord an Abdurrahim Özüdogru

    Der 49-jährige Abdurrahim Özüdogru wird in seiner Nürnberger Schneiderei erschossen. Er hinterlässt eine Tochter.

  • Hamburg, 27. Juni 2001

    Mord an Süleyman Tasköprü

    In Hamburg stirbt der 31-jährige Händler Süleyman Taşköprü durch mehrere Kopfschüsse in seinem Lebensmittelladen. Er hinterlässt eine Tochter.

  • Zwickau, 5. Juli 2001

    Überfall auf Postbank

    Erstmals schlagen Mundlos und Böhnhardt außerhalb von Chemnitz zu. In einer Postfiliale in Zwickau besprühen sie Angestellte und Kunden mit Reizgas. Sie flüchten mit 74.400 DM.

  • München, 29. August 2001

    Mord an Habil Kilic

    Mundlos und Böhnhardt erschießen den 38-jährigen Gemüsehändler Habil Kiliç in seinem Geschäft. Er hinterlässt seine Frau und seine Tochter.

  • Zwickau, 25. September 2002

    Überfall auf Sparkasse

    In einer Zwickauer Sparkasse greifen die Täter mehrere Menschen mit Reizgas an, aus dem Tresor lassen sie sich 48.500 DM aushändigen.

  • Chemnitz, 23. September 2003

    Überfall auf Sparkasse

    In einer Chemnitzer Sparkasse lässt sich der Tresor aufgrund einer Zeitschaltung nicht öffnen. Die Täter verletzen zwei Angestellte und entkommen mit 435 Euro aus der Kasse.

  • Rostock, 25. Februar 2004

    Mord an Mehmet Turgut

    Durch drei Schüsse stirbt der 25-jährige Imbissverkäufer Mehmet Turgut. Er war erst kurz zuvor nach Rostock gekommen.

  • Chemnitz, 14. Mai 2004

    Überfall auf Sparkasse

    Beim Überfall auf eine Sparkassenfiliale in Chemnitz schlagen die Täter einer Angestellten einen Gewehrkolben ins Gesicht. Sie erbeuten 33.175 Euro und Reiseschecks im Wert von mehreren Tausend Euro.

  • Chemnitz, 18. Mai 2004

    Überfall auf Sparkasse

    Gerade vier Tage nach dem vorigen Überfall dringen Mundlos und Böhnhardt in eine weitere Filiale der Chemnitzer Sparkasse ein. Sie erzwingen die Herausgabe von 73.815 Euro.

  • Köln, 9. Juni 2004

    Anschlag in der Kölner Keupstraße

    Beim Kölner Nagelbombenanschlag werden 22 Menschen verletzt, teils lebensgefährlich. Die Täter parken ein Fahrrad mit einer Bombe auf dem Gepäckträger vor einem Friseursalon. Bei der Explosion werden Nägel durch die Gegend geschleudert. Eine Überwachungskamera filmt die zwei Männer, bei denen es sich um Mundlos und Böhnhardt handeln soll.

  • Nürnberg, 9. Juni 2005

    Mord an Ismail Yasar

    Ismail Yasar steht in seinem Nürnberger Dönerimbiss, als ihn mehrere Schüsse treffen. Der 50-Jährige stirbt am Tatort. Zurück bleibt sein 15-jähriger Sohn.

  • München, 15. Juni 2005

    Mord an Theodoros Boulgarides

    Der 41-jährige Grieche Theodoros Boulgarides stirbt durch drei Kopfschüsse in seinem Münchner Schlüsseldienst-Laden. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

  • Chemnitz, 22. November 2005

    Überfall auf Sparkasse

    Im November 2005 überfallen die Täter dieselbe Filiale, die sie rund anderthalb Jahre zuvor ausgeraubt hatten. Ein Zeitschloss verhindert die Öffnung des Tresors. Mundlos und Böhnhardt flüchten ohne Beute.

  • Dortmund, 4. April 2006

    Mord an Mehmet Kubasik

    Mundlos und Böhnhardt töten den 39-jährigen Kioskbetreiber Mehmet Kubaşık in Dortmund. Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

  • Kassel, 6. April 2006

    Mord an Halit Yozgat

    Nur zwei Tage nach dem vorigen Mord schießen Mundlos und Böhnhardt in einem Kasseler Internetcafé auf den Betreiber Halit Yozgat. Der am Tatort anwesende Verfassungsschützer Andreas T. will den sterbenden 21-Jährigen nicht hinter dem Tresen liegen haben sehen.

  • Zwickau, 5. Oktober 2006

    Überfall auf Sparkasse

    Uwe Böhnhardt überfällt alleine eine Sparkassenzweigstelle in Zwickau. Bei einem Handgemenge schießt er einen Auszubildenden in den Bauch und verletzt ihn lebensgefährlich. Der Tresor ist mit einem Zeitschloss gesichert, Böhnhardt flieht ohne Geld.

  • Stralsund, 7. November 2006

    Überfall auf Sparkasse

    In einer Stralsunder Sparkassenfiliale schießt Uwe Mundlos zweimal in die Luft, Uwe Böhnhardt plündert den Tresorraum und die Kasse. Sie nehmen mit 84.995 Euro mit.

  • Stralsund, 18. Januar 2007

    Überfall auf Sparkasse

    Mundlos und Böhnhardt überfallen erneut die Sparkasse in Stralsund. Die Beute beträgt 169.970 Euro, die höchste Summe der Überfallserie.

  • Heilbronn, 25. April 2007

    Mord an Michèle Kiesewetter

    Während einer Pause wird die 22-jährige Polizistin Michèle Kiesewetter auf der Heilbronner Theresienwiese erschossen, ihr zwei Jahre älterer Kollege Martin A. überlebt schwer verletzt. Die Täter nehmen ihnen die Pistolen ab.

  • Oberweißbach,

    Kiesewetters Heimatort

    Im thüringischen Oberweißbach wuchs die 2007 erschossene Polizistin Michèle Kiesewetter auf. Hier soll das spätere Opfer in einen Konflikt mit Neonazis geraten sein.

  • Wulfen, 2007 bis 2011

    Sommerurlaube

    Auch Terroristen brauchen Urlaub: Auf dem Campingplatz Wulfener Hals auf Fehmarn verbringen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt seit 2007 jedes Jahr ihren Sommerurlaub, meist blieben sie einen Monat lang. Urlaubsbekanntschaften besuchten sie später zu Hause. Auch für den Sommer 2012 reservierten sie einen Platz.

  • Arnstadt, 7. September 2011

    Überfall auf Sparkasse

    Überfall auf eine Sparkassenzweigstelle in Arnstadt. Die Täter schlagen einer Angestellten auf den Kopf und zwingen den Filialleiter mit Pistole am Kopf zum Tresor. Als dieser sich nicht öffnen lässt, flüchten sie mit dem Kassenbestand von 15.000 Euro.

  • Eisenach, 4. November 2011

    Überfall auf Sparkasse

    Der letzte Überfall der Serie: Mundlos und Böhnhardt erbeuten 71.900 Euro aus einer Eisenacher Sparkassenfiliale. Sie flüchten auf Mountainbikes zu einem Wohnmobil, mit dem sie in ein Wohngebiet fahren. Als sie von einer Polizeistreife aufgespürt werden, gibt es einen kurzen Schusswechsel, dann begehen Mundlos und Böhnhardt Selbstmord.

  • Eisenach, 4. November 2011

    Das Ende des NSU

    Nach dem Banküberfall in Eisenach flüchten Mundlos und Böhnhardt in einem Wohnmobil vor der Polizei. In einem Wohngebiet im Stadtteil Stregda erschießt Mundlos seinen Komplizen, legt Feuer im Fahrzeug und richtet sich selbst.