UN-Generalsekretär António Guterres hat die Krise um die muslimische Minderheit der Rohingya in Myanmar als "humanitären und menschenrechtlichen Alptraum" bezeichnet. Binnen Wochen habe sich der Konflikt zu der "am schnellsten voranschreitenden Flüchtlingsnotsituation der Welt" entwickelt, sagte Guterres vor dem UN-Sicherheitsrat in New York. Die dadurch entstandene humanitäre Krise sei "nicht nur Brutstätte für Radikalismus, sondern setzt gefährdete Menschen inklusive junger Kinder dem Risiko von Kriminalität wie Menschenhandel aus".

Den Vereinten Nationen lägen beängstigende Berichte über den Einsatz exzessiver Gewalt gegen Rohingya vor. Weiter gebe es Berichte über schwere Menschenrechtsverstöße wie etwa den Einsatz von Landminen gegen Zivilisten sowie sexuelle Gewalt, sagte Guterres. Die Armee müsse den Einsatz in Rakhine sofort einstellen und einen uneingeschränkten Zugang für humanitäre Hilfe zulassen, forderte der UN-Generalsekretär. Den geflüchteten Rohingya müsse die sichere Rückkehr in ihre Heimat ermöglicht werden. 

Die Forderung kam, nachdem die Regierung Myanmars einen für Donnerstag geplanten Besuch von UN-Vertretern in der Konfliktregion Rakhine verschoben hatte. Als Grund hatte sie schlechtes Wetter genannt.

Mehr als eine halbe Million Flüchtlinge

Seit Beginn der Unruhen vor vier Wochen sind bereits mehr als 500.000 Angehörige der muslimischen Minderheit der Rohingya ins benachbarte Bangladesch geflohen. "Das ist die größte Massenfluchtbewegung in der Region seit Jahrzehnten", sagte der stellvertretende UN-Sprecher Farhan Haq. Rechne man die bereits früher Geflüchteten ein, lebten mittlerweile vermutlich deutlich mehr als 700.000 Rohingya in Bangladesch.

Die meisten von ihnen kamen in behelfsmäßigen Flüchtlingslagern im Grenzbezirk Cox's Bazar unter. Dorthin flüchteten sie, nachdem Ende August muslimische Aufständische eine Reihe von Polizeiposten attackiert hatten und das Militär zurückgeschlagen hatte. Ganze Dörfer wurden niedergebrannt, auch Zivilisten wurden getötet. Kritiker warfen der Regierung Myanmars eine ethnische Säuberung vor. Die bestritt jedoch, dass sie für die Brandschatzungen verantwortlich war.

Haq sagte, Hilfsorganisationen würden mit der bangladeschischen Regierung zusammenarbeiten, um den Zugang zu den Flüchtlingslagern zu verbessern. Dieser wird unter anderem durch die schlechten Straßen erschwert. Auch die Lieferung von Hilfsgütern solle besser koordiniert werden.

Das Geld reicht nicht

Haq beklagte aber, dass trotz des gigantischen Ausmaßes dieser Flüchtlingskrise das nötige Geld fehle. Von den 77 Millionen Dollar, die die UN Anfang September gefordert hatten, seien bisher weniger als die Hälfte angekommen. Und weil laufend neue Flüchtlinge dazukämen, müssten die anfänglichen Schätzungen noch einmal angehoben werden, sagte Haq.

Der UN-Sicherheitsrat wollte sich am Donnerstag mit der Lage in Myanmar befassen. UN-Generalsekretär Guterres rief in einem Brief die Mitglieder des Sicherheitsrates auf, aktiv zu werden, um die Gewalt gegen die Rohingya zu beenden.

Die Rohingya werden in Myanmar seit Jahrzehnten diskriminiert und verfolgt. Obwohl sie dort schon lange Zeit leben, wird ihnen unter anderem die Staatsbürgerschaft verweigert. Die Gewalt hat auch dem Ruf von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi geschadet, die seit 2016 als sogenannte Staatsrätin an der Spitze der Regierung Myanmars steht.