ZEIT ONLINE: Sie bekommen nicht nur Reaktionen von Biodeutschen ab. Auch deutschtürkische Communitys greifen sie heftig an. Von wem sind Sie eigentlich mehr enttäuscht?

Somuncu: Ich bin tatsächlich von den Deutschtürken besonders enttäuscht – nicht von allen, aber denen, die mich angreifen. Ich bin seit Jahren Stellvertreter ihrer Interessen, ich toure durch Deutschland, stelle mich auf die Bühne, lasse mich von Nazis beschimpfen und bedrohen. Dabei streite ich für meine Rechte und somit natürlich auch für die der deutschtürkischen Community. Aber dann attackieren mich Türken, ohne zu verstehen, dass ich für sie gerade auf der Bühne stehe und mein Leben riskiere. Sie verstehen nicht, was ich sage, worauf ich hinaus will. Stattdessen reagieren sie auf Überschriften, in denen Serdar Somuncu vorkommt, die sie marginal wahrnehmen. Ihre Reaktionen sind für mich ein Schlag ins Gesicht.

Der Kabarettist Serdar Somuncu im Interview

ZEIT ONLINE: Bringt Sie das um Ihren Schlaf?

Somuncu: Nein. Ich schlafe nie schlecht. Ich versuche aber, bestimmte Situationen mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten. Wenn ich jetzt wüsste, dass in einem bestimmten Stadtviertel die Stimmung aufgeheizt ist, dann würde ich es vermeiden, dort durchzulaufen. Angst habe ich aber nicht.

ZEIT ONLINE: Die ersten türkischen Gastarbeiter kamen vor 55 Jahren nach Deutschland. Nun werden Sie in TV-Sendungen gefragt, wer die Deutschtürken sind, wie sie ticken, warum sie den türkischen Präsidenten Erdoğan unterstützen. Was sagt uns das über unsere Gesellschaft?

Somuncu: Dass in der Vergangenheit große Fehler begangen worden sind. Und zwar auf beiden Seiten. 

ZEIT ONLINE: Welche denn?

Somuncu: Die türkischen Gastarbeiter kamen nach Deutschland, ohne zu wissen, ob sie bald wieder gehen müssen. Das hat zu einem Provisorium geführt, was wiederum zu einem Problem wurde, als die Familien größer wurden. Die deutschen Behörden fingen daraufhin an, eine Abgrenzungspolitik zu betreiben. Man hat sich die Türken durch Ghettos auf Distanz gehalten. Nach dem Motto: Bleibt ihr mal unter euch, ihr seid ohnehin nur auf Zeit hier. In den vergangenen zehn Jahren ist die deutsche Gesellschaft glücklicherweise pluralistischer und aufgeschlossener geworden.

ZEIT ONLINE: Viele Türkeistämmige fühlen sich bis heute nicht angekommen. Sie sagen, dass sie von den Deutschen ins Abseits geschubst wurden. Geben Sie ihnen recht?

Somuncu: Nein, ich gebe niemandem recht. Ich versuche nur zu erklären, wie es dazu gekommen ist, dass im Jahre 2017 hunderttausend Menschen in Köln für Erdoğans Todesstrafe demonstrieren. Und warum Integration bis heute ein so heißes Thema ist. Ich sehe ja auch Schuld bei den türkischen Familien. Sie haben ihre Kinder damals nicht gezwungen, am deutschen Leben teilzunehmen oder deutsche Freunde zu haben.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Somuncu: Aus Angst vor Überfremdung! Paradoxerweise haben beide Seiten sehr lange Angst davor gehabt, überfremdet zu werden. Die Deutschen hatten Angst, die Türken würden ihnen etwas von ihrer deutschen Identität wegnehmen. Die Türken hingegen haben versucht, krampfhaft ihre türkische Identität zu behalten. In meiner Familie war das anders. Wir waren von Anfang an mit Deutschen zusammen und daraus ist etwas entstanden, was beide Seiten bereichert und heute vielleicht als gelungene Integration betrachtet werden kann.