Die Staatsanwaltschaft Diyarbakır hat beim türkischen Justizministerium in Ankara beantragt, den in Deutschland lebenden Journalisten Can Dündar bei der internationalen Polizeiorganisation Interpol auf die Fahndungsliste setzen zu lassen. Das meldet die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Demnach ermittele die Staatsanwaltschaft gegen Dündar wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda. Grundlage dafür sei eine Rede Dündars bei einer Konferenz im April 2016 in Diyarbakır, bei der er Methoden der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK als legitim dargestellt haben soll.

Da Dündar an seiner Wohnadresse in der Türkei nicht anzutreffen gewesen sei, habe die Staatsanwaltschaft den Antrag für eine sogenannte Red Notice bei Interpol übermittelt. In Ankara soll das Generaldirektorat für Internationales Recht des Justizministeriums den Fall weiter bearbeiten. Ziel sei es, dass der ehemalige Chefredakteur der regierungskritischen türkischen Zeitung Cumhuriyet von Deutschland in die Türkei überstellt wird. 

Im Rahmen von Interpol arbeiten 190 Staaten im Bereich kriminalpolizeilicher Ermittlungen zusammen. Eine Red Notice beschreibt einen internationalen Suchauftrag nach einem Straftäter. Wenn ein Mitgliedsland einen Verdächtigen zur Fahndung ausschreibt, informiert Interpol andere Länder mit solch einer Red Notice und steuert die länderübergreifende Kooperation.

Der Fall erinnert an den des türkischstämmigen Kölner Autors Doğan Akhanlı. Dieser war im August während eines Spanienurlaubs vorübergehend festgenommen worden, weil die Türkei einen Dringlichkeitsvermerk der internationalen Polizeibehörde Interpol vorgelegt hatte. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte damals den Verdacht geäußert, die türkische Regierung wolle Interpol "für politisch motivierte Haftbefehle" missbrauchen.

Dündar für Friedensnobelpreis nominiert

Unabhängig von den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft in Diyarbakır laufen in der Türkei weitere Verfahren gegen Dündar. Wie vielen anderen türkischen Journalisten wird auch ihm die Unterstützung terroristischer Organisationen vorgeworfen. Bereits im Mai vergangenen Jahres war Dündar zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft wegen Geheimnisverrats verurteilt worden. Dündar legte damals Revision ein. Von einer anschließenden Europareise kehrte er nicht in die Türkei zurück. Seit vergangenem Jahr lebt Dündar in Berlin im Exil. Er ist Kolumnist für ZEIT ONLINE und betreibt die deutsch-türkische Onlinezeitung Özgürüz.

Seine Ehefrau Dilek Dündar, der die türkischen Behörden die Ausreise untersagen, nannte die Vorwürfe "absurd". Can Dündar schrieb auf Twitter: "Was für ein Tag: Morgens Kandidatur für den Friedensnobelpreis, abends Suchbefehl per roter Notiz." Das Friedensforschungsinstitut Oslo (Prio) hatte Cumhuriyet und Dündar als mögliche Kandidaten für den Friedensnobelpreis genannt, dessen Träger am Freitag kommender Woche verkündet werden.

Can Dündar schreibt für die ZEIT und ZEIT ONLINE die wöchentliche Kolumne "Meine Türkei". Sie erscheint in deutscher und türkischer Sprache.