2.300 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der Gemeinde Elmadağ bei Ankara und der Hansestadt Hamburg. Am einen Ende liegt der Sitz des türkischen Geheimdienstes MİT (Millî İstihbarat Teşkilâtı), am anderen das Oberlandesgericht der Hansestadt. Der Nachrichtendienst in der Türkei, das höchste Gericht in Hamburg – zwei Staatsorgane, die nichts miteinander zu tun hatten, bis Mehmet Fatih S. auftauchte.

Die Bundesstaatsanwaltschaft klagt den türkischen Staatsbürger an diesem Donnerstag an, geheimdienstliche Tätigkeiten gegen die Bundesrepublik Deutschland ausgeübt zu haben. Insgesamt sind sieben Verhandlungstage im Oberlandesgericht anberaumt. Sollte es am 6. Oktober zu einer Verurteilung kommen, drohen ihm bis zu fünf Jahre Gefängnis.

S. soll vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen sein. Er soll sich unter anderem in Bremen und Hamburg aufgehalten haben, bis er im Dezember 2016 in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs festgenommen wurde. Was bis dahin passierte, rekonstruiert die Bundesanwaltschaft so:

Bereits 2013 soll der heute 32-Jährige in den Dienst des türkischen Geheimdienstes MİT eingetreten sein. Und zwei Jahre später, im Herbst, einen besonderen Auftrag erhalten haben: die Ausforschung der kurdischen Szene auf deutschen Boden. Im Januar 2016 zog S. nach Bremen, wo auch Yüksel Koç lebt. Koç ist in der Szene bekannt, der Verfassungsschutz Bremen stuft ihn als einen hochrangigen Funktionär der PKK in Deutschland ein. Koç ist in Vorständen von Dachverbänden aktiv (NAV-DEM, KCDK-E), die als politischer Arm der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) fungieren.

Kurdische Wurzeln als Türöffner

Zurück zu S.: Nach seiner Festnahme im Stadtteil St. Georg berichteten die Lokalzeitungen im großen Stil über den "Spionagethriller". Dabei wurden auch Fotos gedruckt, die zeigen, wie S. in Bremen an einer kurdische Demonstration teilnimmt. Der Protest richtete sich gegen die Aufhebung der Immunitäten von Abgeordneten der prokurdischen HDP in der Türkei. Dort hat S. laut der Generalbundesanwaltschaft auch selbst Fotos geschossen. Ein weiteres abgedrucktes Bild zeigt, wie S. als TV-Reporter für einen kurdischen Sender arbeitet. Die Theorie: S. soll sich als Journalist getarnt haben, um Kontakte zu Kurdenfunktionären zu knüpfen. Seine kurdischen Wurzeln dienten ihm wohl dabei als Türöffner.

Konkret glaubt die Bundesanwaltschaft, dass der mutmaßliche Agent über das Internet und durch Gespräche mit Verwandten von Koç geheime Informationen über ihn und dessen familiäres Alltagsleben beschafft habe. Zudem soll er sich für Koçs Beziehungen zu einem Beamten der Bremer Polizei interessiert haben. Zeitungsberichte über "Todeslisten" und "Anschlagspläne" gegen Kurden scheint die Bundesanwaltschaft hingegen nicht zu verfolgen. In einer im Vorfeld des Prozesses veröffentlichten Pressemeldung ist zumindest von einem Mordkomplott keine Rede.

Enttarnt durch die Lebensgefährtin

Kontakt zum MİT soll der Angeklagte über E-Mails aufgenommen haben. Im Mai und September 2016 habe der Angeklagte sich in der Türkei aber auch mit seinen Auftraggebern getroffen. Für seine Tätigkeiten soll S. rund 30.000 Euro erhalten haben. Woher die Bundesanwaltschaft diese Informationen hat, ist noch unklar. Vielleicht stammen sie aus Unterlagen, die bei Durchsuchungen den Ermittlern in die Hände fielen. Vielleicht spielt auch aber seine ehemalige Lebensgefährtin eine zentrale Rolle. Als die Frau von S.' Doppelleben erfuhr, kontaktierte sie einen Journalisten der Tageszeitung Yeni Özgür Politika. Die Zeitung wird in Deutschland herausgegeben und gilt als PKK-Blatt. Über eine linke Bürgerschaftsabgeordnete des Hamburger Senats landete der Fall schließlich beim Bundeskriminalamt und der Generalbundesanwaltschaft.

PKK ist in Deutschland aktiv

Wie viele Verfahren es in Deutschland gegen Personen wie Mehmet Fatih S. bereits gegeben hat, ist unklar. Weder das Bundesjustizministerium noch die Generalbundesanwaltschaft veröffentlichen Statistiken. Dass der MİT aber weiterhin Agenten in Deutschland einsetzt, ist wahrscheinlich – genauso wie der Einsatz von Agenten anderer ausländischer Geheimdienste auf deutschem Boden Normalität ist. So führt die Spur des letzten spektakulären Falls nach Vietnam. Dabei wurde ein Mann in Berlin gekidnappt und verschleppt. Anders als Vietnams Geheimdienst hat der türkische allerdings ein besonderes Interesse an Deutschland. Denn die Bundesrepublik wird nach wie vor intensiv von der PKK genutzt, um sich organisatorisch und finanziell zu strukturieren.