In Balingen liegt keine Hundescheiße auf dem Bürgersteig. In Balingen halten die Autos vor dem Zebrastreifen an, immer. In der Fußgängerzone von Balingen gibt es kein leeres Ladenlokal und kein Laden gehört einer großen Handelskette an. Die Parkhäuser in Balingen sind kostenlos, und wenn man nachts, wenn alles schläft, durch die verschneiten Straßen von Balingen läuft, erscheint einem die Vorstellung vieler Nichtdeutscher, dass unser Land in weiten Teilen eine Art Paradies wäre, nicht mehr abwegig. Im Gegenteil: Das 34.000 Einwohner zählende schwäbische Balingen kommt einem tatsächlich wie so ein Stückchen Paradies auf Erden vor. Am südwestlichen Rand von Deutschland, mitten in Europa

Deswegen ist Herr Kühn, der Kellner aus dem Gasthof Lang, auf den Tag genau vor 18 Jahren mit seiner Familie aus Hoyerswerda nach Balingen gezogen. Er wollte in seiner Heimat nicht länger auf solche blühenden Landschaften wie hier warten. Seine Frau schafft bei der Post, die Kinder schwäbeln schon. Deshalb hat sich auch der Vater von Gerlinde Bien, der Deutschlehrerin, nach dem Krieg als Vertriebener in einem Nachbardorf niedergelassen. Deshalb ist die junge Architektin mit ihrem Bruder, dem Industriedesigner, nach dem Studium wieder in ihre Heimatstadt gezogen, obwohl die Freunde längst in München, Berlin oder Leipzig wohnen. Balingen hat eine Arbeitslosenquote von 2,4 Prozent, im gesamten Zollernalbkreis gibt es ungefähr 5.000 offene Stellen. Niemand muss aus Sentimentalität hierher zurückkommen. Für Balingen gibt es viele gute Gründe. 

Eine No-go-Area?

Solche Flecken wie Balingen schaffen es normalerweise nicht in die großen Medien. Seit ein paar Wochen ist das anders. Nun gilt Balingen nicht mehr als ein unterschätztes Paradies, sondern als Synonym für das Scheitern von Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Kommentatoren erwähnen Balingen, wie sie Cottbus erwähnen, Mannheim oder Lörrach – Städte also, in denen beunruhigte Bürger und überforderte Amtsträger den Verlust öffentlicher Sicherheit beklagen. Und die Political Correctness, die es verhindere, Derartiges überhaupt anzusprechen. Balingen, eine No-go-Area? Was ist hier geschehen?

Schuld an alldem trägt Peter Seifert, der Besitzer des Balinger Bahnhofes. Wobei Schuld zu negativ klingt. Viele aus Balingen, sagt er, seien nämlich froh, dass er die unbequeme Wahrheit endlich einmal ausgesprochen habe. Sie klopfen ihm auf die Schultern und nennen ihn einen mutigen Mann. Dabei hat der 59-Jährige eigentlich nichts anderes gemacht, als das, was er seit 20 Jahren macht und wofür er in Balingen bekannt ist wie ein bunter Hund. Peter Seifert hat mal wieder einen Leserbrief an den Schwarzwälder Boten geschrieben.

"Tag für Tag"

"Rechtsstaat wird vorgeführt", lautete die Überschrift seines Briefes, den er im Dezember verfasst hat. Peter Seifert berichtet darin, wie ein angetrunkener, somalischer Asylbewerber am Bahnhof "so sehr randaliert hat, dass wir die Polizei zu Hilfe rufen mussten". Der Mann wurde zur Personalienfeststellung mitgenommen und wieder freigelassen. Seifert schreibt: Er "kam – man glaubt es kaum – nach einer Dreiviertelstunde wieder zurück, um weiterzumachen, wo er vorher aufgehört hatte". Der Mann wollte sich Zugang zur Küche von Seiferts Bahnhofsrestaurant verschaffen und rief, als man ihn daran hindern wollte, "I kill you", verbunden mit einer eindeutigen Handbewegung am Hals. 

"Wir erleben", schrieb Seifert, "hier am Bahnhof Tag für Tag, wie unser Rechtsstaat vorgeführt wird. Wie am helllichten Tag Drogengeschäfte abgewickelt werden, die keiner ahndet. Wie Drohungen und Beleidigungen ausgesprochen werden, die keinen zu interessieren scheinen. Wie wir hart arbeiten, um das Geld zu erwirtschaften, mit denen sich solche Subjekte dann auf unsere Kosten die Dröhnung geben". Und: "Wir überlassen es der AfD, solche Missstände zu thematisieren und wundern uns, dass sie immer mehr Stimmen bekommen."

"Wegschauen hilft sicher nicht"

Seit Erscheinen des Briefes haben ihn mehr als 2.000 Leser auf der Homepage des Schwarzwälder Boten mit fünf von fünf möglichen Sternen bewertet. Kein Leserbrief ist je mehr gelesen worden. Das hat auch mit Boris Palmer zu tun, der den Brief noch am selben Tag auf Facebook teilte und dazuschrieb: "Ein Grüner über Probleme mit Flüchtlingen, die uns auf der Nase herumtanzen. Diese Minderheit müssen wir dringend unter Kontrolle bekommen. Wegschauen hilft sicher nicht." Endlich, schreibt einer in den Kommentarspalten, sei ein grüner Gutmensch in der Realität angekommen. 1.200 Leute liken, 1.500 kommentieren, und fast 900 Leute teilen den Post. Das ist selbst für Boris Palmer, der so etwas öfter sagt und damit eine Art populistischer Vorposten seiner Partei ist, eine außergewöhnlich hohe Resonanz. Focus und Welt kamen in die Stadt, der SWR und das ZDF auch. Und Anfang Januar schickte die Bild eigens ihren Berliner Chefreporter. Peter Seifert hat noch kurz darüber nachgedacht, ob er mit der Bild reden soll, als junger Mann hat er Heinrich Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum gelesen. Es hat es trotzdem getan. "Grün vor Wut", hat die Bild den ganzseitigen Text über ihn betitelt.

"Ich bin ein Enfant terrible", sagt der Mann mit den wilden grauen Haaren zur Begrüßung, lacht und lädt zu einem Rundgang durch seinen Bahnhof ein, vor dem zumindest heute keine Drogendealer zu sehen sind. Nur Passanten, Reisende, Schulkinder. Peter Seifert ist ein sympathischer Mann, er wirkt wie einer mit dem Herz auf dem rechten Fleck, wie man so schön sagt. Vor fünf Jahren hat er den Bahnhof gekauft und darin ein Restaurant eröffnet, das La Gare. Die Wartehalle hat er beinahe gemütlich eingerichtet. Er hat überall Tische und Stühle aufstellen lassen, von der Decke hängen Papierlampen in verschiedenen Farben. Das Gebäude stand vorher leer, Seiferts Traum war es schon immer gewesen, ein Blockheizkraftwerk zu betreiben. So ein Blockheizkraftwerk kostet 70.000 Euro und lohnt sich nur in größeren Gebäuden. Und so ein Bahnhof ist ein größeres Gebäude, umweltbewusster lässt sich einfach nicht heizen.

Wir gehen gemeinsam in den Keller und schauen uns das Blockheizkraftwerk an. Seifert redet viel und gern, er springt oft von einem Gedanken zum nächsten, wirkt in einer Sekunde unsicher und nervös, in der nächsten wieder selbstsicher und angriffslustig, insgesamt also irgendwie unter Druck. Ganz leicht fassen und auf eine stringente Linie bringen lassen sich deshalb auch seine Aussagen nicht. Fast ist es so, als könne sich ein jeder raussuchen, was ihm gerade passt: Verschwörungstheoretiker nennt er Verschwörungstheoretiker, die AfD eine "Katastrophe", und dennoch haben "alle" Asylbewerber an seinem Bahnhof "nie" ihren Pass dabei, haben "die alle" am 1. Januar Geburtstag, fahren "die" Taxi und bekommen, anders als wir Deutschen, ihre Brille bezahlt.