Georg E. gibt nicht auf. Er kann nicht, er will nicht. 56 Jahre ist er alt, 30 davon hat er schon gekämpft, und er macht weiter. Dem Landwirt geht es um seinen Hof, um den Ruf seiner Familie. Und um Gerechtigkeit, die große. Die, die ein demokratisches Gemeinwesen trägt. An diesem Freitagnachmittag im September hat er alles noch einmal hervorgeholt. Gestapelt auf dem niedrigen Wohnzimmertisch vor ihm, auf der beigefarbenen Wachstuchdecke, liegen abgeheftete Blätter, dicke Ordner und was nicht auf den Tisch passt, liegt neben ihm auf der Couch. Mit zitternden Händen blättert er. Er hat doch alles gesammelt, alle Beweise.

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Georg E., ein großer Mann mit braunem Haarkranz, lebt ländlich, unter 1.300 Einwohnern, in einem eingemeindeten Ortsteil einer süddeutschen Großstadt. Sein Einfamilienhaus ist schlicht, graue Mauern außen, niedrige Decken innen. Im Flur riecht es nach dicker Sommerluft, die im Herbst noch im Haus steht, nach dicken Teppichen und einer Mischung aus Holz und Tier, im Wohnzimmer hängen Pferdeposter. Ein Pferdestall und ein paar Koppeln liegen neben dem Haus, dahinter, ein paar Wiesen und Feldwege weiter, eine Reithalle.

Es ist sein Lebenswerk, das seiner Familie. Viele Bauern kapitulierten, er hält seinen Betrieb am Laufen. Noch. Denn ihm solle alles genommen werden, von der Stadt, sagt er, und alle hingen mit drin. Die Justiz. Die Medien. Das kann er nicht geschehen lassen. Deshalb kämpft er. Schreibt an die Staatsanwaltschaft, an Politiker und Medien. Klagen und Mails ohne Zahl, seit Jahrzehnten. Sicher, seine Geschichte ist ein Einzelfall. Aber sie erzählt auch, wie diese Wut entstehen kann. Wie die Interessen eines Einzelnen so hartnäckig in Konflikt mit den Interessen der Gemeinschaft geraten können, dass es keine Lösung mehr gibt. Und damit ist er nicht allein.

Die Großen stechen die Kleinen?

Es ist gerade viel die Rede von Menschen, die das Vertrauen in den Staat verloren haben, von Unzufriedenen, die sich nicht vertreten fühlen von "denen da oben". Georg E. ist so ein Mensch. Behörden und Redaktionen haben immer wieder mit Menschen wie ihm zu tun. Sie erhalten ihre Schreiben, ihre Vorwürfe von Gesetzesbrüchen, Korruption, Verrat und müssen sie prüfen. Immer wieder stellt sich ihnen die Frage: Können diese Ungeheuerlichkeiten stimmen? Oder schreibt da jemand, der den Boden der Realität verlassen hat?

Die Unzufriedenen teilen einen Gedanken, der übermächtig wird: Die Großen stechen die Kleinen, die Elite missachtet die Einfachen. Weil ein Missverständnis hängen bleibt: Ein Staat sei nur dann ein guter Staat, ein Politiker nur dann ein guter Vertreter eines Bürgers wenn er dessen eigenes, persönliches Anliegen möglich mache. Dass Kompromisse zwischen vielen, zum größeren Wohl aller, nicht alle ganz glücklich machen, passt nicht in diesen Glauben. Das treibt auch Georg E. in die Verzweiflung, in Extreme, die es einsam um ihn werden lassen. Wie kann es so weit kommen?

Georg E. ist überzeugt, dass er recht hat. Und dass ihm Unrecht widerfährt. Sein Vorwurf: Die Stadt, in der er lebt, will ihn um seinen Hof bringen, und zwar auf kriminelle Weise. Ihre Grundstückspolitik gehe zulasten der Bürger. Zu seinen Lasten. Die Stadt benutze ihre Planungshoheit zur "Lobbyistenfütterung", sagt er, und betrüge Grundstückseigentümer um Großteile ihres Vermögens. "Ich kann zurzeit nicht mehr richtig arbeiten", sagt er. "Ich habe jetzt den Scheiß wieder angeschaut, ich würde am liebsten die ganzen Ordner ins Feuer schmeißen, dass es endlich weg ist." Ein Bitten liegt in seinen Augen, wenn er hinter seiner Lesebrille aus seinen Unterlagen hochblickt. Irgendjemand, hofft er, muss das doch endlich erkennen. Er hat über der Sache schon einen Sohn verloren. Was, wenn er auch den zweiten verliert.

Die Stadt will Bauland

Die Geschichte von Georg E. und seinem Streit mit den Behörden beginnt 1972. Damals wird sein Dorf eingemeindet in die Großstadt. In dem neuen Ortsteil kauft die Stadt in den folgenden Jahrzehnten Grundstücke auf, Äcker und Wiesen, Schritt für Schritt. Den Acker unterhalb vom Hof der Familie. Den Acker oberhalb. Dann macht die Stadt auch Familie E. ein Angebot für ihr Land. Sie will Bauland daraus machen.

In dem Ort leben damals einige Großbauern, das Anwesen der E.s ist klein. Georg E.s Vater führt den Hof, Getreide und Raps wächst, Kühe geben Milch, Hühner legen Eier. Die Kinder aus dem Dorf gehen gern hin, sie sind immer willkommen, das sind sie von den Bauern in der Gegend nicht unbedingt gewohnt, da geht es sonst eher rau zu. Bei den E.s dürfen sie auf dem Heuboden spielen und wer will, darf mit dem Traktor ein ganzes Feld pflügen. Arbeitskraft für den Hof, Spaß für die Kids.

Doch der Hof wird zur Insel, und er wird immer isolierter. Umgeben von Land, das sich die Stadt holt. Eine Politik, die die Stadt auf ihrem ganzen Gebiet seit 120 Jahren verfolgt und die weithin Lob findet – auch heute, da ganz Deutschland über steigende Baulandpreise streitet. Denn die Grundstückspolitik der Stadt geht so: Die Stadt sammelt in großem Umfang Boden auf Vorrat, den sie irgendwann als Baugrund zu relativ günstigen Preisen anbietet, für Wohnungsbau.

In E.s Ortsteil aber ist die Stadt seit 35 Jahren ausgebremst. Das Ackerland bleibt Ackerland, weil die Stadt ein Fleckchen Erde nicht haben kann: den Hof der E.s. Die Familie weiß ja, dass irgendwann Bauland aus ihrem Grund werden soll. Also solle die Stadt ihnen auch den Preis von künftigem Bauland bezahlen. Die Stadt aber will es als Ackerland kaufen, wenn auch mit Zuschlägen, wie sonst auch. Sie würde der Familie sechs Wohnbauplätze für eigene Zwecke zurückübertragen. Doch schon Georg E.s Vater fühlt sich dadurch um Geld gebracht, um viel Geld, und sein Sohn hat dieses Gefühl der Ungerechtigkeit geerbt. Die Stadt hat es nicht eilig, sie kann warten, ihre Politik ist auf Jahrzehnte ausgelegt, mindestens. E. empfindet das als Drohung.