In Indien können sich Minderjährige in Zukunft gegen Vergewaltigung in der Ehe wehren. Bisher konnten Inder zwar gegen nicht einvernehmlichen Sex klagen – nicht aber, wenn dieser zwischen verheirateten Paaren stattfand und die Frau mindestens 15 Jahre alt war. Das oberste Gericht urteilte, diese Ausnahme sei verfassungswidrig.

Die indische Regierung hatte dafür plädiert, den Status quo beizubehalten. Sie sieht die Institution der Ehe in Gefahr, wenn eheliche Vergewaltigung bestraft werden kann.

In seiner Urteilsbegründung verwies das Gericht darauf, dass die offizielle Altersgrenze für sexuelle Mündigkeit und Eheschließungen in Indien bei 18 Jahren liege. Da die illegale Praxis der Kinderehen jedoch fortbesteht, müssten Ehefrauen zwischen 15 und 17 Jahren zumindest das Recht erhalten, Sex abzulehnen. Medienberichten zufolge gab das Gericht volljährigen Indern vorerst keine Handhabe, ihre Ehepartner wegen Vergewaltigungen zu verklagen.

Kleine Schritte zur sexuellen Selbstbestimmung

Mit dem Urteil stärkte das Gericht zum zweiten Mal binnen weniger Wochen die sexuellen Selbstbestimmungsrechte der Inder. Ende August wurde entschieden, dass die sexuelle Orientierung zur Privatsphäre eines Menschen gehöre; dies sei durch die Verfassung geschützt. Zuvor war die muslimische Scheidungspraxis abgeschafft worden.

Der Anwalt Vikram Srivastava, der den Antrag zur Reform des Gesetzes eingereicht hatte, lobte die Entscheidung des obersten Gerichts. "Wenn jemand ein Mädchen unter 18 Jahren heiratet und dieses innerhalb eines Jahres Beschwerde wegen nicht einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs einreicht, kann der Ehemann strafrechtlich wegen Vergewaltigung verfolgt werden", sagte Srivastava dem Nachrichtensender NDTV.

Einem Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef von 2014 zufolge lebt jede dritte der 700 Millionen Frauen, die als Mädchen verheiratet wurden, in Indien. Die Organisation Save the Children rief anlässlich des Weltmädchentags zum Kampf gegen Kinderehen auf; ihr zufolge werden jährlich 7,5 Millionen Mädchen illegal verheiratet. "Viele frühverheiratete Mädchen sind Gewalt und Missbrauch ausgesetzt, zudem werden sie ihrer Bildungs- und Entwicklungschancen beraubt", sagte Susanna Krüger, Vorstandsvorsitzende von Save the Children Deutschland. "Das muss ein Ende haben."