Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft Myanmar vor, Rohingya-Flüchtlinge systematisch getötet zu haben. Das geht aus einem Bericht der Organisation hervor, der unter anderem auf Interviews mit mehr als 120 geflohenen Rohingya-Muslimen basiert. Der Bericht dokumentiere "detailliert eine Vielzahl von Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie Tötungen, Deportationen, Vertreibungen, Folter, Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt", sagte Anika Becher von Amnesty International. Demnach sollen Soldaten des Landes beispielsweise Frauen und Mädchen missbraucht, Dörfer umstellt, auf fliehende Menschen geschossen und Gebäude in Brand gesetzt haben. 

Neben Interviews mit Flüchtlingen stützt sich die Organisation auch auf 30 Interviews mit medizinischem Personal, Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, Journalisten und Vertretern der Behörden in Bangladesch – das Land, in das viele Rohingya geflohen sind. Ihre Aussagen seien durch die Analyse von Satellitenbildern und anderen Daten sowie Foto- und Videodokumenten aus der Konfliktregion Rakhaing bestätigt worden, heißt es in dem Bericht. Demnach beschrieben die Zeugen wiederholt ein Abzeichen auf den Uniformen der Angreifer: Es entsprach einem Emblem, das von Soldaten im Westen Myanmars getragen wird.  

Amnesty International berichtet außerdem von Hunderten Rohingya, die wegen Schusswunden behandelt worden sind. Die Verletzungen sähen so aus, als seien die Menschen von hinten beschossen worden, heißt es unter Berufung auf Ärzte. Laut einem Mitarbeiter plane die Menschenrechtsorganisation, in den kommenden Wochen einen weiteren Bericht zu veröffentlichen. Darin sollten die Taten einzelner Soldaten direkt untersucht werden.

Die Organisation warf den Militärs in Myanmar Bechers nach die Fortsetzung einer "Gewaltkampagne gegen die Rohingya" vor, die Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder zur Flucht zwinge. Amnesty fordere die Regierung des Landes dazu auf, der UN und anderen unabhängigen Beobachtern unverzüglich uneingeschränkten Zugang zum Bundesstaat Rakhaing zu gewähren, sagte Becher. Oberbefehlshaber Min Aung Hlaing müsse "dafür sorgen, dass seine Truppen keine weiteren Gräueltaten begehen". Die Verantwortlichen für Menschenrechtsverletzungen müssten vor Gericht gestellt werden.

UN-Treffen mit Myanmars Regierung bleibt ergebnislos

UN-Untergeneralsekretär Jeffrey Feltman war in dieser Woche von einem fünftägigen Besuch in der Region zurückgekehrt. Dabei sprach er mit Myanmars faktischer Regierungschefin Aung San Suu Kyi und Oberbefehlshaber Hlaing. Zusagen machte die Regierung nicht. Feltman habe in Gesprächen die Forderung von UN-Generalsekretär António Guterres wiederholt, dass humanitäre Helfer ungehindert nach Rakhaing gelassen werden müssten, sagte ein UN-Sprecher. Von Feltmans Besuch habe man sich aber keine schnellen Erfolge erhofft. Die Diskussionen der UN mit dem Land dauerten an.

Seit Ende August sind mehr als 580.000 Flüchtlinge aus Myanmar in Bangladesch angekommen. Die Regierung Myanmars weist Gräueltaten gegen die Rohingya sowie Anschuldigungen einer ethnischen Säuberung zurück. Sie gibt an, gegen muslimische Aufständische vorzugehen. Die Vereinten Nationen und weitere Organisationen kritisierten das Vorgehen als unverhältnismäßig. 

Im überwiegend buddhistischen Myanmar werden die muslimischen Rohingya seit Jahrzehnten unterdrückt. Die Gruppe gilt als eine der am meisten verfolgten Minderheiten der Welt. Ihnen wird die Staatsangehörigkeit verweigert, zudem ist ihre Reisefreiheit eingeschränkt.