Was geschah mit Oury Jalloh? Seit Jahren sind die Fragen um seinen gewaltsamen Tod in der Zelle Nummer fünf unklärt – und mit jedem verstreichenden Jahr wird dessen Aufklärung schwieriger. Nun, zwölf Jahre, zwei Landgerichtsprozesse und unzählige Gutachten später, hat die Staatsanwaltschaft Halle die Ermittlungen zu Jallohs Todesumständen überraschend eingestellt.

Diese Entscheidung sei nach "sorgfältiger Prüfung" aller vorliegenden Erkenntnisse getroffen worden, heißt es in der Pressemitteilung. Es gebe "keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung". Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau habe 2016 noch einmal den Versuch unternommen, den Brand nachstellen und interdisziplinär untersuchen zu lassen. Doch dieser Brandversuch habe "keine sicheren Erkenntnisse" gebracht. Eine weitere Aufklärung sei nicht zu erwarten.

Am frühen Morgen des 7. Januar 2005 hatte Jalloh in Dessau in Sachsen-Anhalt zwei Frauen der Stadtreinigung gefragt, ob er ihr Handy leihen könne. Die Frauen fühlten sich belästigt, riefen die Polizei. Diese nahm den Sierra Leoner daraufhin gewaltsam mit. Am Mittag verbrannte Jalloh bei lebendigem Leibe in seiner Zelle.

Nach Darstellung der Polizei und Staatsanwaltschaft hatte er den Brand selbst gelegt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Dazu soll er die Matratze, auf der er gefesselt gelegen hatte, aufgerissen und die Füllung angezündet haben. Für Angehörige und Unterstützer ergibt diese Erklärung wenig Sinn. Die Initiative im Gedenken an Oury Jalloh spricht von Mord.

Streitpunkt Feuerzeug nicht geklärt

Kritiker sagen, der jüngste Brandversuch im Jahr 2016 sei unter nicht vergleichbaren Bedingungen durchgeführt worden. Die Anwältinnen der Familie hatten im September 2015 sechs Gründe vorgetragen, warum Oury Jalloh nicht selbst Feuer gelegt haben konnte. Unter anderem bezweifeln sie unter Berufung auf mehrere Fachgutachten die These, dass Jalloh in der Zelle ein eigenes Feuerzeug hatte, mit dem er sich hätte anzünden können. Sie vermuten, dass das Feuerzeug nachträglich in die Zelle gebracht wurde. Schließlich konnten darauf weder DNA-Spuren noch Gewebereste von Jallohs Kleidung oder der Matratze nachgewiesen werden. Stattdessen fanden Ermittler des Landeskriminalamts Stuttgart auf dem Feuerzeug fremde Polyesterfasern und Tierhaare sowie DNA unbekannter Herkunft. Der britische Brandsachverständige Iain Peck befand 2015, dass das Vorhandensein des Feuerzeugs am Tatort "sicher ausgeschlossen werden" kann.

Außerdem habe die Matratze nur mit größeren Mengen Brandbeschleuniger so schnell und heftig brennen können. Weiterhin zitieren die Anwältinnen toxikologische Befunde. Demnach soll Jalloh zum Zeitpunkt des Todes bewusstlos gewesen sein – das Feuer also nicht gelegt haben können. Und selbst wenn er bei Bewusstsein gewesen wäre, sei es unwahrscheinlich bis unmöglich, dass Jalloh dies im gefesselten Zustand hätte schaffen können.

Dieser Darstellung widersprach die Staatsanwaltschaft Halle, ohne jedoch auf die Expertisen in der anwaltlichen Beweisführung von 2015 einzugehen. Mit entsprechend viel Unverständnis und Betroffenheit reagierten die Angehörigen. Rechtsanwältin Heinecke kündigte im Namen der Familie an, Beschwerde gegen die Einstellung einzulegen. Sie werde der Staatsanwaltschaft erneut aufgeben, "welche weiteren Ermittlungsschritte zwingend zu unternehmen sind".

Unabhängige Untersuchungskommission soll ermitteln

Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh will nun eine unabhängige Untersuchungskommission aus internationalen Experten organisieren. Den Glauben an den Rechtsstaat, sagt ihr Mitglied Thomas Ndindah, habe die Initiative schon lange aufgegeben. Ihre Liste an Vorwürfen ist lang: Zunächst hätte Jalloh ohne richterliche Entscheidung gar nicht erst in Gewahrsam genommen werden dürfen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich Jalloh selbst angezündet haben sollte, hätte dies außerdem auffallen müssen. Eine ärztliche Untersuchung hätte zu einer regelmäßigen Kontrolle von Jallohs Zustand führen müssen. Stattdessen sagten Zeugen aus, Jalloh sei in seiner Zelle bewusst ignoriert worden, trotz Hilferufen und späteren Feueralarms.

Der Dienstgruppenleiter soll nach Aussage seiner Kollegin die Funkverbindung zu Jallohs Zelle mehrmals weggedrückt haben. In einem späteren Prozess gab er zu, mindestens einmal den Feueralarm ausgeschaltet zu haben. Die Kollegin nahm ihre Aussage aber wieder zurück, der Dienstgruppenleiter wurde freigesprochen.

Unabhängige Untersuchungskommission

Der Richter Manfred Steinhoff zog ein zynisches Fazit: Die Polizeizeugen hätten Aufklärung unmöglich gemacht. "Ich habe keinen Bock, zu diesem Scheiß noch irgendwas zu sagen", sagte er am Ende seiner mündlichen Urteilsbegründung.

Nach Angaben der Initiative gab es auch eine Reihe an Ermittlungspannen. Unmittelbar nach dem Tod seien viele Beweise gar nicht erst gesichert worden oder verschwunden. Unter anderem breche ein Überwachungsvideo an einer entscheidenden Stelle ab, angeblich wegen Stromausfall. Laut Hausmeister gab es den aber nicht. 

Zudem kritisiert die Initiative, dass die Angehörigen nie eine Entschädigung oder auch nur eine Entschuldigung erhalten haben. Im Gegenzug hätten Unterstützer im Laufe der Ermittlungen zahlreiche Repressionen erlebt. Mit der Einstellung des Verfahrens habe die Justiz Sachsen-Anhalts einmal mehr gezeigt, "dass sie den Fall gar nicht aufklären will", sagt Ndindah. Die Untersuchungskommission soll nicht nur die Aufklärung vorantreiben, sondern auch die Behördenfehler sowie den Umgang mit dem Unterstützerkreis wissenschaftlich aufarbeiten.