Das Sturmtief Herwart hat in Deutschland, Tschechien und Polen schwere Schäden verursacht. Mehrere Menschen starben, ein Frachter lief auf Grund. Wegen starker Winde und Regenfälle stürzten Bäume um, die Straßen und Schienen blockierten. Sturmfluten überschwemmten Innenstädte, es kam zu Stromausfällen und Gebäudeschäden. Meteorologen warnten davor, Wälder zu betreten.

Vor der Nordseeinsel Langeoog  hatte sich der Frachter Glory Amsterdam wegen des Sturms losgerissen und trieb zunächst manövrierunfähig im Meer. Alle Versuche, das Schiff ins Fahrwasser zu schleppen, scheiterten. Das 225 Meter lange Schiff ist unbeladen, hat aber 1.800 Tonnen Schweröl und 140 Tonnen Marinediesel als Treibstoffe an Bord. Nach bisherigen Erkenntnissen seien die 22 an Bord befindlichen Menschen unverletzt, teilte das Havariekommando in Cuxhaven mit. Bisher sei kein Schadstoffaustritt festgestellt worden. In der Nacht hatte die schlechte Wetterlage eine Rettungsaktion unmöglich gemacht. Für Montagabend um 19.30 Uhr kündigte das Havariekommando einen erneuten Versuch an: "Der nächste Freischleppversuch wird voraussichtlich mit dem Abendhochwasser beginnen", sagte eine Sprecherin der Organisation. Die Mitarbeiter des Havariekommandos sind auf die Bewältigung maritimer Großschadenslagen spezialisiert.

In Deutschland waren vor allem der Norden und Nordosten vom Sturmtief Herwart betroffen. An der niedersächsischen Nordseeküste starb ein 63-jähriger Mann, weil er von der Sturmflut überrascht wurde, wie die Polizei mitteilte. Demnach hatte er mit seinem Bruder auf einem Campingplatz am Strandbad Sehestedt am Jadebusen übernachtet. Als am frühen Morgen das Wasser schnell anstieg, wollten sich die beiden zu Fuß in Sicherheit bringen. Allerdings habe es nur der Bruder geschafft, sich an einem Mast festzuhalten und später von einem DLRG-Schlauchboot gerettet zu werden.

Zwei weitere Todesopfer gab es in Mecklenburg-Vorpommern. Auf dem Peenestrom war ein Motorboot mit drei Urlaubern gekentert. Eine 48-jährige Frau und ein 56-jähriger Mann starben im Krankenhaus, wie ein Polizeisprecher mitteilte. Nach dem dritten Passagier wird nach Angaben der Polizei Neubrandenburg noch immer gesucht.

Strand von Wangerooge weggespült

Auf der Insel Wangerooge in Ostfriesland wurden große Sandmassen weggespült. Der Sand am Bade- und Burgenstrand sei zu 80 Prozent verschwunden, sagte Inselbürgermeister Dirk Lindner (parteilos). Wegen der meterhohen Abbruchkante seien zwei Strandübergänge gesperrt.

Mittlerweile ist der Sturm vielerorts abgeflaut. Die Aufräumarbeiten haben begonnen.

Weiter Behinderungen im Bahn-Fernverkehr im Norden

Die Deutsche Bahn stoppte für mehrere Stunden in sieben Bundesländern ihren Fernverkehr. Berlin, Hamburg, Hannover, Bremen und Kiel waren zwischenzeitlich nicht ans Fernnetz angeschlossen. Einzelne Züge fuhren im Laufe des Sonntags auf den Verbindungen Berlin-Leipzig, Berlin-Halle-Erfurt, Dortmund-Hannover und Kassel-Hannover-Hamburg wieder. Die Strecke zwischen Hannover und Berlin werde voraussichtlich ab 14 Uhr am Montag wieder nach Plan befahren, ebenso die Route Hannover-Bremen-Norddeich, teilte die Deutsche Bahn mit. 

Dagegen dürften die Arbeiten auf den Strecken Hamburg-Berlin, Dortmund-Bremen-Hamburg, Hamburg-Westerland, Hamburg-Kiel, Hamburg-Lübeck-Puttgarden, Hamburg-Rostock-Stralsund sowie Berlin-Stralsund noch andauern. Hier sei weiter kein Betrieb möglich, hieß es bei der Bahn. Man arbeite aber mit Hochdruck daran, dass der Fernverkehr auf vielen der aktuell gesperrten Strecken ab Montag wieder anlaufen kann. Reisende sollten sich vor Reiseantritt über die aktuelle Lage informieren, etwa über den Twitter-Account der Bahn oder deren Website. Die Bahn hat auch eine kostenlose Sonderhotline für betroffene Kunden eingerichtet: 08000 996633.

Auf dem Festland sorgten umgekippte Bäume und Äste an vielen Orten für Verkehrsbehinderungen. In Nordfriesland überschlug sich ein Autofahrer beim Ausweichen vor umgestürzten Ästen und verletzte sich. Auf der A20 bei Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern rutschten Autos auf einer fünf Zentimeter dicken Hageldecke aus. Insgesamt verletzten sich in Deutschland bisher mindestens fünf Menschen durch Herwart.

In einigen Städten musste die Feuerwehr hundertfach ausrücken. In Hamburg trat die Elbe über ihr Ufer und überschwemmte die Innenstadt. Im Bereich der Hafencity liefen Tiefgaragen voll, auch am überfluteten Fischmarkt und von der Strandallee in Blankenese mussten Fahrzeuge geborgen werden.

Wegen starker Windböen in Frankfurt musste ein Airbus A380 der Lufthansa außerplanmäßig in Stuttgart landen. Die aus Houston (USA) kommende Maschine kreiste zunächst wetterbedingt über dem Flughafen Frankfurt. Der Kapitän entschied sich schließlich zur Sicherheitslandung, auch, weil der Treibstoff knapp wurde.

Hunderttausende in Tschechien ohne Strom

In Berlin rief die Feuerwehr vorübergehend den Ausnahmezustand aus. Der Sturm deckte dort ein komplettes Hausdach ab. Ein Fußgänger wurde von einem umkippenden Baugerüst schwer verletzt. Zwei S-Bahnen rammten umgestürzte Bäume. Zoo und Tierpark blieben wegen der Sturmwarnung geschlossen. 

Außerhalb Deutschlands waren vor allem Gebiete in Tschechien und Polen betroffen. Es sind bisher drei Todesopfer bekannt: In der polnischen Woiwodschaft Westpommern starb ein Mann durch einen Autounfall, in Tschechien wurde eine Frau bei einem Waldspaziergang bei Třebíč von einem Baum erschlagen und in der böhmischen Kleinstadt Jičín wurde ein Mann von einem Baum getroffen, er starb.

Hunderttausende Haushalte waren in Tschechien ohne Strom, weil Freileitungen beschädigt wurden. In Most warf das Unwetter eine vor sieben Jahren eingeweihte orthodoxe Holzkirche um. In der Slowakei rieten die Behörden vor dem Feiertag Allerheiligen von traditionellen Besuchen an den Gräbern von Angehörigen ab. In Bratislava blieben Friedhöfe aus Sicherheitsgründen geschlossen.

Die Schäden durch Herwart werden nach Ansicht von Wetterexperten nicht so stark ausfallen wie die von Xavier. Bei diesem Sturm von Anfang Oktober waren mehrere Menschen gestorben.

Der Wind wird sich in Deutschland zu Wochenbeginn wieder abschwächen, zugleich fallen die Temperaturen. In der Nacht zum Montag soll es bis auf 600 Meter hinunter schneien, wie der Deutsche Wetterdienst mitteilte. Am Montag bleibt es überwiegend trocken.