Ein Berliner Club, vier Uhr nachts: Die Bässe sind tief und die Menschen high, als sich ein Typ in orangefarbenem Hemd einer tanzenden Frau nähert. Ohne einen Blickkontakt herzustellen, zieht er ihre Hüfte an seine. Ihre Bewegungen werden kleiner, sie geht einen Schritt zurück und wendet sich ab. Lass mich, sagt jede Geste. Über die Lippen kommen die Worte nicht, vielleicht würden sie bei der lauten Musik auch kaum durchdringen. Jetzt nur keine Szene machen. Doch er lässt nicht von ihr ab, folgt ihr und reibt sich an ihr, bis sie ihn überfordert mit beiden Armen wegschubst. "Alles okay?", fragt eine Frau mit dunklen Locken. Sie hat die Situation beobachtet und begibt sich aus der Menge zu den beiden. "Soll ich mit ihm reden?"

Die Frau mit den dunklen Locken heißt Derya. Sie spricht mit klarer, fester Stimme, auf ihrem Rücken blinkt ein bunter Anstecker. Sie ist wegen Leuten wie dem Hemdträger hier. Für die Veranstalter achtet sie darauf, dass niemand belästigt oder gar bedroht wird. Den Typen hat sie länger beobachtet, denn er hatte bereits mehrere Frauen bedrängt. "Nee", winkt die Tanzende ab. "Aber vielleicht kannst du zwischen uns tanzen?" Derya nickt und stellt sich zwischen die beiden. Ein paar Takte lang scheint die Situation gelöst. Dann fasst er Derya an den Hintern und die Deeskalation ist vorbei. Sie dreht sich um, weist ihn lautstark zurück und fordert ihn auf, den Club zu verlassen. Er protestiert, ist aber wenige Minuten später weg – und der Rest tanzt bis weit nach Sonnenaufgang.

Aufdringliche Anmachen bis hin zu sexualisierter Gewalt gehören zu vielen langen Clubnächten genauso wie Alkohol und Drogen. Denn nachts, wenn die einen alles Formelle ablegen und den Ausnahmezustand beginnen, schreiben sich für die anderen altbekannte Diskriminierungsmuster fort. Ihre sexuelle Orientierung, ihre Geschlechteridentität, ihre Hautfarben bleiben auch unter dem Neonlicht – und damit die Blicke, Sprüche oder gar Übergriffe. Ungewöhnlich ist aber, dass der Abend durch das Grabschen nicht für die Betroffenen ein abruptes Ende findet, sondern für die Übergriffigen. Dafür sorgt hier ein sogenanntes Awareness-Team.

Wer darf nachts unbesorgt Spaß haben?

Seit einem halben Jahr veranstalten die Berlinerinnen Gizem Adiyaman und Lucia Luciano Partys, die anders sein sollen. "Wir organisieren Hip-Hop-Partys, die sich um Frauen* drehen, Nicht-Binäre und Transmenschen, und die in erster Linie ein Publikum of colour ansprechen", steht auf ihrer Facebook-Seite. Hinter den Sternchen und Anglizismen verbergen sich Menschen, die im Nachtleben kaum etwas zu sagen haben, die aber ebenso ausgelassen feiern wollen. Bislang sind die meisten Clubbesitzer und DJs männlich, und auch die Gäste sind es meist, zumindest ab einer gewissen Uhrzeit. Wenn Adiyaman und Luciano das Geschlechterverhältnis nun ändern wollen, mag das nach einem nischigen Berliner Einfall klingen. Doch ihr Konzept wirft größere gesellschaftliche Fragen auf: Wer darf nachts unbesorgt Spaß haben, wie lange und mit wem?

Wenige Tage vor der Party, in Gizem Adiyamans Altbauwohnung in Moabit. Als das Licht ausgeht, leuchtet eine Hand auf: neonpink, lange Fingernägel, sie fasst in eine halbierte Grapefruit. "Die Frucht sieht aus wie eine Vulva – soll das so sein?", fragte die Mutter, als sie den kleinen Aufsteller zum ersten Mal sah. "Ja", sagte die Tochter und grinste. Damit war das Gespräch beendet. "Meine Eltern glauben, ich hab' umsonst studiert, nur weil ich in die Musikrichtung gehe", sagt die 26-Jährige, "aber ohne mein Politikstudium wäre ich heute nicht, wer ich bin. Und ich würde mich nicht diesen Themen widmen." Sie trinkt ihren Matcha Latte aus und begibt sich in rosa Jogginghose und Plastiksandalen in ihr Element, hinter ihr privates DJ-Deck mitten in ihrem Einzimmerappartement. Dort legt sie ein paar Schalter um, dann dröhnt aus den Boxen rechts und links ein Song von SXTN: "Ich geh ab mit meinen Mädels und auf einmal kommt ein Lauch / Er sagt, er will mich bumsen, ich wäre sein Typ Frau / Ich sag', laber mich nicht voll oder ich hau' dir aufs Maul!"

Gizem Adiyaman und Lucia Luciano organisieren in ihrer Freizeit eine Art kulturelle Evolution. Mit Hip-Hop, dem Genre der Protzer und Tittensprüche-Klopfer, wollen die Studentinnen einen Raum schaffen, in dem alle Geschlechter willkommen sind und aus dem sie bestärkt herausgehen. So bestärkt, wie sich Adiyaman und Luciano selbst fühlten, als sie in den Neunzigern gemeinsam zur Schule gingen und sich in der Pause auf dem Schulhof zum Singen verabredeten. Hip-Hop sei schließlich eine Emanzipationsbewegung gewesen, der Armen gegen Reiche, der Schwarzen gegen Weiße. Nun, finden die beiden, müsse das auch für benachteiligte Geschlechter gelten.