Die katholische Gemeinde in Myanmar will einen Konflikt mit der Regierung des Landes vermeiden. Vertreter forderten deshalb Papst Franziskus dazu auf, bei seinem Besuch in dem Land den Begriff "Rohingya" nicht zu verwenden. Dies könnte die Spannungen verschärfen, sagte der Kardinal der Stadt Rangun, Charles Maung Bo. Der Papst hatte als erste internationale Autorität bereits im Februar die Gewalt gegen die muslimische Minderheit der Rohingya verurteilt.

Ob das katholische Kirchenoberhaupt sich daran halten wird, ist nicht klar. Es sei kein verbotenes Wort, sagte Papst-Sprecher Greg Burke. Man müsse nun abwarten, was Franziskus sagen wird. Der Papst ist dafür bekannt, sich deutlich zu äußern.

Franziskus wird während seiner sechstägigen Reise neben Myanmar auch Bangladesch besuchen. In beiden Ländern stellen Katholiken nur eine kleine Minderheit. Es ist das erste Mal überhaupt, dass ein Papst Myanmar besucht. Im muslimischen Bangladesch war bisher nur Johannes Paul II.

Der Papst will sich am Dienstag mit Myanmars Friedensnobelpreisträgerin und De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi treffen. Sie wurde international dafür kritisiert, sich erst spät gegen die Vertreibung der Rohingya positioniert zu haben. In Bangladesch steht ein interreligiöses Treffen an, an dem auch Rohingya teilnehmen sollen. Laut dem offiziellen Programm wird der Papst in Bangladesch jedoch kein Flüchtlingslager besuchen. In Myanmars Nachbarland leben etwa 620.000 Rohingya, die vor Gewalt geflohen sind.

Katholische Kirche in Myanmar erwartet "Botschaft der Versöhnung"

Das buddhistische Myanmar sieht die muslimischen Rohingya als illegale Einwanderer aus Bangladesch und verweigert ihnen seit Jahrzehnten die Staatsbürgerschaft. Die Regierung nennt die Volksgruppe nicht Rohingya, sondern Beganli. "Wir wehren uns entschieden gegen den Begriff 'Rohingya'", hatte ein Diplomat gesagt. "Die Menschen in Myanmar akzeptieren diesen Begriff nicht und werden ihn auch in Zukunft nicht akzeptieren. Er hat nichts mit unserer Geschichte zu tun."

Vor mehr als einem Jahr war der Konflikt erneut eskaliert, seit August waren die Rohingya massenhaft nach Bangladesch geflohen. Die Vereinten Nationen berichten von Vergewaltigungen, Brandschatzungen und Massenerschießungen durch das myanmarische Militär. Die Militärführung bestreitet die Vorwürfe. 

Bangladesch ist mit der Situation überfordert, viele Rohingya leben dort in überfüllten Lagern unter katastrophalen Bedingungen. Zwischen den beiden Staaten war es deshalb zu Spannungen gekommen. Vor vier Tagen hatte Myanmar zugestimmt, dass die Flüchtlinge ab kommendem Jahr zurückkehren können. Es war jedoch unklar, ob die Rohingya freiwillig Bangladesch verlassen würden.

Kardinal Bo verlangte eine dauerhafte Lösung. Die Bischöfe in Myanmar seien "tief betrübt" über die Situation. "Wir lassen nicht nach, den Respekt ihrer Rechte zu fordern", sagte der Kardinal. Aung San Suu Kyi warf er ein zu langes Schweigen zur Rohingya-Krise vor.

Begriff Rohingya etablierte sich in den 1990er Jahren

Von Franziskus erwartete der Kardinal eine "Botschaft der Versöhnung" und Rückhalt für die noch junge Demokratie. Der Papst werde Politiker und Bürger "anspornen, dem Frieden eine Chance zu geben". Dies werde von "enormer Hilfe" für die katholische Minderheit bei ihrem Bemühen um Gerechtigkeit und den Aufbau einer inklusiven und freien Nation sein, sagte Bo der italienischen Tageszeitung Avvenire.

Vor seinem Abflug hatte Franziskus Katholiken aus aller Welt zum Gebet für seine Reise aufgerufen. Die Visite solle für die Menschen in Myanmar und Bangladesch "ein Zeichen der Nähe und der Hoffnung werden". 

Der Begriff der Rohingya als eine Volksgruppe oder ethnische Minderheit hat sich erst in den Neunzigerjahren verbreitet, schrieb die Wissenschaftlerin Annett Bochmann im Oktober auf Zeit Online. Muslime lebten zwar schon seit Jahrhunderten in Myanmar, hätten sich zuvor jedoch nicht als Gruppe mit einer eigenen Identität wahrgenommen. Insbesondere Aktivisten hätten die politischen Vorzüge erkannt: "Als ethnische Gruppe anerkannt zu sein bedeutete nämlich, dem Recht auf Staatsangehörigkeit näherzukommen und andere grundlegende Rechte einfordern zu können", schreibt Bochmann. Ihr Beispiel zeige, wie wichtig noch heute die Konstruktion von Ethnizität in Myanmar sei.