ZEIT ONLINE: Sie vertreten die Theorie, hinter dem exzessiven Gebrauch von Waffengewalt in den USA stecke eine nationale Mythologie. Wie sieht diese Mythologie aus?

Richard Slotkin: Es geht um den Mythos von der Eroberung des Westens, der gewaltsamen Unterwerfung der Natur und der Ureinwohner und später der gewaltsamen Inanspruchnahme von Sklaven. Grundsätzlich spreche ich davon, dass dieser Mythos in das amerikanische Selbstverständnis tief als Ressource eingebaut ist. Von dieser Mythologie zum Attentäter von Texas ist es natürlich ein weiter Weg. Doch hinter dem privaten Gebrauch von Waffengewalt steckt in den USA eine tief verwurzelte kulturelle Praxis.

ZEIT ONLINE: Inwiefern ist dieser in Europa anders kodiert?

Slotkin: Zunächst einmal gibt es in den USA eine weitaus breiter ausgelegte Lizenz für den privaten Gebrauch von Waffen. In Europa wird auf das Staatsmonopol der Waffengewalt wesentlich mehr geachtet. Zudem sind die USA ein Siedlerstaat, dessen Nation durch eine fortgesetzte Wanderung in unbesiedeltes Terrain gegründet wurde. Die Menschen waren also in der Wildnis auf sich gestellt. Somit war von Anfang an die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung da.

ZEIT ONLINE: Sehen sie sich noch heute als diese Siedler? 

Slotkin: Die Mythologie sitzt zumindest tief. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass der Aufbruch in unbesiedeltes Terrain mehr als 250 Jahre angedauert hat – von den ersten Siedlungen am Atlantik bis zur Füllung der großen Lücke zwischen dem Mississippi und Kalifornien. Während dieser Zeit war das amerikanische Militär eine Miliz. Die gesamte Bevölkerung war bewaffnet. Mit dem Bürgerrecht verbunden war auch das Recht auf Waffenbesitz.

ZEIT ONLINE: Es sei denn, man war schwarz. 

Slotkin: Genau. Schwarze durften bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg nicht in der Miliz dienen. Insofern ist das Recht, in den USA Waffen zu tragen, bis heute mit der ethnischen Identität verknüpft.

ZEIT ONLINE: Es gibt Staaten wie die Schweiz, in denen der Waffenbesitz genauso weitverbreitet ist wie in den USA. Trotzdem ist dort der Missbrauch von Waffen durch Privatpersonen nicht annähernd so hoch.

Slotkin: Die Geschichte des Rechts zur Selbstverteidigung spielt hierbei eine Rolle. In England erinnern wir uns an das Castle Law. Heißt, Bürger durften Gebrauch von Waffen machen, um ihr Heim zu verteidigen. In den USA wandelte sich diese Regelung zur True Man Defense. Darunter versteht man die Doktrin, dass jeder Bürger, der sich bedroht fühlt, auch außerhalb des Heims, in vorausgreifender Selbstverteidigung, schießen darf. In England bestand im Gegensatz zur USA also die Pflicht, sich zurückzuziehen, wenn man konnte.

ZEIT ONLINE: Sie vertreten die Theorie, dass die Rassenunruhen und soziale Umwälzungen in den 1960er-Jahren zu einem gesteigerten Bedürfnis von Selbstverteidigung geführt hätten. Ist diese kulturelle Einstellung auch noch bei Amokläufern wie dem Attentäter von Sutherland Springs zu finden?  

Slotkin: Ja, wir sehen hier eine Ethik des Tötens, um empfundene Verletzungen von Stolz und Würde zu sühnen. Diese Ethik stammt zum Teil aus dem alten Kodex des Duellierens. Diese Praxis war in den USA bis weit nach dem Bürgerkrieg verbreitet. Denken sie nur an den berühmten Showdown im Western. Die Waffe ist in den USA schon immer ein legitimes Mittel gewesen, um seine Ehre zu verteidigen. Wenn Leute glauben, dass ihr Status infrage gestellt wird, greifen sie nach der Waffe. Natürlich kommt bei Tätern wie Devin Kelley dazu, dass sie psychisch krank sind. Doch sie rationalisieren auf diese Weise ihre Irrationalität.