Nach massiver Kritik hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den Angehörigen von Opfern des Terroranschlags vor einem Jahr in Berlin eine bessere Unterstützung versprochen. Das kündigte sie vor einem Treffen mit Hinterbliebenen an. Sie wolle ihr Mitgefühl ausdrücken und deutlich machen, "wie sehr wir mit den Angehörigen, mit den Verletzten fühlen, wie sehr wir auch Dinge verbessern wollen." Das Treffen sei ihr sehr wichtig, sagte Merkel.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit kam die Kanzlerin dann am Nachmittag drei Stunden lang mit etwa 80 Opfern und Angehörigen des Attentats an der Gedächtniskirche zusammen. Dort versprach sie nach Informationen der deutschen Presseagentur dpa eine weitere Zusammenkunft im Jahr 2018. Dann solle berichtet werden, was die Bundesregierung an notwendigen Änderungen umgesetzt habe.

Der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, sagte, es seinen "sehr intensive Gespräche" gewesen: "Es war sehr gut, dass die Kanzlerin das gemacht hat, das hat zur Entspannung geführt".

Die Kanzlerin hatte im Vorfeld des Treffens gesagt, sie wisse, dass sich einige ein solches Treffen früher gewünscht hätten. Der Opferbeauftragte habe eine ganze Reihe von Dingen deutlich gemacht, die unzureichend seien. Die Lage der Opfer solle nun "mit aller Kraft" verbessert werden, sagte Merkel. Das gelte auch für all die Fragen um den Attentäter Anis Amri. Ihr sei auch bewusst, so Merkel weiter: "Dieses Leiden, diese völlige Veränderung des eigenen Lebens wird nicht gutzumachen sein, und trotzdem zeigen wir Anteilnahme und werden auch da, wo Dinge verbessert werden müssen, sie verbessern."

Beim Anschlag vom 19. Dezember 2016 waren insgesamt zwölf Menschen getötet worden, als Amri einen Lkw in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche steuerte. Zahlreiche weitere Passanten wurden zum Teil schwer verletzt. 

Opferbeauftragter: Deutschland mangelhaft vorbereitet

Nach dem Anschlag hatte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck die Betroffenen besucht, nicht aber Merkel. In letzter Zeit hatten die Hinterbliebenen scharfe Kritik an der Bundesregierung geübt. In einem offenen Brief hatten Angehörige der Opfer Merkel Untätigkeit und politisches Versagen vorgeworfen. Sie beklagten außerdem Bürokratie-Wirrwarr und zeigten sich verbittert, dass Merkel weder persönlich noch schriftlich kondoliert habe.

Der Opferbeauftragte der Bundesregierung, der SPD-Politiker Beck, sagte im ZDF-Morgenmagazin, dass sich die Bundeskanzlerin erst ein Jahr nach dem Anschlag mit Opfern und Hinterbliebenen treffe, sei sicher "keine böse Absicht", wohl aber eine "Fehleinschätzung". Der Vorgang zeige, dass Deutschland bislang nicht ausreichend auf einen solchen Anschlag vorbereitet gewesen sei. Der einstige rheinland-pfälzische Ministerpräsident wiederholte seine Forderungen, für ähnliche Fälle eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene einzurichten sowie höhere Soforthilfen und Entschädigungen für Hinterbliebene bereitzustellen. 

Angehörige vermissen persönliches Kondolenzschreiben

Die Eltern des von Amri getöteten polnischen Lkw-Fahrers Łukasz Urban warfen der Bundesregierung mangelnde Anteilnahme vor. Ihre Familie hätte sich ein "persönliches Kondolenzschreiben" oder ein ähnliches Signal gewünscht, sagte Janina Urban, die Mutter des getöteten Fahrers, der Deutschen Welle. Sein Vater Henryk Urban nannte die deutschen Behörden "respektlos".

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) erinnerte an die Opfer des Terroranschlags. "Der 19. Dezember 2016 hat sich in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingebrannt", sagte er. Der Ort, an dem Menschen die Weihnachtszeit genießen wollten, sei innerhalb kürzester Zeit "ein Ort der Trauer und des Leids, der das Leben vieler beendet und dramatisch verändert hat", geworden.

Am Dienstag jährt sich der Anschlag zum ersten Mal. Politik und Kirchenvertreter wollen mit einer Gedenkstunde zusammen mit Hinterbliebenen an die Opfer des Terroranschlags erinnern. Berlins Regierender Bürgermeister Müller weiht am Mittag den Gedenkort ein – einen 14 Meter langen, goldfarbenen Riss sowie die auf die Treppenstufen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche angebrachten Namen der zwölf Toten.

Zudem findet am Vormittag in der Kirche eine interreligiöse Andacht statt, bei der auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprechen wird. Am Nachmittag ist auf dem Breitscheidplatz eine Mahnwache geplant, bei der Notfallseelsorger für Gespräche bereit stehen. Am Abend soll es ein ökumenisches Friedensgebet in der Gedächtniskirche geben.

Berlin - Die Angst vor dem Terror Der Anschlag vom Breitscheidplatz hat viele Menschen geängstigt. Doch Angst vor Terrorismus ist nicht gleichzusetzen mit einer Angststörung. © Foto: ZEIT ONLINE