Im Prozess um den Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund hat der Verteidiger des mutmaßlichen Attentäters der Staatsanwaltschaft Befangenheit vorgeworfen. Oberstaatsanwalt Carsten Dombert habe sich frühzeitig auf Ergebnisse festgelegt und entlastende Umstände für den Angeklagten Sergej W. nicht gesucht, sagte Carl W. Heydenreich zum Prozessauftakt vor dem Dortmunder Landgericht.

Heydenreich kritisierte zudem, dass Ermittlungsergebnisse an die Öffentlichkeit gelangt seien. Er sprach von einer "beispiellosen medialen Vorverurteilungskampagne". Oberstaatsanwalt Dombert wiederum warf Heydenreich vor, er wolle "unseriös Stimmung" machen. Er hätte gerne entlastende Umstände ermittelt, aber diese habe es "schlicht und einfach" nicht gegeben. "Ich fühle mich nicht befangen", sagte der Oberstaatsanwalt.

Der Prozess hatte am Donnerstag etwa acht Monate nach dem Anschlag begonnen. Sergej W. soll am 11. April 2017 drei Sprengsätze gezündet haben, als der mit 27 Menschen besetzte Mannschaftsbus gerade am Dortmunder Team-Hotel abgefahren war. Bei der Explosion waren Metallsplitter in den Bus eingedrungen, der BVB-Abwehrspieler Marc Bartra und ein Polizist wurden verletzt.

Angeklagter erzielte 6.000 Euro Gewinn

Zehn Tage nach dem Attentat wurde Sergej W. in Baden-Württemberg festgenommen. Der Deutschrusse hat nach früheren Angaben der Behörden erklärt, in Dortmund lediglich Urlaub gemacht zu haben. Das Motiv des Angeklagten war nach Ansicht der Ermittler Habgier. Er soll vor dem Anschlag auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie gewettet haben. "Der Angeklagte handelte, um sich zu bereichern", sagte Oberstaatsanwalt Carsten Dombert bei Verlesung der Anklage.

Sergej W. soll in der Woche vor dem Bombenanschlag für mehr als 26.000 Euro Optionsscheine gekauft haben, mit denen er an der Börse auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie spekulierte. Bei einem Kursverfall der BVB-Aktie auf einen Euro hätte der Gewinn laut Anklage rund eine halbe Million Euro betragen. Tatsächlich soll der 28-Jährige an der Börse ein Plus von knapp 6.000 Euro erzielt haben.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm deshalb einen aus Habgier, heimtückisch und mit gemeingefährlichen Mitteln begangenen 28-fachen versuchten Mord vor. Zudem wird ihm das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt.

Bus sollte laut Verteidiger gar nicht getroffen werden

Der Angeklagte selbst äußerte sich nicht zu den Vorwürfen. Sein Anwalt ließ offen, ob er am zweiten Verhandlungstag am 8. Januar Angaben machen wird. "Ob und wie er sich zur Sache äußern wird, wird zunächst das Gericht erfahren", sagte Heydenreich nach Ende des ersten Verhandlungstags.

Seiner Ansicht nach könne von einem gezielten Attentat keine Rede sein. "Es liegt doch nahe, dass der Bus gar nicht getroffen werden sollte", sagte er. Schließlich seien nur zwei von Hunderten Metallstiften in das Fahrzeug eingedrungen. "Und der Bus ist ja kein Kleinwagen." Damit wollte der Verteidiger aber ausdrücklich nicht zum Ausdruck bringen, dass sein Mandant die Bomben gezündet habe.

Ob Spieler und Trainer von Borussia Dortmund in dem Prozess als Zeugen geladen werden, blieb zunächst offen. BVB-Anwalt Alfons Becker geht allerdings davon aus, dass zumindest einige Profis aussagen werden. Becker machte in dem Verfahren Schadenersatzansprüche geltend und beantragte mindestens 15.000 Euro Schmerzensgeld für den verletzten Spieler Bartra. Der damalige Anschlag sei für die betroffenen Spieler ein "erschütternder Augenblick" gewesen, sagte der Anwalt. Das sei "an die Substanz gegangen".