Acht Monate nach dem Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter. Sergej W. wird vor dem Dortmunder Landgericht unter anderem 28-facher Mordversuch vorgeworfen. Die Anklage geht davon aus, dass W. im April in einer Hecke unweit des Mannschaftshotels drei selbst gebaute Sprengsätze deponiert und beim Vorbeifahren des BVB-Busses per Fernzünder zur Explosion gebracht hat.

Eingebaute Metallstifte flogen bis zu 100 Meter weit und beschädigten auch den Innenraum des Busses. Sie drangen teils in Kopfstützen ein und verletzten BVB-Abwehrspieler Marc Bartra. Er musste mit einem Bruch des Unterarms ins Krankenhaus gebracht werden. Ein Polizist, der den Bus auf einem Motorrad begleiten sollte, erlitt ein Knalltrauma. Die Tat unmittelbar vor einem Champions-League-Heimspiel des Bundesligaclubs gegen den AS Monaco löste bundesweit Entsetzen aus. Das Spiel wurde abgesagt und am nächsten Abend nachgeholt.

Zehn Tage nach der Tat nahmen Beamte der GSG 9 Sergej W. im Raum Tübingen (Baden-Württemberg) fest. Die Ermittler vermuten, dass W. von einem Fenster des Hotels, in dem auch die Mannschaft des BVB untergebracht war, den Bus beobachtete und die Bomben manuell zündete. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden Ermittler handschriftliche Notizen, die den Hauptverdächtigen belasten, da sie Überlegungen über Funkzündungen und das Wort Hecke beziehungsweise Gebüsch enthalten.

Warum wollte der mutmaßliche Täter den BVB treffen?

Das Motiv des Angeklagten war nach Ansicht der Ermittler Habgier. Er soll vor dem Anschlag auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie gewettet haben. Der BVB ist der einzige Fußballverein in Deutschland, dessen Aktien an der Börse gehandelt werden. Laut Anklage kaufte W. kurz vor dem Anschlag im BVB-Mannschaftshotel 15.000 Verkaufsoptionen – und schloss damit sozusagen eine Wette auf einen fallenden Kurs der Aktie ab. Den Kauf bezahlte er mit einem Verbraucherkredit in Höhe von 40.000 Euro, den er allerdings nicht komplett nutzte.

Nach dem Anschlag am 11. April waren die Ermittler kurzzeitig von einem islamistisch motivierten Verbrechen ausgegangen. In der Nähe des Tatorts fand die Polizei drei gleichlautende vermeintliche Bekennerschreiben. Sie stellten sich als Ablenkungsmanöver heraus. Auch rechtsextreme und linksradikale Bekennerschreiben waren Fälschungen von Trittbrettfahrern.

Hätte Sergej W. mit einem Kurssturz reich werden können?

Wäre der Kurs tatsächlich auf einen Euro abgerutscht, hätte Sergej W. den Ermittlern zufolge mehr als eine halbe Million Euro Gewinn gemacht. Die BVB-Aktie verlor nach dem Anschlag jedoch nur wenige Prozentpunkte, und das auch nur vorübergehend. Laut Ermittlern soll der Angeklagte die Finanzprodukte in den Tagen nach der Tat verkauft und dabei letztlich einen Gewinn von knapp 5.900 Euro erzielt haben. Die genauen Details soll nun der Prozess klären.

Der Plan des Angeklagten fiel schnell auf: Algorithmen melden, wenn die Umsätze von den sonst üblichen Mustern abweichen. So sollen Insiderhandel oder Geldwäsche verhindert werden. Die BVB-Aktie wird vergleichsweise wenig gehandelt, deshalb meldete die Comdirect Bank den Käufer bei der Polizei

Was sagt der Angeklagte zur Tat?

Die Ermittler konnten sehr ausführlich die einzelnen Schritte des mutmaßlichen Attentäters dokumentieren, und wie planvoll er vorging. Nach seiner Festnahme leugnete Sergej W. die Tat und gab an, in Dortmund lediglich Urlaub gemacht zu haben. Im Prozess wird er wohl schweigen.

Sein Verteidiger, Carl W. Heydenreich, stellte in den Tagesthemen eine Tötungsabsicht seines Mandanten in Abrede. Nur zwei Metallstifte hätten den Bus getroffen. Die übrigen seien weit verteilt "in der Pampa" gelandet. Heydenreich kritisierte außerdem, dass sich die Ermittler zu einseitig auf die Motive Mord und Habgier konzentriert hätten. Auch dass immer wieder Details der Ermittlungsarbeit Medien zugespielt wurden, hätte den Angeklagten vorverurteilt.

Wie ging der Verein mit dem Anschlag um?

Der Umgang mit dem Anschlag wurde beim BVB kontrovers diskutiert. Mehrere Spieler sollen sich gewünscht haben, das Spiel nicht schon einen Tag nach dem Anschlag nachzuholen. Dortmund verlor schließlich gegen Monaco mit 2:3 und flog aus der Champions League. Der BVB-Trainer Thomas Tuchel verließ den Verein unter anderem wegen des Umgangs mit dem Anschlag.

Auch BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, den Tuchels Kritik damals traf, fällt es noch heute schwer, über die Geschehnisse am 11. April zu reden: "Das war schon eine Extremsituation", sagte er. Lange Zeit wurden die BVB-Profis psychologisch betreut: "Wir haben intensiv beobachtet, ob sich bei dem einen oder anderen Spieler eine posttraumatische Störung entwickelt hat", sagt Watzke. Besonders die Schmerzensschreie des Spaniers Bartra seien den Profis lange in Erinnerung geblieben. Mehrere Spieler von Borussia Dortmund haben sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen.

Watzke verwies auch auf die Warnungen von Psychologen, wonach das Risiko für posttraumatische Störungen besonders sechs, sieben Monate nach einem solchen Attentat extrem hoch ist. "Wir haben da professionelle Hilfe", sagte er. Das Fußballmagazin 11 Freunde schrieb in dem Zusammenhang kürzlich über die Frage, ob die Belastungen der Spieler womöglich auch etwas mit der aktuell schlechten spielerischen Leistung des BVB zusammenhingen.

Fußballweltmeister Matthias Ginter, der als BVB-Spieler bei dem Anschlag im Mannschaftsbus saß, sagte der Süddeutschen Zeitung, dass die Spieler sehr unterschiedlich mit dem Bombenattentat umgegangen seien. Einige hätten schon am nächsten Tag wieder Späße gemacht, andere hatten die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Ginter war auch 2015 dabei, als die Nationalmannschaft in Paris spielte und die französische Hauptstadt von Terroranschlägen erschüttert wurde. Zeitweise habe er sogar daran gedacht, mit dem Fußballspielen aufzuhören, sagte er.

Auch der frühere Dortmund-Spieler Mikel Merino, der jetzt in England für Newcastle spielt, berichtete von großen Ängsten der Spieler. "Wir dachten, wir würden sterben", sagte er dem britischen Guardian. "Wir wussten ja nicht, ob es noch mehr Bomben geben würde."