Medien sollen selbstkritisch sein, Bürger informiert, und gewisse Präsidenten bitte vernünftig: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Sonntag verdeutlicht, was Pressefreiheit im Jahr 2017 seiner Ansicht nach bedeutet. "Die Selbstkritik, die ganz selbstverständlich von Politikern gefordert wird, ist auch von Medienmachern zu erwarten", sagte Steinmeier bei der Verleihung des Marion Dönhoff Preises für internationale Verständigung und Versöhnung an die New York Times in Hamburg.

Für ihren kritischen Blick nach außen wie nach innen gebühre der Zeitung besonderer Respekt. "Gerade jetzt, wo auch wir in Deutschland kritische Debatten in und über die Medien führen, sei es über die Berichterstattung in der Flüchtlingskrise oder über den richtigen Umgang mit den Tabubrüchen populistischer Parteien", so Steinmeier.

Medienmacher, die "zur Volkserziehung neigen"

"Gute Journalisten" seien "Autoritäten in der Demokratie", sagte Steinmeier, "aber Journalisten sind nicht die besseren Politiker". Die New York Times sei "manchem deutschen Medienmacher, der gerade in diesen Zeiten zur Volkserziehung neigt", vielleicht "einen Schritt voraus", weil sie auf Populismus nicht mit Selbstüberhebung, sondern mit "Selbstbescheidung auf die eigentliche, die noble Aufgabe der Aufklärung" reagiert habe.

Dean Baquet - New-York-Times-Chefredakteur glaubt an »Real News« Der Chefredakteur der New York Times, Dean Baquet, glaubt, dass Leser den Wert von echten Nachrichten erkennen. Aber Medien müssten ihre Arbeit transparenter machen. Das sagte er am Rande der Verleihung des Marion Dönhoff Preises. © Foto: Robert Euting

Der Bundespräsident nannte die Zeitung laut Redetext einen "Leuchtturm der Vernunft in einem Zeitalter grassierender Unvernunft". US-Präsident Donald Trump erwähnte er zwar nicht namentlich, meinte ihn aber offensichtlich, als er sagte: "Wir ehren ein Flaggschiff der Pressefreiheit in einer Zeit, in der Deniz Yücel und Hunderte Journalisten in der Türkei im Gefängnis sitzen, in der in Russland unabhängige Zeitungen zu ausländischen Agenten erklärt werden, und in der selbst in westlichen Demokratien der Sinn und Wert der freien Presse infrage gestellt wird, und sei es nur mal nebenbei per Tweet am frühen Morgen."

Steinmeier bezeichnete es als "großes Glück, frei und unabhängig informiert zu sein". Dies sei überlebensnotwendig für die Demokratie. "Informiert zu sein ist Bürgerrecht – und ich glaube, Bürgerpflicht! Demokrat zu sein und uninformiert zu bleiben – das verträgt sich nicht." Kein Wähler und auch kein Präsident könne es sich erlauben, uninformiert zu sein. "Und deshalb dürfen wir keinen Millimeter zurückweichen, wenn die Pressefreiheit angetastet wird. Fällt diese Freiheit, fällt alle Freiheit."

Marion Gräfin Dönhoff war Chefredakteurin und Mitherausgeberin der ZEIT.