Am Ende, als die deutschen Beamten in Bagdad vor ihr stehen, ist da nichts als Erleichterung bei Linda W. Die drei Beamten des Bundeskriminalamtes und ein Islamwissenschaftler müssen auf die 17-jährige Deutsche wie Retter wirken – dabei sind sie Abgesandte jenes deutschen Staates, den Linda W. zeitweilig so verachtet hatte. 



Sie treffen Linda in einem Spezialgefängnis der Antiterror-Einheit der irakischen Armee von Bagdad. Fünf Betten hat das Zimmer, in dem Linda untergebracht ist. Vor der Tür stehen Wachposten der irakischen Armee. Sie wolle geduzt werden, sagt Linda. Und sie wolle ihre Geschichte erzählen.



Was dann folgt, ist die Geschichte eines jungen Mädchens, das von zu Hause weglief, weil es sich von seiner Mutter nicht mehr verstanden fühlte, das vom Islam gehört hatte, ohne ihn zu verstehen, und ein Jahr später in Mossul aufgegriffen wurde, im zerfallenden Reich des "Islamischen Staates". Müde ist sie, erschöpft und verletzt, äußerlich nur leicht, umso mehr aber innerlich. Die Geschichte, die Linda den deutschen Beamten in der Haftanstalt von Bagdad erzählt, ist die einer Verirrung mit brutalen, potenziell tödlichen Folgen. 



Mitläuferinnen oder Überzeugungstäterinnen?

Für den deutschen Staat ist es zugleich die Geschichte eines ungewöhnlichen Rechtsfalls: Im Irak drohen Linda und drei weiteren deutschen Frauen, die derzeit zusammen in Bagdad im Gefängnis sitzen, hohe Haftstrafen. In Deutschland stellt sich die Frage, wie sehr sich der Staat darum bemühen soll oder muss, um seine Bürgerinnen zurückzuholen. Wie viel Milde haben Linda und die drei anderen Frauen verdient, angesichts einer mehr oder weniger offenen Sympathie für das Terrorregime des IS?



Das junge Mädchen wird Mitte Juli im Nordirak festgenommen, in Mossul ist die irakische Armee dabei, die jahrelang vom IS besetzte Millionenstadt zu befreien. In einem Tunnelgewölbe entdeckt eine irakische Spezialeinheit eine Gruppe von Frauen, darunter Linda. Festgenommen werden auch Fatima M., 30, aus Detmold und Lamia K., 50, sowie ihre erwachsene Tochter Nadja, 20, aus Mannheim. Sie alle gelten als die Frauen des IS, die irgendetwas sind zwischen Aufständischen an der Seite der IS-Kämpfer und deren Leibeigene. 



Im Sommer 2016 war Linda abgehauen, ein Mädchen mit rotem Haar und unschuldigen Pausbäckchen, das in einer sächsischen Kreisstadt in der Nähe von Meißen lebt. Sie fliegt am 2. Juli 2016 von Dresden nach Istanbul. Linda ist da gerade 15 Jahre alt. Sie leidet unter der Trennung ihrer Eltern, sie fühlt sich unverstanden und vernachlässigt, so erzählen es zwei ihrer Schwestern später der Polizei. Als in der Schule das Thema auf den Islam kommt, fragt Linda nach. Kauft sich Bücher, liest, diskutiert. Via Facebook nimmt sie Kontakt zu anderen jungen Frauen auf, die sich als gläubige Musliminnen bezeichnen und ihr Material schicken. In einer Telefonkonferenz mit den anderen Mädchen konvertiert Linda nach eigenen Angaben zum Islam.



"Hier ist alles besser"

Als die Ermittler später Lindas Zimmer durchsuchen, finden sie einen Gebetsteppich, einen Koran und ein Tablet mit Dschihad-Videos, die bewaffnete Frauen und Hinrichtungen zeigen. Auf einem der Videos wird den Deutschen gedroht, Bomben würden in der Bundesrepublik detonieren, sagt ein Sprecher. Offenbar hat sich Linda mit dem Virus des Dschihad infiziert. 
Im Reich des IS angekommen, ist Linda anfangs euphorisch. Als sie eine Freundin aus Deutschland per Chat anfleht, sie möge bitte zurück nach Hause kommen, antwortet sie cool: "Ich habe Wichtigeres zu tun, als mir so ein Rumgheule von euch anzuhören. Von wegen komm zurück. Werd ich nicht und will ich nicht !!! Hier ist alles besser".



In Bagdad, während der Vernehmung, fragen die Ermittler sie nach dem Islam, was das heiße? Was der Begriff genau bedeute, wisse sie nicht, antwortet Linda. Sie nennt die fünf Säulen, "Glaubensbekenntnis also Shahada, Sellah, Haj und ähm Fasten, also Ramadan". Wer die Propheten seien, wollen die Leute vom BKA wissen. "Na, da gibt es doch so ein paar", antwortet Linda, "der eine heißt Muhammed. Ach, die anderen sind Gesandte Gottes." Offenkundig versteht das Mädchen nicht viel vom Islam. 


In Sachsen, vor ihrer Flucht, hat sie Texte von radikalen Vorbetern wie Sven Lau oder Pierre Vogel gelesen, sie hat gehört, dass aufrechte Muslime angeblich in ein Land ziehen sollen, wo die Scharia gilt. Als sie auf Facebook ein fremder Mann kontaktiert und auffordert, sich ein Flugticket nach Istanbul zu kaufen, fälscht sie die Unterschrift ihrer Mutter, geht in ein Reisebüro und bucht ein Ticket.