Eine Gummisandale liegt auf dem rissigen Fliesenboden, dahinter ein rosa Plüschtier neben einem zerrissenen Schulheft. Alles andere ist kaum mehr zu erkennen. Viel Zeit hatten die Bewohner offenbar nicht, als sie die Wohnung verließen. Überall liegt Gerümpel herum, doch Jue Hao wird nicht fündig. "Wir brauchen einen Tisch", sagt der 25-Jährige. Er zeigt auf den Wohnblock gegenüber. Die Hausfassade ist abgerissen. Im dritten Stock sind die Umrisse einer Wohnung zu erkennen.

Dort habe er vor zwei Wochen mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder noch gewohnt, sagt er. Zwischen Glassplittern und Gerümpel ist oben in einer Ecke noch der Kühlschrank zu erkennen, an anderer Stelle das Gestell eines Metallbettes. Die Treppe ist allerdings zerstört, verbogene Stahlträger liegen frei. Der Beton bröckelt. "Zu gefährlich", sagt Jue Hao trocken. "An unsere Sachen kommen wir nicht mehr heran."

Jue Hao ist in die Ruinen seines einstigen Wohnviertels zurückgekehrt, um nach einigen seiner Habseligkeiten zu suchen. Als sie ihn vertrieben hatten, war auch für ihn kaum Zeit, die wichtigsten Sachen mitzunehmen. "Sie klopften an die Tür und teilten uns mit, dass wir in drei Tagen ausziehen müssen", sagt er. Dann kamen auch schon die Bagger. Jue Hao repariert von Berufs wegen eigentlich Computer. Offiziell gilt er aber als Wanderarbeiter, so wie – bisher – unzählige andere Beschäftigte in der Stadt auch. Jetzt will Peking sie nicht mehr.

Viele farblose Hochhäuser

Mehr als zwanzig Jahre lang hat es diese Siedlung in Daxing am südlichen Stadtrand gegeben. Die meisten der vier- bis sechsstöckigen Wohnhäuser waren zwar heruntergekommen, boten den Wanderarbeitern im ansonsten teuren Peking aber noch bezahlbaren Wohnraum. Im Pekinger Süden stehen noch nicht so viele moderne Bauten aus Stahl und Glas wie im Zentrum, Norden oder Westen der chinesischen Hauptstadt. Neben den Wanderarbeiterunterkünften ist Daxing auch bekannt für seine vielen Textilfabriken, Lagerhallen und Handwerksbetriebe. Das meiste davon ist nun auch nicht mehr da.

Elig verlassen: eine leerstehende Wanderarbeiterwohnung in Peking, die zum Abriss freigegeben ist © Felix Lee

Abrissarbeiten gehören in Peking zum Alltag. In einer Stadt, deren Verwaltung unter einer modernen Hauptstadt den Bau von immer mehr farblosen Hochhäusern versteht, ist für Altes kein Platz. Doch was sich in diesen Wochen abspielt, hat es in dem Ausmaß noch nicht gegeben. So wie Jue Hao und seiner Familie ergeht es derzeit Hunderttausenden. An mehr als hundert Orten der 22-Millionen-Metropole sind in diesen Tagen Bagger und Abrisstrupps unterwegs und machen Tausende von Wohnblöcken, in denen überwiegend Wanderarbeiter leben, dem Erdboden gleich. Offiziell heißt es, die Aktion sei Teil einer 40-tägigen "Sicherheitskampagne". In den sozialen Medien ist von der "größten Säuberungswelle der letzten Jahrzehnte" die Rede.

Nur das Notwendigste haben Jue Hao und seine Familie mitnehmen können, das, was sie tragen konnten. Er ist mit seinen Eltern vorläufig bei Bekannten untergekommen. Sein Bruder hat Peking verlassen und sucht im Süden des Landes nach Arbeit und einer neuen Bleibe. Der Familie fehlt es nun an allem: Töpfe, Decken, Möbel – vor allem aber an einer Perspektive, wie es für sie weitergeht.

Jue Hao ist in Peking geboren, die Heimat seiner Eltern auf dem Land kennt er nur von Verwandtschaftsbesuchen. Er hat noch nie in seinem Leben einen Acker bestellt. Er kennt nur das Großstadtleben. Mit seinem monatlichen Einkommen von gerade einmal 5.000 Yuan (640 Euro) kann er sich angesichts der horrenden Mieten keine neue Wohnung leisten. Das Signal, dass die Pekinger Stadtführung mit dem Massenabriss der Wanderarbeitersiedlungen aussendet, ist denn auch eindeutig: Ihr seid hier nicht mehr erwünscht.