Auslöser für die Abrisswelle war ein Feuer am 18. November in einem Wohnhaus in Daxing, nicht weit von der Siedlung, in der auch Jue Hao lebte. 19 Menschen kamen dabei ums Leben. Für chinesische Verhältnisse keine Seltenheit. Immer wieder kommt es in den dicht bebauten Wohnsiedlungen der Wanderarbeiter und auf den Fabrikgeländen zu schweren Bränden oder Unfällen, mit oft Dutzenden von Toten, erst am Mittwoch starben fünf Menschen bei einem Brand in einem Pekinger Wanderabeiterquartier. Die meisten Unfälle sind auf mangelnden Brandschutz zurückzuführen. Viele dieser Unterkünfte erfüllen tatsächlich nicht die Bauvorschriften, sind illegal errichtet, oft überfüllt und die Feuergefahr ist groß. Verständlich also, dass die Stadtregierung dagegen vorgeht.

"Doch warum ausgerechnet jetzt?", fragt Liu Jintao. "Im tiefen Winter. Und warum so rabiat?" Der 28-Jährige trägt Kapuzenshirt, eine grüne Bomberjacke und raucht dünne Zigaretten. Er sitzt in einem Kellerraum in einem gepflegten Backsteinhaus im wohlhabenden Westteil der Stadt nicht weit der großen Pekinger Universitäten.

Vorn: abgerissene Wanderarbeiter-Behausungen. Hinten: die Zukunft in neuen Hochhäusern. Ort: das Pekinger Baiqiang-Viertel © REUTERS/Thomas Peter

Liu war bis vor Kurzem noch Kunststudent an der nahe gelegenen Nationalitäten-Universität. Sein Professor hatte den Raum angemietet, um von da aus Projekte mit Wanderarbeitern zu initiieren. Auch Liu hatte Wanderarbeiter interviewt, sie nach ihren Lebensverhältnissen befragt und daraus einen Dokumentarfilm gedreht. Sie kennen einige der nun Vertriebenen, den Kellerraum haben die Studenten zu einer Notunterkunft hergerichtet. Gegenüber dem Sofa und einem Wohnzimmertisch steht ein frisch bezogenes Bett.

"Sie putzen den Parteibonzen die Klos"

Das Problem mit dem unzureichendem Brandschutz sei seit Langem bekannt, sagt Liu. Gestört hatte das bei den Behörden niemand. Vielmehr seien die billigen Unterkünfte lange Zeit erwünscht gewesen. "Schließlich sollte auch die Wanderarbeit billig bleiben."

Liu redet sich in Rage. "Sie schuften auf Pekings Baustellen, putzen den Parteibonzen und ihren Familien ihre Klos und kehren auf den Straßen den Dreck weg. Sie sind es auch, die Räder und Autos reparieren, kaputte Glühbirnen austauschen und beim Online-Einkauf binnen weniger Stunden die Pakete liefern."

Im Daxing-Viertel nach dem großen Abriss © Kevin Frayer/Getty Images

In Peking ist jeder dritte Beschäftigte Wanderarbeiter. Landesweit sind es über 280 Millionen, die ihre Dörfer verlassen haben und auf der Suche nach Arbeit in die boomenden Metropolen gezogen sind. Rechte haben sie in den Städten keine. Denn offiziell sind sie weiter in ihrer Heimat auf dem Land registriert – selbst wenn sie zum Teil seit 20 oder 30 Jahren nicht mehr dort leben. Chinas regides Wohnortregistrierungssystem (Hukou) bindet soziale Leistungen wie Krankenversorgung, Rente oder den Schulbesuch der Kinder an den Geburtsort. Eine Ummeldung ist nur schwer möglich. In den Städten sind Wanderarbeiter quasi illegal. Darum scherte sich auch niemand um ihre Unterkünfte. Nur zu teuer sollten sie nicht sein. Sonst wären sie womöglich weggeblieben.

Doch nun findet die Regierung, dass Peking zu voll ist. Rund 23 Millionen Einwohner zählt die Hauptstadt, eine Verdreifachung in den letzten 25 Jahren. Auf 20 Millionen will die Stadtregierung die Bevölkerungszahl bis 2020 drücken. "Die Einwohnerzahl übersteigt die Kapazität", sagt Cai Qi, Parteichef von Peking. Und wer soll die Stadt verlassen? Die Wanderarbeiter.